Bundestagswahl Viele Farben, keine Wahl
Die Fixierung aller Parteien auf die Wirtschaft lähmt die Republik. Es wird Zeit, auch um andere Werte zu streiten
Diese Wahl bot ein Fegefeuer der Paradoxien. Eine Partei wird abgewählt, obwohl sie noch gar nicht regiert hatte, eine andere zieht ins Parlament ein, obwohl sie nicht regieren will. Ein Politiker, der keine Regierungsmehrheit mehr hat, behauptet, dennoch Kanzler zu bleiben. Und der gelbstrahlende Gewinner der Wahl ist gleichzeitig ihr größter Verlierer. Deutschland wählt den Superstaat.
Das Ergebnis des heißen Sonntags spiegelt eine enervierende Unübersichtlichkeit, die, allen Ankündigungen einer bahnbrechenden Richtungsentscheidung zum Trotz, auch die Debatten der vorangegangenen Wochen und Monate deutlich bestimmte. Da beklagte man den innerdeutschen Stillstand und schimpfte zugleich auf Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen. Man fürchtete sich vor sozialer Kälte und votierte trotzdem für die CDU. In Wahlsendungen klatschte das Publikum politischen Diskutanten Beifall, die mehr oder weniger deutlich den Wegfall von Privilegien, weniger Arbeitnehmerschutz und eine Angleichung von Westlöhnen an das Ostniveau versprachen. All diesen Merkwürdigkeiten ist eins gemeinsam: Sie sind nicht die Auswirkungen eines Kampfes widerstreitender Ideen, schon gar nicht des Ringens um eine Richtungsentscheidung, sondern das Ergebnis einer großen, ja, flächendeckenden Einigkeit.
Die dazugehörigen Leitmotive sind schnell benannt. Deutschland braucht mehr Arbeitsplätze, deren Entstehen durch Wachstum zu erreichen ist. Deshalb müssen gewisse ökonomische Liberalisierungen eingeleitet werden, ohne eine menschenwürdige Grundsicherung zu gefährden. – Solche und ähnliche Aussagen würden wohl alle Parteien (vielleicht mit Ausnahme der regierungsunwilligen Linkspartei) unterschreiben; aus den meisten Mündern hat man sie in der einen oder anderen Form gehört. Das Problem besteht nicht etwa darin, dass diese Annahmen falsch wären. Der Grund für die gegenwärtige Verwirrung liegt vielmehr im krampfhaften Festhalten an ihrer Richtigkeit.
Hinter dem beschriebenen querschnittsartigen Einverständnis steht ein noch tiefer reichender Konsens. Er betrifft die gemeinsame Überzeugung von Wahlvolk, Medien und Politikern, dass für das künftige Wohl der Nation vor allem, wenn nicht gar ausschließlich wirtschaftliche Fragen maßgeblich seien. Die Urnen-Entscheidungen der Bürger, die zum vorliegenden Wahlergebnis geführt haben, wurden vorherrschend aufgrund ökonomischer Erwägungen getroffen, also ausgerechnet mit Blick auf ein Gebiet, das der Politik die geringste Bewegungsfreiheit für gestalterische Eingriffe lässt und den Parteien damit am wenigsten Möglichkeiten bietet, sich voneinander abzuheben. Der Anschein, es gebe in Deutschland keine rechten und linken Standpunkte mehr, mag mit diesem Phänomen zusammenhängen. Offensichtlich wollten die Wähler nicht in erster Linie wissen, in welcher Partei sie die meisten ihrer Auffassungen und Interessen verwirklicht finden. Viel wichtiger war, wem sie das »Schaffen von Arbeitsplätzen« und das »Erzeugen von Wachstum« im jeweiligen Moment am ehesten zutrauten.
