Der Spieler

Wie es jetzt weitergeht, weiß auch Gerhard Schröder nicht. Nur was er will, weiß er: Noch einmal ans Steuer. Ein Besuch im Kanzleramt

Draußen vor der Tür landen die Krähen. Sie trippeln bedächtig die Glaswand entlang, sehen sich um, wählen ein Ziel und heben ab. Von hier aus, vom Dach des Bundeskanzleramts, haben sie reichliche Auswahl für ihre Streifzüge.

Und Ruhe. Niemand scheucht sie auf. Der Mann hinter der Glasschiebetür tritt selten nach draußen. Er sitzt drinnen und genießt für einen Moment die Stille. Die Welt, aus dieser friedlichen Perspektive betrachtet, ist ziemlich in Ordnung. Gerhard Schröder, 24 Stunden nach dem Wahltag und dessen Hektik, ist zufrieden. Hinter ihm liegt »die schwerste Zeit meines Lebens«. Und eine turbulente Nacht.

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Nicht dass die spurlos an ihm vorübergegangen wäre. Der Puls ist jetzt zwar ruhig und die Spannung raus. Der Motor läuft auf Normaltemperatur. Aber am Abend davor war das anders. Seinen Auftritt in der »Elefantenrunde« des Fernsehens würde der Kanzler gern rasch wieder vergessen, am liebsten auch aus der kollektiven Erinnerung löschen. Oh, oh, stöhnt er, wenn man nach dem Urteil von Ehefrau Doris fragt. Sie war offenbar strenger mit ihm, als seine Bemerkung aus der Wahlnacht, sie habe seinen Auftritt als »ein bisschen zu krawallig« kritisiert, es wiedergibt.

Schröders TV-Auftritt am Wahlabend – »War nicht gut, ich weiß«, sagt er

So schnell, wie er’s sich wünscht, »versendet« sich so etwas nicht. Am Montag ist Schröders Auftritt das Tagesgespräch aller politisch interessierten Bürger. So schnell werden sie nicht vergessen, wie da einer seiner eigenen Gefühlswallungen nicht Herr wurde. Kein Alkohol, wird glaubwürdig versichert, nicht nur von ihm. Aber ob es Endorphine allein waren oder obendrauf doch ein Glas Champagner, so oder so war es nicht Schröders starke Stunde. Ein suboptimaler Auftritt, gelinde ausgedrückt. Genau, sagt er amüsiert, das ist das Wort: »Suboptimal«. So lassen die kleinen nagenden Gewissensbisse sich leichter ertragen. »War nicht gut, ich weiß.« Können wir jetzt davon aufhören?

Andererseits, es mag ungeschickt gewesen sein, sagt er, aber »es war ehrlich«. Im Fernsehen könne man nicht lügen, die Leute merkten das. Und sein Auftritt in ZDF und ARD war nun mal eine unverhohlene Reaktion darauf, was er in den Monaten seit der Ankündigung von Neuwahlen am 22. Mai als Medienkampagne gegen sich, gegen Rot-Grün und seine Partei erlebt habe. Und der Machtanspruch, den er in der TV-Runde zwar patzig vorgetragen hat, der aber kühl kalkuliert war, sei nun mal in der Entwicklung dieser Monate begründet: Er und die SPD seien von ganz unten gekommen, aus dem Tal der 24 Prozent, Frau Merkel und die Union von ganz oben, wo die absolute Mehrheit zu Hause ist, und am Ende reicht es noch nicht einmal für Schwarz-Gelb! Und da wollen die einen Machtanspruch stellen? »Wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen«, polterte er in der Wahlnacht. Er will Kanzler bleiben. An Chuzpe hat es ihm nie gefehlt.

