nachruf Durch die Wolken
Zum Tod des Universalkünstlers F.K. Waechter
Es gibt verschiedene Arten, mit Gott in Kontakt zu treten. Die meisten von uns beten, manche fluchen. Der Dichter Lenz in Georg Büchners gleichnamiger Erzählung will, nachdem er den Tod eines Kindes erlebt hat, hinauflangen und Gott, der das zuließ, »zwischen seinen Wolken schleifen«.
Der deutsche Zeichner, Theaterautor, Filmemacher Friedrich Karl Waechter fand seine eigene Methode: Er langte zwischen den Wolken hinauf (die er selbst gezeichnet hatte) und kraulte den lieben Gott, den er dort vermutete, am Kinn. Er machte ihm Vorschläge, wie es auch weitergehen könnte mit der Schöpfung, wie man hie und da die Dinge weicher, eleganter, offener gestalten könnte. Dann zog er die Kraulhand aus den Wolken zurück, als sei nichts gewesen.
Waechters Figuren maniküren ihrem Gott schon mal die Hände, die dieser amüsiert aus den Wolken hängen lässt (Gottesdienst heißt diese Zeichnung). Oder sie laufen nachts, »wo’s kaum ein Mensch mitkriegt«, mit schreckstarrem Haar über ein schier unendliches, am Eiffelturm festgeknotetes Hochseil: Sie tun es nur für ihren Herrgott.
Auch dies ist ein Waechter-Vorschlag an Gott, vom Zeichner bescheiden dem Höchsten zugeschrieben: Aus Gottes geheimem Skizzenbuch. Man sieht Europa, aber umgestülpt. Was in Wirklichkeit Land ist, ist bei Waechter Wasser, und Ostsee, Nordsee, Mittelmeer sind bei Waechter besiedeltes Land. Waechter bewirtschaftet eine komplementäre Zweit- oder Urlandschaft, als sei er im Besitz von Gottes Weltprägestock. Zu Waechters Gegenschöpfungsprogramm gehört auch die Ehrenrettung der nicht für voll genommenen, vom Menschen zum Verbrauch freigegebenen Tier- und Dingwelt. Waechter vertraut da dem Prinzip Gegenschlag: Aus der Eiskugel wächst eine zarte Zunge, die ihrerseits am Eis-Esser leckt. Der Baum pieselt zurück – auf den davontrottenden Hund. Ja, und die Brüste der schönen Frau Adele betrachten sich neugierig die gaffenden Männer.
F.K. Waechter, der 1937 in Danzig geboren wurde und seit 1962 in Frankfurt am Main lebte, nannte Wilhelm Busch und Saul Steinberg als seine großen Vorbilder. Wie diese ist Waechter ein Bildschriftsteller; Text und Zeichnung sind unlösbar verflochten, seine besten Zeichnungen sind die oberirdischen Reste von noch zu schreibenden Romanen. Waechter zeichnete oft Figuren, die ihrerseits schreiben oder zeichnen und also das große Selbstvergewisserungsprojekt der Menschheit fortsetzen. Über vielen Waechter-Zeichnungen liegt das gaumige Raunen des allwissenden Erzählers: »Die Nacht wälzte sich über das Land, und wo sie auftauchte, hinterließ sie tiefste Finsternis. Sie wütete fast 12 Stunden, und erst am Morgen konnte eine unbarmherzige Sonne sie in die Flucht schlagen.«
Waechter misstraute den allwissenden Erzählern und setzt mit jedem Blatt selbst welche in Marsch. Erzählen heißt, Land zu gewinnen, Stege übers Bodenlose zu legen, seilzutanzen – womöglich für den Herrgott. Jede Waechter-Zeichnung ist ein Ausriss aus einer großen Geschichte, und der Ausriss stammt eher aus der ruhigen Mitte der Geschichte als von deren pointenspitzem Ende. Waechter, der auch einer der wichtigsten Kinderbuch- und Kindertheaterautoren Deutschlands war, emanzipierte den Witz vom Zwanghaften, Zielbesessenen, Gründlichen des Herrenwitzes und erschloss ihm die Gefilde des Traums, der Poesie, der Wolken. Jetzt ist er in Frankfurt gestorben. Gottes geheimes Skizzenbuch bleibt uns künftig verschlossen.
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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