Entgegen einer gebräuchlichen Behauptung hat die Wirtschaft jedoch keine Kurbel, mit deren Hilfe man sie anwerfen kann wie einen Flugzeugmotor. Da die Politik nur in der Lage ist, gewisse Rahmenbedingungen herzustellen, ohne sich dabei auf eindeutig vorhersehbare Kausalverläufe verlassen zu können, nimmt es nicht wunder, wenn bei einer gleichzeitigen Fixierung der Debatte auf »Standortprobleme« und »Wachstumsraten« der Eindruck von Hilf- und Ratlosigkeit entsteht. Mit chamäleongleicher Geschwindigkeit hat die im Mai noch überwiegend schwarze politische Landkarte ihre Farbe gewechselt. Solange die Politik sich weiterhin als Steigbügelhalter der Wirtschaft geriert, stehen weitere und schnellere Farbwechsel zu befürchten. Ökonomische Lösungsvorschläge, denen ein eng gefasster Wirtschaftsbegriff zugrunde liegt, sind eben nicht in der Lage, die Wähler dauerhaft zu binden. Dass die eigentlichen Gewinner dieser Wahl die kleinen Parteien sind, gleich, ob gelb, grün oder grellrot, deutet darauf hin, dass ein rein wirtschaftsthematisch geführter Wahlkampf mit seinen begrenzten Profilierungsmöglichkeiten nicht zur Interessenbündelung in den großen Lagern der Volksparteien geeignet ist.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier soll nicht in banal-kapitalismuskritischer Absicht die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge für unser Leben kritisiert werden. Auch geht es nicht darum, die grundsätzliche Wirtschaftsversessenheit unserer Gesellschaft zu beklagen. Diese ist Konsequenz eines zunehmenden Pragmatismus, der wiederum denknotwendig aus dem wünschenswerten Zurücktreten ideologischer Haltungen resultiert. Trotzdem sollte sich die Politik um ihrer selbst willen davor hüten, ihre Inhalte und ihr äußeres Erscheinungsbild zunehmend in ökonomischen Angelegenheiten aufgehen zu lassen. Hierfür finden sich neben den angedeuteten noch weitere Gründe, die sich (paradoxerweise!) unter anderem aus wirtschaftsbezogenen Überlegungen ergeben.
Die Vorstellung, es gebe eine isoliert zu betrachtende Wirtschaft, eine Art selbstständiges, schwer zu bändigendes Wesen, auf das mit bestimmten politischen Instrumenten erzieherisch eingewirkt werden kann und muss, entspricht nicht der Realität. Für die Frage, ob und wie ein ökonomisches System funktioniert, ist nicht nur die Höhe von Mehrwertsteuer und Lohnnebenkosten ausschlaggebend. Ebenso wichtig ist, was die Menschen kaufen, wann, wie und wie viel sie am liebsten arbeiten und womit sie ihre freie Zeit verbringen. Die Ökonomie unterliegt kulturellen Bedingungen. Sie ist mit der Situation der Familien, mit dem Stand der Bildung und nicht zuletzt mit der außenpolitischen Haltung eines Staats aufs engste verflochten. Wer versucht, wirtschaftliche Zusammenhänge – und sei es nur zu Wahlkampfzwecken – von einem komplexen Geflecht aus menschlichem Miteinander auf die Wirkweise weniger politischer Lenkungsmechanismen zu reduzieren, wird den anstehenden Problemen nicht gerecht.
Aus einer solchen Sichtweise ergeben sich keine attraktiven Ideen zur Verbesserung der Lage und damit keine eindeutigen Argumente für die eine oder andere Partei. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass den erwähnten und vielen weiteren Themen ohnehin Anspruch auf eine ernsthafte politische Auseinandersetzung zukommt.
Darüber hinaus verschärft die künstliche Einengung des Blickwinkels einen Teufelskreis, der uns in Deutschland seit längerem zu schaffen macht. Vor dem Hintergrund einer anwachsenden Existenzangst und der gefühlten Bedrohung unserer individuellen und kollektiven Sicherheit schüren »Wir regeln das«-Gesten vonseiten der Politiker Erwartungshaltungen in der Bevölkerung, die regelmäßig zu Enttäuschungen, Abwahlverhalten und neuen Allmachtsgesten führen. Man muss kein Meinungsforscher sein, um zu vermuten, dass Helmut Kohl vor sieben Jahren an (nicht) blühenden Landschaften und Gerhard Schröders zweite Legislaturperiode an der (nicht) halbierten Arbeitslosigkeit gescheitert sind. Eine Fortsetzung dieses Kreislaufs bindet die Unterstützung der Bürger für eine bestimmte politische Richtung eindimensional an das ökonomische Auf und Ab. Nicht gerade ein Garant für politische Stabilität.