Die SPD steht hinter ihm. Jedenfalls jetzt, nachdem er sie, Moses als Vorbild, im Alleingang aus der Wüste geführt, das Schwarze Meer geteilt und sie als Volkspartei ans rettende Ufer geführt hat. Darauf beruht, wie ein Insider es formuliert, die »neue Leidenschaft zwischen Schröder und der Partei«, eine Mischung aus Dankbarkeit, Respekt und auch ein wenig schlechtem Gewissen. Die Partei war nicht immer freundlich zu ihm, so wie er sich um die Partei wenig bemüht hat. Erst der Wahlkampf hat ihn dazu veranlasst, nein: gezwungen. Da begann er, die Agenda 2010 und seine Reformpolitik auch für Sozialdemokraten in deren Sprache und Kategorien zu begründen. In der Schlussphase klang die Agenda in Schröders Wahlkampfreden geradezu wie ein linkes Projekt. Hätte er damit nicht früher anfangen können?, fragen manche Sozialdemokraten. Vor Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen (die seit Sonntag beide wieder »rot« sind). Wer weiß, ob die Neuwahl dann nötig geworden wäre. Aber so ist das nun mal: Jegliches hat seine Zeit.

Ist dies die Zeit für einen Machtanspruch, wie Schröder ihn jetzt stellt, obwohl die SPD weniger Sitze hat als die CDU/CSU-Fraktion? Viele Sozialdemokraten strampeln sich jetzt öffentlich ab, das als eine Art neue Selbstverständlichkeit darzustellen. Sind denn CDU und CSU etwa nicht nur eine Fraktionsgemeinschaft zweier in Wahrheit eigenständiger Parteien? Ist nicht jede für sich kleiner als die SPD? Begründet das nicht deren Führungsanspruch? Nun ja, das einigermaßen volkstümlich zu erklären und dabei zugleich seriös zu bleiben ist nicht einfach.

Die Union selbst weiß recht gut, wie unterschiedlich die beiden Schwesterparteien sind. Unvergessen ist, wie Franz Josef Strauß 1976 in Wildbad Kreuth aus Wut über Helmut Kohl die Fraktionsgemeinschaft aufzukündigen drohte. Beide Seiten erinnern sich auch daran, dass Kohl und Heiner Geißler in grauer westdeutscher Vorzeit mit Planspielen beschäftigt waren, die einen »Einmarsch der CDU in Bayern« zum Inhalt hatten. So sprach man seinerzeit darüber, allen Ernstes. Und Geld spielt sowieso eine wichtige Rolle. Denn dass die öffentliche Finanzierung der beiden eigenständigen Parteistiftungen (Konrad-Adenauer- beziehungsweise Hanns-Seidel-Stiftung) deutlich geringer ausfiele, wenn es nur eine einzige gemeinsame gäbe, trägt wesentlich zur Fortdauer der Zwei-Parteien-Existenz bei. Doch sobald es statt um Geld um Macht geht, ist es vorbei mit der Zweisamkeit, dann wird aus CDU und CSU seit jeher »die Union«.

All das wissen natürlich auch der Kanzler und die SPD. Dass da bei ihnen angesichts ungewöhnlicher neuer Umstände – fünf Fraktionen, keine klare Mehrheit, schwere Aufgaben – ungewöhnliche Ideen keimen, ist nicht verwunderlich. Die SPD ist mit 34,3 Prozent in der Tat »stärkste Partei«, CDU und CSU kommen – wie der Wahlleiter penibel in getrennter Abrechnung mitteilt – hochgerechnet auf das Bundesgebiet nur auf 27,8 beziehungsweise auf 7,4 Prozent.

Einige besonnene Köpfe in der SPD halten diese Rechenspiele für müßig. Gleichwohl stellt Schröders Machtanspruch niemand infrage. Das wird auch eine Weile so bleiben. Eine Rolle spielt aber, neben den Emotionen, auch die Frage nach der Zukunft der Partei: Kann die SPD in der Großen Koalition überleben? Wird sie nicht zerrieben zwischen der populistischen Linkspartei auf der einen und den ökologisch-reformliberalen Bündnisgrünen? Die Antwort auf diese Frage in der SPD lautet: Wenn schon Große Koalition, dann nur mit Schröder als Kanzler. Alles oder nichts. Das steckt hinter Schröders Anspruch.

Aber wie soll das gehen, wenn es ernst gemeint ist und nicht nur den Preis für andere Optionen erhöhen soll? Mehrere Modelle spuken herum. Manches ist ernst gemeint, manches Spielmaterial, nicht immer ist das eine vom anderen leicht zu unterscheiden. Vielleicht lockt es die Union, so lautet eine Variante, wenn Schröder dem griesgrämigen CSU-Chef Edmund Stoiber das Außenministerium und dem triumphierenden sauerländischen Schmollmund Friedrich Merz das Finanzministerium anbietet? Dazu der Union obendrauf einen Wechsel der Kanzlerschaft nach zwei Jahren, wie das in Israel schon einmal praktiziert wurde? Sind die Parteien reif für so viel Flexibilität? Besteht genügend Vertrauen zwischen ihnen? Neues ist im Wahlkampf 2005 jedenfalls nicht gewachsen, weder hüben noch drüben, eher im Gegenteil.

