Mein über viele Jahre geträumter Traum, mich der internationalen revolutionären Bewegung anzuschließen, mich in einem Camp im Libanon zum Kämpfer ausbilden zu lassen und Bankdirektoren und Bürgermeister zu entführen, überhaupt mit Gewalt für die Armen zu kämpfen und jemand wie Che Guevara zu werden, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass ich einer von den Männern bin, bei denen Frauen an alles denken, nur nicht an Sex. Es ist offensichtlich, warum. Ich bin nicht groß, ich bin nicht stark, ich bin nicht schön. Alle Frauen, die sich während meiner Studienjahre in mich verliebten, wollten mich retten. Sie sahen mich und dachten: Oh, der Arme. Ich wollte die Frauen beeindrucken und möglichst viele von ihnen verführen. Ich wollte auch wirklich etwas gegen das weltweite Unrecht tun. Als Freiheitskämpfer, der naturgemäß viel Sexappeal hat, dachte ich, sei beides möglich.

Als dieser Gedanke in mir reifte, war ich 14 oder 15 Jahre alt. Ich lebte mit meinen Eltern und fünf Geschwistern in Nazareth. Als Palästinenser in Israel merkst du sofort, dass du nicht gleichwertig bist. Du fühlst es als Kind, niemand muss es dir sagen. Sie wollen, dass du gehst. Du bist nicht willkommen in deiner eigenen Heimat. Schon als Kind entwickelst du diese Sicht: Es geht nur ums Gewinnen und Verlieren. Du musst stark sein, dann kannst du auf den Rest scheißen. Ich war nicht stark. In der Schule verlor ich alle Kämpfe. Ich entschied mich, die gewissermaßen natürliche Sicht der Dinge, des allgemeinen Daseinskampfes, nicht zu teilen. Ich wollte Gerechtigkeit für die Schwachen, für die, die durch Zufall mit weniger Möglichkeiten geboren wurden. Mächtig werden? Reich werden? Das war nicht mein Weg, dachte ich. Bis ich mich zum ersten Mal verliebte und das Mädchen sich nicht für mich, sondern für einen Freund entschied.

Es war furchtbar.

Jetzt wollte ich genau das: Karriere machen und viel Geld verdienen. Sie würde es noch bereuen. Ich gehe ins Ausland, schwor ich mir, und werde ein großer, großer Ingenieur, verdiene Unmengen von Kohle, und dann kehre ich zurück, und sie schluchzt: "Was habe ich getan! Wie konnte ich so dumm sein! Warum habe ich mich bloß für diesen Typen entschieden und nicht für Hany!" Das war mein Traum. Nach Abschluss der Schule verließ ich mein Elternhaus und ging in die Niederlande, um Flugzeugbau zu studieren. Ich studierte Flugzeugbau, und bald verliebte ich mich unsterblich in ein anderes Mädchen. Es war furchtbar. Ich dachte, was mache ich jetzt mit Flugzeugbau? Flugzeugbau interessierte mich überhaupt nicht. Mein Traum war ausgeträumt.

Lotti, so hieß das Mädchen, wohnte im Haus gegenüber. Ich verbrachte, wenn man so sagen kann, ein Jahr mit Lotti. Die erste Hälfte dieses Jahres sah ich zu ihr hinüber, ohne je ein Wort mit ihr zu wechseln, die zweite suchte ich sie, denn sie war über Nacht verschwunden, vermutlich fortgezogen aus Delft, wo sie und ich damals studierten und sie es nach diesem halben Jahr, in dem wir uns auf das intensivste, aber auch nervtötendste gegenseitig ignoriert hatten, wahrscheinlich nicht mehr ausgehalten hat. Sie war es gewesen, die schließlich auf mich zugekommen war, auf einer Studentenparty. Lotti stellte sich hinter mich und fing an zu tanzen, wobei sie mit ihren Beinen regelmäßig sacht gegen die meinen stieß. Aber was tat ich? Ich blickte auf ihre Füße, dann langsam an Lotti empor. Sie sagte: "Oh, entschuldige", und lief aus dem Raum. Ich war so wütend auf mich, den Arroganten zu spielen! Nach sechs Monaten entdeckte ich Lotti in einer Kneipe. Ich bat sie um Verzeihung. "Es ist nichts", sagte sie, "schon okay." Dann ging sie zurück zu ihrem neuen Freund, er war groß und von stattlicher Gestalt. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, um mich der PLO anzuschließen.

Die PLO war in Bonn. Ich nahm den Zug. Vom Bahnhof lief ich zu der konspirativen Wohnung, wo sich vorzustellen hatte, wer in einem Camp im Libanon zum Freiheitskämpfer ausgebildet werden wollte. Die Männer von der PLO waren groß und kräftig. Sie sahen mich an. In einem Gespräch versicherten sie mir, dass es genug Männer gäbe, die kämpfen wollten, aber zu wenige, die studierten. Sie sagten, ich solle mein Studium fortsetzen und Flugzeugbauer werden. Ich fuhr zurück nach Delft und fiel in eine Depression. Ich konnte kein Kämpfer werden, und ich hasste mein Studium. Wer war ich überhaupt? Nicht einmal in linken Discos hatte ich eine Chance. Ich kleidete mich wie Che Guevara, wenigstens aussehen wollte ich wie er. Ich probierte es auch von oben bis unten in Schwarz. Neben all den hünenhaften Punks sah ich immer lächerlich aus. Leider kann man Charisma nicht kaufen.

Ich beendete mein Studium und arbeitete als Flugzeugbauer, in Amsterdam. Jeden Morgen um acht fuhr ich mit dem Auto ins Büro. Der Mensch hat seine Träume, aber das Leben führt ihn an vollkommen andere Orte. Ich war 27. Ich mochte mich nicht. Es gab eine Frau, aber ich liebte sie nicht, und ich hasste meine Arbeit. Um morgens überhaupt wach zu werden und jeden Tag aufs Neue in dieses Leben zu gehen, schaltete ich beim Frühstück MTV ein. Eines Morgens lief ein Song von den Talking Heads. Sie sangen: Burning down the house. Ich kündigte, sagte meiner Freundin, dass ich sie verlassen würde, und flog zurück nach Nazareth. Ich nahm nur einen Koffer mit. Ich hatte noch immer einen Traum, auch wenn ich nicht wusste, wie er aussah. Erst einmal zog ich wieder bei meinen Eltern ein.