Und schließlich steigert die rhetorische Konzentration auf Arbeitsplätze-Schaffen und Wachstum-Fördern die ohnehin vergleichsweise hohe Staats- und Obrigkeitsgläubigkeit in diesem Land. Die Nachteiligkeit unseres treuherzigen Blicks nach oben für das gesellschaftliche und ökonomische Fortkommen ist gerade in letzter Zeit verstärkt ins Bewusstsein gelangt. Solange aber durch wirtschaftliche Versprechungen der Politiker und die einfordernde Haltung der Medien der Eindruck erzeugt wird, »die da oben« könnten und müssten die ökonomische Sache für uns in den Griff kriegen, wird die gebetsmühlenartige Aufforderung zu mehr Eigenverantwortung keine Früchte tragen.
Das Beklagenswerteste am zurückliegenden Wahlkampf ist, dass er hochbeinig über wichtige Themen hinweggestiegen ist, deren Behandlung vielleicht eine klare Entscheidung ermöglicht hätte. Außenpolitische Grundsatzentscheidungen, innere Sicherheit und Atomausstieg werfen nach wie vor Fragen auf mit viel Streitpotenzial und gesellschaftlicher Bedeutung. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Koalitionsgespräche nicht an hochstilisierten Unvereinbarkeiten in einem Bereich scheitern, in dem die Spielräume für Kooperation in Wahrheit am größten sind. Das wäre nicht nur paradox. Es wäre fatal.
Die Schriftstellerin Juli Zeh, geboren 1974, lebt in Leipzig. Sie veröffentlichte unter anderem die Romane »Spieltrieb« (2004) und »Adler und Engel« (2003, beide Schöffling Verlag)
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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Zusammengefasst: Wer nur Ökonomie kann, kann auch keine Ökonomie
Danke! Der Artikel spricht mir wirklich aus dem Herzen. Mit großem Bedauern stelle ich immer wieder fest, dass Wahlkämpfe stets von wirtschaftlichen Themen dominiert werden, und andere, wichtige, vielleicht sogar wichtigere gesellschaftliche Themen größtenteils unter den Tisch fallen. Dabei sollte man sich bei der Stimmabgabe tatsächlich nicht in erster Linie von ökonomischen Erwägungen leiten lassen - so schwerwiegend die wirtschaftlichen Probleme wie die Arbeitslosigkeit auch seien mögen. Hier können die Politiker in der Tat nicht so viel ausrichten, wie sie versprechen. Und der Wähler hat hier auch nicht wirklich die Möglichkeit einer tatsächlichen Richtungsentscheidung, schließlich vertreten - von den gefährlichen Träumereien der Linkspartei abgesehen - alle größeren Parteien hier bis auf einige Details einen recht ähnlichen Kurs.
Wenn die Politik sich endlich wieder stärker auf Themenfelder jenseits der Wirtschaftspolitik konzentrieren würde, könnte dies sogar gerade der Wirtschaft nutzen. Denn könnten sich die Parteien in anderen Bereichen profilieren, so fiele es ihnen sicher leichter, die vergleichsweise geringen Unterschiede in wirtschaftspolitischen Fragen zu überwinden und sich so besser auf die Reformen verständigen, die sie ja letztendlich sowieso alle umzusetzen versprechen.
Zugegebenermaßen gibt es schon einige Unterschiede in den wirtschaftspolitischen Programmen von grün, rot, gelb und schwarz, und die Wirtschaft bei der Wahlentscheidung vollkommen außen vorzulassen ist sicherlich auch nicht korrekt. Aber im Vergleich zu anderen wichtigen Fragen, wie gerade bei der inneren Sicherheit (hier würde es sich z. B. vor allem für die FDP anbieten, ihre Positionen einmal mit etwas mehr Nachdruck zu vertreten - gerade gegenüber dem ehemals erhofften schwarzen Koalitionspartner), ist die Wirtschaftspolitik zur Zeit einfach deutlich überbewertet.
Ich bin besonders begeistert, dass eine junge Frau ähnliche Ansichten wie ich als 65jähriger vertritt. Außerdem scheint sie Popper zu kennen, von dem wir ja wissen, dass es nur schrittweise Veränderungen geben kann in der Politik.
Prof. Dr. Bernd 0tto
Ich frage mich ob diese komplizierten Wahlsystem wirklich die Wünschen der Bevolkerung enspricht. Eine direkt Mandat zu regieren hat keine Partie. Jetzt wird gewürfelt. Vielleicht Direktwahlen wird eher eine Lösung darstellen.
"Die Wirtschaft unterliegt kulturellen Bedingungen" schreibt Frau Zeh. Nun, das kann man auch anders sehen: Die Wirtschaft unterliegt keineswegs kulturellen Bedingungen. Und das Schöne daran ist, daß man das allmählich auch in der regionalen deutschen Politik zur Kenntnis nehmen muß.
