Still ist es geworden um den "digitalen Graben" zwischen denen, die online sind, und denen, die noch immer keinen Zugang zum Internet, ja nicht einmal einen Computer haben. Dabei befinden sich weite Teile der Dritten Welt nach wie vor im Prä-Informationszeitalter.

Nicholas Negroponte vom MIT Media Lab in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts startete vor einem halben Jahr ein ehrgeiziges Projekt, um Abhilfe zu schaffen: den 100-Dollar-Laptop. Dazu will er die tragbaren Rechner entrümpeln. Zuerst fliegen teure Programme raus. "Heutige Laptops sind fett geworden", sagt Negroponte, "zwei Drittel der Software managen das andere Drittel, das die gleichen Aufgaben auf neun verschiedene Arten erledigt." Hinzu komme, dass die Hälfte des Verkaufspreises für Marketingkosten und ein Viertel für den Flachbildschirm draufgehe.

Negropontes Konzept setzt auf drei Elemente: eine entschlackte Version des lizenzgebührenfreien Betriebssystems Linux sowie einen Schwarzweiß-Flachbildschirm. Der lasse sich für 30 Dollar produzieren und könne auch bei Sonnenlicht im Freien genutzt werden. Marketingkosten will er dadurch einsparen, dass die Geräte direkt an die Bildungsministerien von Entwicklungsländern geliefert werden. In Gegenden ohne Stromversorgung sollen die Batterien mittels eines Handkurbeldynamos wiederaufladbar sein. Diese Technik wurde Anfang der Neunziger vom Briten Trevor Bayliss für Radios in der afrikanischen Provinz erfunden.

Negroponte hält nichts von einem Gemeinschaftscomputer, den sich ein ganzes Dorf teilt. Sein Ziel lautet: für jedes Kind einen Laptop. "Es gibt ja auch keine Gemeinschaftskugelschreiber, Kinder haben ihre eigenen", sagt der Media-Lab-Gründer. Inspiration war für ihn ein Projekt mit Schulkindern in Kambodscha, die alle mit einem eigenen Gerät ausgestattet wurden. "Auf dem Weltgipfel der Informationsgesellschaft in Tunis im November wollen wir den ersten Prototyp zeigen", sagt Media-Lab-Sprecherin Alexandra Kahn. Anfang 2007 sollen die ersten serienreifen 100-Dollar-Laptops verteilt werden. Insgesamt sollen 200 Millionen produziert werden.

Weiter fortgeschritten ist bereits das indische Simputer-Projekt, das einen anderen Ansatz gewählt hat. Dessen Drittweltrechner ist kein Laptop, sondern ein kleiner Handcomputer, der dasselbe Format wie ein Organizer hat, ebenfalls mit Linux läuft und über einen Plastikstift bedient wird. Doch der Amida Simputer, der bereits seit über einem Jahr von einem indischen Firmenkonsortium produziert wird, hat es in sich. Die Programme sind exakt auf die Anforderungen des Subkontinents zugeschnitten. E-Mails können per Hand in jeder beliebigen Schrift oder in Zeichnungen verfasst und ohne Aufruf eines E-Mail-Programms verschickt werden. Inder, deren Muttersprache Hindi oder Kannada ist, können auch eine Tastatur mit den entsprechenden Schriftzeichen einblenden.

Und der Simputer geht über gängige Organizer noch hinaus: Mittels einer "Flip Flop" genannten Technologie – deren Herzstück ein Beschleunigungssensor ist – kann man das Bild verändern. Umblättern? Einfach die Hand mit dem Simputer schnell nach rechts drehen. Heranzoomen? Die Hand schnell zum eigenen Körper hinziehen.

Mit 200 Dollar ist der Simputer zwar teurer als Negropontes geplantes Gerät. Dafür können sich mehrere Nutzer den Simputer teilen. In einen Schlitz können sie Smart Cards schieben, auf denen das Nutzerprofil und weitere Daten gespeichert sind. Während Negropontes Projekt vor allem auf die digitale "Literacy" von Kindern zielt, wird der Simputer bislang im Wesentlichen von Firmen und Behörden genutzt. In 200 Dörfern im Bundesstaat Karnataka werden mit dem Gerät landwirtschaftliche Daten digitalisiert. "Bisher sind etwa 2500 Geräte ausgeliefert worden", sagt eine Sprecherin des Vertreibers Picopeta Simputer Ltd. Bald wolle man auch einen Vertriebspartner in Europa finden.

Indien, der neue Tigerstaat in der IT-Welt, zeigt mit dem Simputer, dass es mehr kann, als westliche Technik zu übernehmen. Nur bei den vorinstallierten E-Books gibt sich der Amida Simputer recht europäisch: Drei der vier Geschichten sind von Hans Christian Andersen.