nach der wahl Der Wähler, dieser Lümmel

Stillstand? Von wegen! Die Gesellschaft ist veränderungsbereiter und liberaler, als viele Journalisten und Politiker behaupten

Berlin

Erstmals in der Geschichte der Republik hat ein Kanzler einen »Machtwechsel« aus freien Stücken eingeleitet, ohne den Weg in die Vertrauensfrage so zu nennen. Erst danach sollten die Wähler entscheiden, was sie davon halten und ob sie den Wechsel so überhaupt akzeptieren.

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Schon wieder heißt es, mit ein bisschen Courage und Umsicht hätten »die Leute« es der Politik doch wirklich leichter machen können, mit dieser Wahl am vergangenen Sonntag werde das Land »unregierbar«. Ein Debakel! Da sollten die Gefragten für klare Verhältnisse sorgen, und was haben sie gemacht? Alles ist seitdem noch unklarer!

Taktisch wählen sie, schwanken, verhalten sich mal rational, mal irrational, und über das Ergebnis, das sie selber verursacht haben, sind sie mehrheitlich (62 Prozent, sagen die Demoskopen) auch gleich wieder »enttäuscht«. Mit diesen Leuten ist doch kein Staat zu machen!

Höchste Zeit wäre es, sich von solchen lieb gewordenen Missverständnissen über die Bundesrepublik zu verabschieden. In der politischen Klasse ist seit Jahren das Bild eines Landes gezeichnet worden, das sich jeder »Modernisierung« verweigert, das sich festklammert am Status quo und das immer tiefer in der Krise versinkt. Richtig ist, dass sich die Wirklichkeit, im armen, »proletarischen« Osten wie im wohlhabenden, auf scheinbar ewiges Wachstum vertrauenden Westen, dramatisch wandelte. Nur leider vollzog sich das nicht als Event, Anomien einer Gesellschaft sind nur schwer mediengerecht zu verpacken, und Entertainment-Stoff für TV-Talks lieferten sie auch nicht so recht. So weit wie derzeit klafften die sozialen Lagen und die Mentalitäten noch nie auseinander. Zwischen den Profiteuren einer dynamischeren Ökonomie, globalisierter Verhältnisse und von mehr Eigenverantwortlichkeit und denjenigen, die subjektiv mit dieser Entwicklung haderten oder objektiv daran scheiterten, lagen Welten. Solche Risse durchzogen zunehmend auch die Volksparteien.

Gleichwohl widersprach jede Alltagserfahrung dem Eindruck, in der Republik bewege sich nichts. Doch seltsamerweise wurde dieser Eindruck gepflegt – besonders gerne von den Medien, die doch eigentlich vom liberalen Geist einer Gesellschaft leben. Nein, hieß es, die Bundesrepublik habe ausgedient, wenn sie nicht den ganz großen Wurf riskiere, das ganz neue Einfachsteuersystem, den flachen Staat, den Hire-and-fire-Arbeitsmarkt. Mehr noch: Irgendwie schien es den Medien auch nicht zu passen, was einst als Ausweis einer starken Bürgergesellschaft galt – dass die Leute mitreden wollten. Mitreden ja, aber nur so, wie es gerade gefällt? Je mehr sich einmischten in die Politik, auf vielen Ebenen, umso lauter wurde der Ruf nach Führung. Wenn Gerhard Schröder dann solche Führung bot, war es meist auch wieder nicht recht, oft waren es dieselben Medien, die das Volk dann in Stellung zu bringen suchten gegen den starken Kanzler. Seit Jahren wird man deshalb den Eindruck nicht los, ein verlässlicher Faktor von einiger Vernunft sei am ehesten noch jene Öffentlichkeit, über deren Unberechenbarkeit und Volatilität so gerne geklagt wird. Fast immer, wenn die Politik an Ressentiments appellieren wollte, fielen die Leute ihr in den Arm. Warum hat Angela Merkel denn weitgehend darauf verzichtet, eine Leitkulturdebatte zu führen oder offen einen Kochschen Anti-Türken-Wahlkampf zu führen? Warum ging sie nicht mit dem Kulturkonservativismus des Verfassungsrichters Udo Di Fabio hausieren? Und warum musste Paul Kirchhof, der Verfassungsrichter a. D., so lange zurechtgebogen werden, bis man seine gesellschaftspolitischen Präferenzen fast nicht mehr erkannte? Ganz einfach: weil auch die Union ahnt, dass eine gewisse Liberalität bis weit in die eigenen Reihen vorgedrungen ist. Die CDU ist eine Volkspartei, und Volksparteien ahnen zumindest den Zeitgeist. Sie wissen, wer sich zurücksehnt in die Geborgenheit der fünfziger Jahre und wer nicht. Die in Berlin amtierende Generation hat keine Mehrheit mehr, aber vom Hofe gejagt – Schröders Trauma! – wird sie offensichtlich nicht. So sieht und sagt es ohne Gejammere Joschka Fischer, der Scheidende, und er hat darin Recht.

