Die Dresdener Wähler im Wahlkreis 160, die am 2. Oktober zur Urne gehen, werden die Zusammensetzung des Bundestags auf paradoxe Weise beeinflussen: Je mehr Zweitstimmen die CDU in Dresden bekommt, desto schlechter für sie. Liegt sie über etwa 42000 Stimmen (2002 waren es knapp 50000), so könnte im schlechtesten Fall die Unionsfraktion sogar ein Mitglied verlieren. "Negatives Stimmgewicht" nennen Wahlrechtsexperten diesen seltsamen Effekt, und er ist wohl mit keinem Verständnis von Demokratie vereinbar. Das Bundesverfassungsgericht hat sich allerdings bisher noch nicht damit auseinander gesetzt.

Die Hälfte der Sitze des Bundestages wird durch Direktwahl der Kandidaten mit der Erststimme vergeben, die andere Hälfte wird entsprechend dem Zweitstimmenergebnis der Parteien aus den Landeslisten aufgefüllt. Wenn eine Partei in einem Bundesland sehr stark ist und mehr Direktmandate bekommt, als ihrem Landesverband durch die Zweitstimmen an Sitzen zusteht, dann sind diese Abgeordneten trotzdem gewählt – der Bundestag wird einfach um die so genannten Überhangmandate vergrößert. Das sind im Moment 15 Sitze, 9 für die SPD und 6 für die CDU.

Die Probleme entstehen, weil die Überhangmandate für jedes Land einzeln berechnet werden, die Zweitstimmenanteile aber zwischen den Ländern ausgeglichen werden. In Sachsen (ohne den Wahlkreis 160) hat die CDU 13 Direktkandidaten ins Parlament gebracht, obwohl ihr nach dem Proporz nur 10 Sitze zustehen, sie hat also 3 Überhangmandate. Bekommt sie am 2. Oktober mehr als die erwähnten 42000 Zweitstimmen, so stehen ihr plötzlich 11 "normale" Mandate zu. Da sich aber ihr bundesweiter Stimmenanteil nicht wesentlich ändert, wird ihr das Mandat an anderer Stelle wieder genommen – bei der NRW-CDU, Verlierer wäre dort der Abgeordnete Cajus Julius Caesar. Nettoeffekt also: ein Sitz weniger. Einer mehr wird es dann wieder, falls CDU-Mann Andreas Lämmel in Dresden direkt gewählt wird. Im für die Union schlechtesten Fall verliert sie den Wahlkreis an die SPD-Direktkandidatin, bekommt aber zu viele Zweitstimmen. Dann schrumpft die Unionsfraktion tatsächlich von bisher 225 Mitgliedern auf 224.


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