Juli Zeh deutet in ihrem Artikel an: Die begrenzten Einwirkungs-, besser: Irritationsmöglichkeiten des politischen Systems der Gesellschaft hinsichtlich der Wirtschaft. Wirtschaftliche "Wirkung" erzeugt es niemals direkt, sondern ausschließlich über die Gestaltung von "Rahmenbedingungen" - dem kann man nur zustimmen, auch wenn hier genauere Analysen möglich sind, auch im Feuilleton.
Sie konstatiert "Konsens" der deutschen Politik in wirtschaftlichen Fragen - wie bitte? Zwar mögen die Ziele feststehen, aber der Streit findet über die politischen Mittel statt, die zu einer besseren wirtschaftlichen Lage führen. Und hier stehen sich zwei diametral entgegengesetzte Rezepte gegenüber: Schaffung eines investitionsfreundlichen Klimas ("Rahmenbedingungen") oder Umverteilung, "weil dann die Binnenkonjunktursschwäche behoben wird" - also eine Keynesianische Sichtweise. Das scheint Frau Zeh irgendwie entgangen zu sein.
Das Problem der politischen Parteien ist dann aber, ihre traditionellen, "kulturellen" Verpackungen, ihre emotionalen Färbungen mit ihren sachlichen Programmen in Einklang zu bringen oder zu halten. Wäre diese Kopplung gelungen, so hätten wir eine Wahl gehabt zwischen der Mitleidsethik eines Krankenschwesternstaats, der die Verletzungen pflegt, die die böse, böse Wirtschaft den armen, schwachen deutschen Bürgern zugefügt hat oder einer echten Aufbruchsstimmung, die auch den Mut hat, die deutschen Bürger mit ihrer bisherigen Bequemlichkeit zu konfrontieren.
In diesem Sinne: Rot/Grün, und vor allem Gerhard Schröder, waren mutig, als sie die Abspaltung von Teilen der Linken in Richtung PDS/WASG in Kauf genommen haben, Schwarz/Gelb, und vor allem Angela Merkel, waren mutig, als sie sich trotz der Proteste gegen die Hartz-Gesetze hinstellten und einen offenen Wahlkampf führten mit der Aussage, diese Gesetze gingen noch nicht weit genug. Aber sie alle waren dennoch nicht mutig genug, um eine politische Aufbruchsstimmung in Deutschland zu erzeugen. Frau Merkel hat die CDU zwar tatsächlich (vorübergehend?) so liberal aufgestellt wie nie zuvor, aber nicht liberal genug, um Hoffnung zu machen auf mehr Chancen für alle. Dazu hätte der Mut bestehen müssen, in Deutschland einmal gewachsene Strukturen zu zerschlagen, statt immer nur Konsens mit allen zu suchen und zu vermitteln, bis nichts mehr übrig ist, was noch vermittelt werden kann.
Es wäre fatal, wenn sich wegen dieses Versäumnisses nun nach der Wahl bei den Parteien die Ansicht durchsetzte, man könne der Bevölkerung wohl derzeit nicht ganz soviel zumuten und müsse die Sache - die Liberalisierung der deutschen Gesellschaft, die nun schon seit den letzten 10 Jahren auf der politischen Agenda steht (die Angst vor "Sozialabbau" war schon ein Mit-Grund für die Abwahl Helmut Kohls!) - etwas sanfter angehen, weil das dem betulichen deutschen Volk anders nicht zuzumuten sei.
Möglicherweise werden nach dieser Wahl aber vor allem Schwarz/Gelb eine ganz andere Konsequenz aus der deutschen Angst vor der Globalisierung ziehen: Bis auf weiteres wird man vor Wahlen keine radikalen Reformen mehr ankündigen, um so überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, diese Reformen umzusetzen. Deutschland hat gewählt: Es will die Augen vor der Realität globaler Konkurrenz verschließen. Die Politiker sollen nur machen - aber bitte nicht soviel davon reden. Deutschland will belogen sein. Man will beherrscht werden, gezwungen werden, aber nicht seine dazu Zustimmung gegeben haben. Man will sich den Zusammenhang zwischen den eigenen Interessen und den dazu notwendigen Mitteln nicht zumuten. Das Volk - man muß es ganz klar sagen - will wirtschaftspolitisch keine Demokratie, es will wirtschaftspolitisch unmündig sein. In diese Zwickmühle, in diese Paradoxie hat das Wahlvolk seine Politiker manövriert. Darin - und nicht in dem, was sich Frau Zehs altlinkem Beobachungsschema zeigt - besteht das aktuelle Problem deutschen Autoritätsverlangens.
