theater Schnee von morgen

Anhaltende Herzenskälte am Schauspielhaus Zürich: Der neue Intendant Matthias Hartmann inszeniert Botho Strauß, Barbara Frey seziert Ibsen, und Igor Bauersima scheitert an sich selbst

Es schneit, und der Schnee wärmt jene, die erfroren sind, während er fiel. Ein eisigbleiches Leichentuch bedeckt am Ende Ibsens John Gabriel Borkman; den Anfang des neuen Botho-Strauß-Stücks wiederum bestäubt weich vom Himmel rieselnder Schnee: Tischlinnen eines frühstückenden Ehepaars, das sich nichts mehr zu sagen weiß. heißt hoffnungsfroh das Stück.

Und so, zwischen Winter und Frühling, beginnt Matthias Hartmann seine Intendanz am sturmgezausten Zürcher Schauspielhaus, nach den künstlerisch oft fesselnden, das Publikum offenbar knebelnden Jahren Marthalers. Nicht frei von Turbulenzen war Hartmanns Einstieg. Da gab es Stunk um eine mehr als kostengünstig ihm überlassene Vielzimmerresidenz am See, und an den Premierentagen drohte die Technikergewerkschaft mit Streik wegen »Lohndiskriminierung«, sodass der Herr Intendant vorm ersten Vorhangziehen im Schauspielhaus sein geneigtes Publikum um »einen gnädigen Blick« auf die vielen nun hereinbrechenden Theatererlebnisse bat.

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Eines Tages werden alle erkennen, wie Recht J. G. Borkman hatte!

Dann flog der rote Vorhang hoch für Ibsen. In der Leere eines goldbraun abgepolsterten Saales sitzt eine erstarrte Frau im Sessel. Sie wartet, lauscht, seit Jahren. Vor acht Jahren war ihr Gatte, Bankdirektor Borkman, aus dem Gefängnis entlassen worden; er saß dort wegen Spekulationsbetrugs ein, denn er hatte für eine gigantische Zukunftsvision Anlagegelder verzockt. Dem Exsträfling wies seine Frau den Saal über ihr zur Wohnung an. Seitdem schnürt er auf und ab, wie »ein kranker Wolf, der in seinem Käfig herumläuft«, sagt gruselnd seine Frau. Ihre Vision ist, Rache zu nehmen für den Absturz, ihre Investition der Sohn Erhart, dafür veruntreut sie alle Gefühle. Einziger Gedanke des Ausgestoßenen ist seine Rehabilitation: Eines Tages werden sie alle erkennen, wie Recht ich hatte!

Verbohrte, vernagelte Menschen sind Witzfiguren. Man schaut ihnen kopfschüttelnd zu, weil ihnen nicht zu helfen ist. Und man beobachtet zugleich staunend den Dichter Ibsen, wie er Wunden schlägt und Fäden zieht, bis der Patient tot ist. Ein paar freilich, es sind die Jungen, entweichen dem Beinhaus der lebenden Leichen und machen sich durch stiebenden Schnee ins Freie, in den Süden davon.

Barbara Frey, die ihrerseits gern chirurgisch Nerven und Sehnen dramatischer Texte freilegt, hat alles Zubehör beseitigt und führt die unseligen Protagonisten nackt und bloß gegeneinander. Kaum dass sie sich bewegen dürfen, nur Kostüme, Stimmen, kleine, enge Gesten verraten, was sie erregt oder starr macht. Da wird nicht lange ein Danse macabre auf dem Piano gespielt, die rappeln gleich selbst mit ihren verknöcherten Gefühlen, krächzen sich an mit Bravourarien der Bosheit, genährt von der manischen Lust, ungeliebt zu sein. Barbara Nüsse, graugrün in ihre Kälte gewickelt, vibriert in der dürren Wolllust ihrer Demütigungen, strähnige Haare, ein Strich der Mund, rau ihre schartige Stimme und hohnmeckernd das Lachen über weltliche »Freuden«: Kommt da diese leichtlebige Frau Wilton (Friederike Wagner), die offenbar ihren Sohn Erhart verführt, rank, blond und mit rosa Schlaghose, herein, tätschelt ihr jovial die Schultern und schmeißt sich dazu über den Sessel! Solches Dolce Vita veräfft sie höhnend, indem sie sich nach deren Abgang ihrerseits mit meckerndem Lachen über die Lehnen plättet und wie ein Totenbrett liegt. Ihre Schwester, einst vom geliebten Bankdirektor der Karriere geopfert, spielt Jutta Lampe weich und hell, blond onduliert und unter Pelzverbrämung dekolletiert, doch unnachgiebig auch sie. Im Saal droben (der hydraulisch herabfährt und dabei der Ehefrau drunten den Rücken beugt – Bühne: Bettina Meyer) keucht Thomas Thieme wie ein in die Enge getriebener Mr. Goldfinger, schweißtropfend und an seinen Silben erstickend, sein Unrecht ins Nichts.

Messerscharf sind diese Duellspiele, ein ganz auf die harten Dialoge skelettiertes Pingpong unter desperate housewives; »Play Ibsen«, flott, frisch, knackig gewissermaßen. Freilich dadurch eindimensional, ohne Tiefenwirkung. Werden nur Hass und Irrwitz ausgespielt, bleibt kein Raum für Sehnsüchte und Trauer. »Es war wohl die Kälte, die ihn getötet hat«, sagt am Ende, im Schnee, die Schwester. »Ja, die Herzenskälte«, fügt die Frau Direktor hinzu. Und die Kühle des Sektionssaals, der hier im Schauspielhaus erbaut ist.

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