wellness spezial »Gehn S’ eini, Frau!«
Im Karlbad, Österreichs letztem Bauernbad, werden die Gäste nicht verzärtelt: Sie liegen in brühwarmem Wasser und essen Hausmannskost am Holzfeuer
Der Schriftsteller Ernst Jünger soll auch deshalb so lange gelebt haben, weil er sich jeden Morgen in eine Wanne mit eiskaltem Wasser legte. Wäre er auch in einen Holzbottich mit 40 Grad heißem Wasser gestiegen? Hätte er, Titan der Abhärtung, sich dem eher elenden Gefühl ausgesetzt, ein ums Überleben kämpfender Hummer zu sein.
Die Herausforderung ist enorm. Für eine Sekunde hält es der große Zeh in der flüssigen Glut aus. Mehr geht nicht. Ratlos, nackend sitzt die Kurdebütantin auf dem Rand der mit Brettern bedeckten, niederschmetternd einem Sarkophag ähnelnden Holzwanne und späht durch Nebelschwaden in den düsteren Raum. Was heißt Raum! Das hier sind eher Katakomben, niedrig, fast lichtlos, Wände, Boden, Decken aus tiefbraunem Holz, alles circa 500 Jahre alt. Durch das Fensterchen neben dem Eingang, der nur mit eingezogenem Kopf passierbar ist, schaut ein Kälbchen herein. Der Kurbetrieb findet hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu alpenländischer Viehzucht statt. Ein netter Gedanke. Er lenkt kurz von der Aufgabe ab, in 40 Grad heißes Wasser zu steigen. Aus den Nachbarwannen schauen die Köpfe der Kurbadenden heraus. Das sieht etwas gespenstisch aus. Es erinnert irgendwie an eine horizontale Guillotine. Und was heißt überhaupt Kur! Momentan ist es Extremtraining.
Hummer, Ernst Jünger, Guillotine – es geht gedanklich durcheinander
Sehr leise, um eine drohende Blamage abzuwenden, kippt die Debütantin ein paar Trinkgläser mit kaltem Wasser nach, welches in einer Holzrinne durch die Katakombe fließt. Vier Gläser kaltes Wasser. Jetzt ist wenigstens ein Fuß in der Wanne. Aber 39,8 Grad dürften es immer noch sein. »Gehn S’ eini, Frau«, ruft es aus einer Wanne. Das muss die Kärntnerin sein, die abends Karten spielt und zum Frühstück Sterz, also Polenta, isst. »Gsund is dös, rein müssen S’. Wann’s net geht ,schütten S’ holt a kolts Wossa noch.« Eben. Ruck, zuck zwei volle Eimer kaltes Wasser in die Wanne. Bei aller Liebe zur Heilwirkung von Radon, Eisen, Schwefel, Radium – und bei allem Vertrauen in die Heilanzeigen, also eine längerfristige Vorbeugung von Gicht und Rheuma. Im Vordergrund steht die kurzfristige Vorbeugung eines Kreislaufkollaps. Noch zwei Becher Kaltes. Es sind jetzt schätzungsweise 35 Grad in der Wanne. »Do«, ruft die Kärntnerin, »die Schornalistin is a drin.«
Es ist 7.30 Uhr am Morgen. Schauplatz der Unternehmung – nennen wir sie Wellness in authentischer Mittelalterform – sind die herrlichen Nockberge in den Kärntner Alpen. Auf 1700 Meter Höhe liegt an der Nockalmstraße, die einen Nationalpark durchquert, das Karlbad; einsam in einer Senke zwischen Wald- und Weidehängen. Keine Busverbindung. Kein Strom. In den sieben Gastzimmern des Karlbads gibt es nur Kerzenlicht, in der Gaststube Petroleumlampen, in der Küche einen Holzfeuerherd. Baulich wurde an dem Almhof seit 500 Jahren nichts verändert, abgesehen vom Einbau neuer Fenster und eines Wasserklosetts nebst Waschbecken im ersten Stock, das sich die Kurgäste teilen. Diese Kur, sagt man sich mantramäßig vor, unter Brettern aus Lärchenholz, in einer aus einem Lärchenholzstamm gehauenen Wanne in circa 35 Grad heißem Wasser liegend, diese Kur ist einmalig auf der Welt. Wirklich einmalig.
Das so genannte Bauernbad, das die Familie Aschbacher samt Gaststätte, Pensionsbetrieb und Viehzucht in der achten Generation betreibt, ist das Letzte seiner Art. Früher, im 17., 18., 19. Jahrhundert, gab es solche Bäder überall in den Alpen oder wo auch immer. Jetzt nur noch hier in den Nockbergen. Mögen andere in Wellness-Resorts mit vorgewärmten Bademänteln und Beauty-Packs fahren, sich mit indischen Ölen massieren lassen, von grünem Tee und Knäckebrot leben. Das hier ist die wahre Sensation. Es wird jetzt auch inwendig, genauer gesagt, im Hirn recht heiß. Hummer, Kälbchen, Ernst Jünger, Guillotine, Polenta, es geht gedanklich ziemlich durcheinander. Sensation hin oder her: Es hat keinen Sinn, mit brühwarmem Wasser die Verdauungstätigkeit anzuregen, wenn man nebenbei in die Paranoia rutscht. Noch mal vier Becher kaltes Wasser. »Etz gebn S’ a Ruh, Frau«, ruft die Kärntnerin aus ihrer Wanne, »still müssen S’ liegn. Dös is a Kur und ka Gaudi.« Es soll Leute gegeben haben, die beim Aussteigen aus der Wanne sofort kollabierten. Oder es gerade noch ins Zimmer schafften und dort erledigt niedergingen. Es sollen aber auch schon Japaner im Karlbad gewesen sein, die sich in 46 Grad heißes Wasser legten und lächelten.
Organisiert ist die mittelalterliche, bis heute authentisch gehaltene Kurerei folgendermaßen: Direkt unter dem Haus entspringt eine radonhaltige Quelle. Man hört sie immerzu glucksen und kann von der Treppe im Hausflur direkt zu ihr hinunterschauen, was das verwirrende Gefühl, sich hoch in den Bergen und zugleich in einer Unterwelt zu befinden, noch erhöht. Das Quellwasser wird durch Rinnen zu den Wannen geleitet. Jetzt aber das eigentliche Geheimnis: Unmittelbar neben dem Haus fließt der Karlbach ins Tal, auch ihn hört man immerzu glucksen und rauschen. Die Steine im Bachbett enthalten ein ganzes Sortiment hochwertiger Mineralien. Herr Aschbacher senior, nebenbei ein leidenschaftlicher Musiker mit der Ziehharmonika, holt die Steine heraus, zerkleinert sie mit einem Amboß und stapelt sie vor den Kurräumen, die sich, von außen besehen, von niedrigen Schweineställen nicht unterscheiden.
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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