Allzu oft haben sich die Medien mit ihrer Besserwisserei hervorgetan

Leser-Kommentare
  1. Die Töne werden leiser und das ist auch gut so.

    Jetzt habe ich heute Morgen ab 6.00 Uhr das Morgenmagazin im ZDF gesehen. Okay. Die von gewissen Politikern wenig geliebten Medien, die sie doch an anderer Stelle sehr gern nutzen. Egal.

    Scheinbar hat unser Kanzler Schröder gestern seinen Auftritt in der Elefantenrunde am letzten Sonntag selbst als suboptimal bezeichnet. Ich habe es leider nicht gehört, gehe jedoch davon aus, dass das so korrekt ist. Wie dem auch sei. So langsam setzt sich wohl etwas wie "Einsicht" und Nüchternheit bei den Politikern durch.

    Die Demoskopen sind einen Schritt weiter und haben sich Tage nach der Wahl wohl umgehört. Laut Morgenmagazin könnte sich wohl der größte Teil der befragten Leute einen Kanzler Wulff vorstellen. Der hatte 27 % der "Stimmen". An Position 2 kam Müntefering mit 9 %. Müsste nur noch diese Aussage signifikant und repräsentativ sein. Dann könnte einiges dafür sprechen, dass ein Unionskanzler wohl doch als wahrscheinlicher angesehen werden kann. Die Diskussion um eine oder zwei Parteien lasse ich mal außen vor.

    Ach ja. Wären jetzt Neuwahlen, dann käme nach dieser Umfrage und dem Ergebnis der Demoskopen so ziemlich genau das gleiche raus wie letzten Sonntag. Ist das ein Indikator, dass die Leute bewußt so gewählt haben? Sollten sich die Parteien mal Gedanken drüber machen.

    Eine Regierung ohne Unionsbeteiligung wird es aufgrund der Zusammensetzung des Bundesrats immer noch schwer haben und, dass Rot die Landtagswahlen in Baden-Württemberg im nächsten Jahr gewinnt, das halte ich für sehr unwahrscheinlich ( kann dieses jedoch nicht mit Zahlen belegen). Daher sollte der sich noch eine Weile so zusammensetzen. Kann man jetzt über Sinn oder Unsinn einer Koalition ohne Union nachdenken, wenn sich was in Deutschland bewegen soll.

    Tja. Und was passiert denn, wenn sich keine Koalition bildet? Eine Minderheitenregierung? Dann erscheint der Kanzler aus Unionsreihen wohl wahrscheinlich (vielleicht nicht wirklich wichtig an dieser Stelle). Aber im Endeffekt würde sich das ganze vielleicht mehr auf Inhalte und Sachfragen verlagern. Keiner hat die Mehrheit im Bundestag und muß daher Leute aus dem anderen Lager mit Argumenten überzeugen. Es könnte sich eine offene Diskussion und ein Meinungsbildungsprozeß ergeben und eventuell sogar Konsenslösungen, die von allen Parteien (zumindest teilweise) unterstützt werden, weil sie vernünftig erscheinen. Und Untersuchungen zeigen auf, dass Konsenslösungen wohl doch häufig rationaler und vernünftiger (und damit wohl auch besser???) sind. Und vielleicht hätte das auch den Effekt, dass Leute aus unterschiedlichen Lager feststellen, dass sich doch Schnittpunkte ergeben, wenn man über sinnvolle Inhalte diskutiert. Vielleicht sind die "Parteimitglieder" an der Basis doch flexibler im Geiste, als das der eine oder andere "Parteiobere" zugestehen mag.

    Ergo: es bewegt sich was in den Köpfen und das ist gut so. Und vielleicht ist in Deutschland in Zukunft auch wirklich eine Politik möglich, die sich an Inhalten und nicht dem "Geschacher um Pöstchen" und machtpolitischen und parteiinternen Zielen orientiert. Der Wähler ist flexibel. Jetzt muss es nur noch der Politiker werden.