In dieser Lage davon zu sprechen, daß "die Fixierung aller Parteien auf die Wirtschaft die Republik lähmt" entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Satz leider ist wahr, wenn man politische Taten von politischen Worten unterscheidet, und den Satz dann ausschließlich auf die Worte bezieht. Worte von Taten weitaus stärker zu trennen, als dies im Schwarz/Gelben Wahlkampf geschehen ist, ist der wahre Wählerauftrag für die kommenden Legislaturperioden. Die Konsequenz für die kommende Regierung gleich welcher Zusammensetzung, ebenso wie für alle Parteien in kommenden Wahlen ist also: Harte Maßnahmen verpackt in Weichspülrhetorik.
danke für diesen artikel. mir geht's schon auf die nerven, dass scheinbar nur wirtschaft zählt - nein, es ist wirklich so: in der debatte vor der wahl war einzig und allein Wirtschaft in all ihren unterfaceten thema.
doch es gibt eine kleine partei, die sich den grossen themen angenommen hat (nur mal die durch fischer praktizierte durchdachte aussenpolitik als beispiel).
eine partei, die darüber nachdenkt wie das große und das kleine miteinander funktionieren kann, wie langfristig ein gemeinsames überleben auf der kugel gehen kann, und eine partei die auch darüber nachdenkt was eigentlich kulturgüter sind, was also der wirtschaft nicht komplett als frass vorgeworfen darf...
danke und bitte weiter so!
Die Gesellschaft hat sich in den 90-iger Jahren stark ausdifferenziert im Hinblick darauf was noch verbindlich als Werte aufgefasst wird. Heute herrscht ein Wertecocktail der individuell zusammengestellt wird, je nachdem wovon man als Individuum den größten Nutzen und die geringsten Gewissensbisse erwartet. Das einzige was alle weiterhin anstreben ist ein Zuwachs materiellen Vermögens, der die humanistische Verarmung betäubt. Soziale Kontakte werden nach utilitaristischen Maßstäben gepflegt. Die Betonung des ökonomischen Denkens hat die Solidarität in der Gesellschaft vollkommen in den Hintergrund gerückt. In einem Land, in dem die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe über die Art der Konsumartikel definiert wird, die man konsumiert, kann man Menschen offensichtlich nur mit Themen erreichen, die ihr Portemonnaie betreffen. Auch alle Aspekte der Kultur müssen sich dem Verdikt der ökonomischen Rationalität unerwerfen.
Ich bitte nicht vergessen, welche kräfte die einführung der ökonomie in allen bereichen der gesellschaft vorantreiben...
Als junger familienvater beurteile ich parteien aufgrund verschiedener themen - und wirtschaft ist nur ein bereich von vielen. Humanitäre verarmung, materielles denken? Meine realität heisst seit jahren: Länger arbeiten, flexibel sein, auf gehalt verzichten. Es handelt sich eher um humanitäre _und_ materielle verarmung, da der trend klar in richtung mehr arbeit und weniger geld geht.
Mit trauer nehme ich wahr, dass medien und politiker in diesem land ständig von einer enttäuschung durch den wähler sprechen. 1) gibt es _den wähler_ nicht! 2) wenn es _den wähler_ gäbe, wäre er allein im recht, von der politik enttäuscht zu sein: Dieses land wird seit jahren de facto mit einer großen koalition regiert. Ist das jetzt stillstand? Es ist nicht möglich, dieses land zur reformierung des bestehenden systems zu führen? Der auftrag des volks an die politik ist klar. Stattdessen übt sich die politik in großen gesten und erbsenzählerei. Ein arbeiter oder angesteller, der sich so widerwillig, unflexibel und grob fahrlässig benimmt, lernt in kürzester frist die neuen kündigungsgesetze kennen.
Für mich ist die beschreibung der "Pflege von kontakten nach utilitaristischen maßstäben" eine reflektion der aktuellen parteienpolitik in diesem land. Ich befürchte, dass es in den nächsten vier wochen keine einigung geben wird. Geschieht dies, wird die demokratie in Deutschland zu grabe getragen.
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