Hier oben, in der Kanzlersuite, ist dem Hausherrn das alles bewusst. Ob er mit seinem Anspruch durchkommt, weiß er nicht. Aber wenn er einmal aufgebrochen ist, lässt er Zweifel am Ziel nicht aufzukommen. »Wenn du selber nicht glaubst, dass du das Optimale erreichst, dann kommst du da nie hin«, sagt er. Und weil ihn die für Ostwestfalen gar nicht so typische Neigung zur Ironie nie verlässt, zitiert er bei der Gelegenheit den Unzitierbaren, Oskar Lafontaine: »›Nur wer selbst begeistert ist, kann andere begeistern‹, hat mal einer gesagt«, sagt Schröder und zeigt sein Markenzeichen, das breite Grinsen.

Doch vielleicht gibt es auch ein Leben nach Schröder – und Merkel. Varianten dazu werden in der Partei nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert, außerhalb aber umso offener. Zum Beispiel, schachstrategisch gesprochen, das Modell »Damentausch«: Die beiden Spitzenfiguren werden geopfert. Merkel, intern angeschlagen, als Erstes, danach der Kanzler, intern unangefochten. Für die Juniorrolle der SPD gilt Steinbrück unverändert als erster Anwärter. Als möglicher CDU-Kanzler dieses Modells wird Wolfgang Schäuble genannt, als Mann des Übergangs? Oder Christian Wulff, der laut Politbarometer derzeit beliebteste Politiker in Deutschland und damit ein relativ großes Risiko für die SPD. Oder Roland Koch, der zurzeit unbeliebteste Spitzenpolitiker der Union, den viele Sozialdemokraten freilich für den besten Mann der CDU halten. Verkehrte Welt.

Alles kein Thema für Schröder. Das beträfe die Zeit nach ihm. Er lebt im Hier und Heute. Da hat er mehr erreicht, als er vor drei Wochen noch gedacht hätte. Er ist mit sich selbst im Reinen, versöhnt mit der Partei und ihren führenden Personen. »An der Partei liegt mir viel mehr, als die meisten glauben«, sagt er. Diese Art Balance und Harmonie, gerade weil sie sich eher selten einstellt, ist ihm wichtig. In so stillen Stunden ist er auch bereit, über sich selbst und sein Lebensgefühl zu reden. Dann äußert er auch seinen nach wie vor glühenden Zorn auf die Medien etwas verhaltener. Mehr mahnend als schimpfend. So viel aber ist klar: »Medienkanzler« wird dieser Schröder nicht mehr. Geschmeichelt wird nicht mehr. Ein Reifeprozess ist das, unübersehbar.

Sieg oder Viktoria? Nein, sagt er, Sieg und Viktoria

Irgendwann wird er darüber einmal schreiben. Wie’s war und wie es gekommen ist, auch darüber, wie er und Franz Müntefering sich für Neuwahlen entschieden haben. Aber Schröder sagt dazu jetzt kein Wort. Zu niemandem. »Irgendwann schreibe ich darüber.« Basta.

Wie’s jetzt weitergeht, weiß auch er nicht. Nur was er will, weiß er: noch einmal ans Steuer. Und wenn nicht? Als Sieger fühlt er sich jetzt schon: weil er die Zweifler in den eigenen Reihen besiegt hat, auch die eigenen Zweifel. Und die Zweifellosigkeit, mit der die andere Seite seit Wochen als Sieger gefeiert und hofiert worden war.