  2. Weiß man schon, wann die letzten neo-liberalen Volksexercizien bei Sabine Christiansen in der ARD laufen?
    Wann der fromme Peter Hahne endlich nur noch das tut, was er am Besten kann – beten, aber bitte in der Kirche.
    Und wann Hans-Ulrich Jörges vom STERN in die CDU-Zentrale wechselt, um nur noch Elogen auf Angela Merkel schreiben zu müssen?

    Vielleicht wollten sie sich auch nur für das Amt des Sprechers oder der Sprecherin einer neuen schwarz-gelben Bundesregierung empfehlen?

    A propos: war nicht die Wahlkampfhymne der CDU „Angie“?
    Das neue Album der Rolling Stones hat passendes für danach: „Sweet Neo Con“.

    Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Gut, daß Gunter Hofman an prominenter Stelle damit schon mal begonnen hat.
    Abgewählt wurde Rot-Grün. Schon recht. Abgewählt aber wurde vor allem ein Medienkartell von verlagsabhängigen Journalisten in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten wir Wähler erst gar nicht zur Wahl gehen brauchen. Taten wir aber, aber nicht nach Vorschrift.

    Politisch ist die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse in Deutschland nicht bedroht. Abhängig ist sie aber sehr wohl von mächtigen wirtschaftlichen Interessen. Das haben wir dieses Mal gelernt.

  3. Man kann ja gern smart daherkommende Korrekturen an den eigenen Fehleinschätzungen vornehmen, das ist immerhin schon was, dennoch ist es nach wie vor eine Riesensauerei, daß in diesem Land Politik jenseits von Union und FDP mit einer Kritik belegt wird, die jegliche Objektivität vermissen läßt.

    Das mit Stoiber und Merkel bei den möglichen Koalitionsverhandlungen zwei totale Verlierer - denn die Diskrepanz zwischen der Erwartung und dem Ergebnis ist doch für beide niederschmetternd - immer wieder nur sagen müssen, Schröder sei abgewählt worden und schon sind alle Hände in Bewegung um Beifall zu klatschen, ist zutiefst befremdlich.

    Soviel Miesmacherei darf durch nichts mehr relativiert werden. Der angebliche Realitätsverlust des Kanzlers, von dem in den letzten beiden Tagen oft die Rede war, existiert doch überhaupt nicht, denn wer um das Vertrauen des Wählers wirbt und dann soviel Zustimmung erhält, wie Schröder, der hat doch eindeutig gewonnen.

    Wer dagegen nur Mißtrauen verbreitet und trotzdem nur so knapp "gewinnt", der hat doch eigentlich verloren.

  4. Das Festival der Wähler geht bestimmt noch weiter, denn wenn die Jamaika-Koalition erst in Kingston gelandet ist und dort zur Kenntnis nehmen muß, daß der Glaube, die Liebe und die Hoffnung dort von den Härten des Alltags ins Land der Märchen vertrieben worden ist, dann wird die Legislaturperiode bestimmt sehr schnell abermals verkürzt.

    Lümmel ist dann gar keine Bezeichnung mehr, für den Wählertypen, der dann definiert werden muß. König Kok's würde passen, aber leider ist dieser doppeldeutige Begriff total veraltet.

  5. Weiß man schon, wann die SPD (Entschuldigung: ihre Mediengesellschaft!) ihre Mehrheitsanteile an der Süddeutschen Zeitung, an der WAZ und an deren Regionalausgaben abgeben wird? Das wäre ein Fest für die Meinungsfreiheit!

  6. Süsser die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit,
    bis dahin wird es gelingen, denn wir haben ja Zeit.

    Ein Kanzler, der so lange brauchte, bis endlich er war gewählt,

    der versüßt uns das Leben, während er andere quält.

    • ulgor
    • 25.09.2005 um 1:36 Uhr

    Danke,
    dieser Artikel hat mir wieder etwas Zuversicht gegeben- angesichts der Performance, die ein Artikel ueber die Linkspartei auf zeit.de hingelegt hat.

    Meiner Meinung nach ist die Zeit des Blockdenkens vorbei und es ist eine Art "Wechsel-Aber nicht einfach die andere Volkspartei-Stimmung" eingetreten.
    Dass sich Deutschland nicht so leicht polarisieren laesst, freut mich. Vielleicht gibt es doch eine Meinungsbildung, die an den klassischen Medien vorbeigegangen ist?

  7. In der Anfangszeit von Personal Computern gab es für den genervten Anwender noch einen Standard-Verkaufsargument für komfortable Programme. What you is what you get. WYISWYG. Das will heissen so wie man es am Bildschirm sieht, kommt es auch heraus.

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