Vor einiger Zeit, noch vor dem Wahljahr, als es ebenfalls um Schröders Fähigkeit ging, in der Krise ruhig zu bleiben, da hieß es, der Kanzler habe im Fall einer Niederlage ja immer die Möglichkeit vor Augen, sich nach Hause zurückzuziehen, wo nicht zuletzt seine Adoptivtochter Viktoria auf ihn warte. »Sieg oder Viktoria«, fasste die ZEIT seinen damaligen Seelenzustand zusammen. Das hat ihm gefallen. Gern erinnert er sich an dieses Bild (»wäre als Wortspiel auf Englisch noch schöner: Victory or Victoria«). Dann sagt er: »Jetzt heißt es: Sieg und Viktoria.«

Draußen ist es dunkel geworden. Die Krähen sind weg.

 
Leser-Kommentare
  1. Schöner Hintergrundartikel. Danke.

    • kaubri
    • 23.09.2005 um 9:34 Uhr

    Diejenigen, deren Namen mit der Agenda 2010 verknüpft seien, hätten "das Recht erworben, diesen Reformprozess weiterzuführen". Weshalb musste dann Deutschland überhaupt wählen? Hier lebt jemand "in seiner eigenen Welt". Man schämt sich Deutscher zu sein und womöglich noch von diesem Mann weiter regiert zu werden.

  2. wir brauchen eine demokratisch gewählte Kanzlerin. Bitte nie wieder jemand mit innerem Führungsauftrag.

  3. Wie erbärmlich ist diese Diskussion. Die Deutschen sind in der überwiegenden Mehrheit dankbar, einen Kanzler von Format zu haben und dieses auch im Wähler-Votum deutlich gemacht. Sehr wohl ist die SPD stärkste Partei am Wahltag geworden. Die CDU und CSU sind ZWEI Parteien im Geld-UND Machtanspruch. Mit Verlaub, die "dümmlichen" Gesichter der Personen auf der Oppositionsbank bei der "Berliner Runde" haben mich richtig aufgebaut. Denn diese Personen für ihre Parteien handelnd, die Deutschland auf ein Niveau von 1949 in vaterlandsverrätischer Art und Weise schlechtgeredet haben und mit ihrer machtbesessenen von der Wirtschaft gesteuerten Blockadepolitik sind die Ursache für den bisher schleppenden Erfolg bei der Reformierung unseres Landes. Gottseidank hat das Volk beschieden, NEIN-KEINE REGIERUNGSVERANTWORTUNG FÜR SCHWARZ-GELB! Auch ein Bundeskanzler darf Emotionen zeigen und er hatte mit jeder Äußerung recht. Diese Brenders, Jörges, Markworts und wie sie alle heißen mögen, müssen in die Schranken gewiesen werden. Das Deckmäntelchen Aufklärungspflicht des Bürgers ist kein Freibrief eine Hetzjagd auf Politiker und Parteien im Sinne des Kapitals zu betreiben. Diese Jacke paßt derzeit so ziemlich jeden, der in diesem Bereich sein "Unwesen" treibt. Es ist unbedingt der moralische Anstand und Manipulation des Bürgers durch Journalismus zu hinterfragen. Wer haftet für die Folgen?

    • MHase
    • 21.09.2005 um 9:55 Uhr
    5. Moses

    Ja der Vergleich mit Moses ist schon treffend, aber leider vergißt der Autor wie es in der Geschichte ausguing. Denn Moses betrat niemals das gelobte Land, sondern sa es nur. Ich denke, dass es schon Kalkül ist, was Schröder macht. ER möchte sich und seine SPD soviel Einfluß geben, wie er kann, wenn er schon nicht mehr Kanzler wird. Man könnte sich vorstellen das der Kompromiss so aussieht, dass keine Mehrwertsteuererhöhung erstmal kommt, die Pendlerpauschale und Steuerfreiheit für Nachtzuschläge bleibt und die Tarifautonomie unangetastet bleibt.
    Dafür wird es eine ERprobungsphase beim Kündigungsschutz geben, mit einer Verfallsklausel und einer Verlängerungsklausel, wenn nach 3 Jahren die Zahl X weniger Arbeitslose gibt, sonst muss neu verhandelt werden.
    Die Parteien werden sich um das Steuersystem kümmern und endlich einige der Ausnahmevorschriften und Subventionen abschaffen. Dies drängt wirklich mehr. Man könnte sich auch vorsetllen, dass das Krankengeld aus der Krankenversicherung herasugenommen wird, und durch Mehreinnahmen bei den Steuer finanziert werden könnte. Das würde dem CDU Plan der Lohnkostensenkung entsprechen, aber auch den Rentner zugute kommen, da die Versicherungsbeiträge auhc für sie sinken.
    Ich finde nur komisch, dass die Presse eine Entschuldigung von Herr Schröder fordert. Hat sie sich jemals bei den Bewohnern von Sebnitz entschuldigt oder bei anderen Politikern, die durch falsche Nachrichten, von den Medien verbreitet, zurücktreten mussten. Um biblisch zu bleiben, die Medien ernten nun auch mal den Wind, denn sie gesät haben. Aber das ist ein anderes Thema.

  4. In der Tat ein amüsanter Artikel, ob real oder fiktiv, lesenswert. Doch dann kommt der Punkt, wo der Schreiber und/oder seine Informanten ins Irreale, ja glossenhafte abzurutschen drohen.

    Den Namen und die Person Schäuble überhaupt mit dem Posten des Kanzlers und dessen Besetzung durch ihn ernsthaft in Verbindung zu bringen, halte ich für ein Stück aus dem Tollhaus. Das wäre die personelle Bankrotterklärung dieser Republik.

    Wir wissen, Schäuble kann alles, weiss alles und auch immer besser als die Anderen, aber auch ihm sind intellektuelle, politische Grenzen gesetzt.

    War er nicht der Mann, der diesen Vereinigungsvertrag mit seinen noch heute spürbaren Folgen "zurechzimmerte"? War er nicht in der Parteispendenaffäre involviert? Galt er nicht als Stütze von Helmut Kohl? War er nicht zu feige, mit seinem Herren abzurechnen? Wurde er nicht als zu "leicht" oder nicht vermittelbar empfunden, als der Posten des Bundespräsidenten zu vergeben war? Usw. usf.

    Bei aller Distanz zur Union, glaube ich dennoch, dass sie geeignetere Personen in den Ring schicken könnte!

  5. Was hat sich die Republik nicht die Federn stumpf geschrieben, um die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder immer wieder mal zwischendurch mit der von Helmut Kohl vergleichen zu können.

    Natürlich schimmert etwas davon durch, sollte da einer tatsächlich zum dritten Male in Amt und Würden gebracht werden, weil sich sechs Parteien nun mal einfach einen Kanzler suchen müssen!

    Der Versuch des Kanzler's, die Kommunikations-Rituale zu seinen Gunsten zu verändern war allerdings so authentisch, das es nun auch einmal an der Zeit wäre, diese Rituale in Frage zu stellen, nicht etwa per Jamaika-Beschlüssen, sondern per vernünftiger Abbitte.

    Gerhard Schröder hat seinen Teil dazu bereits getan und es muß ihm eigentlich nur endlich geglaubt werden. Das Einzige, was Gerhard Schröder und Helmut Kohl je gemein hatten, war, das sie beide schon früh in ihrem Leben darüber nachgedacht hatten, ins Kanzleramt einziehen zu wollen. Na und!

    Das das Land viel wichtiger als die Parteien ist, dieser neue Plural, der nichtsdestotrotz die Pluralismen unserer Gesellschaft berücksichtigt, die die alte Bundesrepublik und das "Neue Deutschland" zusammen ausmacht, kann nur von einer wirklich starken Persönlichkeit in die Realität übersetzt werden.

    Da sich die Menschen in Deutschland ganz eindeutig gegen die Friedmann'schen Thesen zur Gesundung der Weltwirtschaft ausgesprochen haben, wird es also keine Kanzlerin Merkel geben können.

    Deshalb ist das Gerede um die Abwahl und das Gefeilsche um die Sinnzusammenhänge des Geschehens seit dem 22. Mai in Wirklichkeit die Zeitverschwendung, die sich Deutschland nicht leisten kann, gegen die der Kanzler nun aber schon etliche Jahre anregieren mußte. Der Kanzler hat seinen Vertrauensbeweis erhalten, darf es selber nur nicht zu oft sagen.

    Hier soll ja kein Sieg auf ganzer Ebene errungen werden, wie die „Spieler-Hypothese“ glauben machen will, sondern nur der Durchbruch zu mehr Aufbruch für den sich in Deutschland schon immer in erster Linie die Sozialdemokraten zuständig gezeigt haben.

  6. Noch ein Satz zu Schröder am Sonntag. Ich habe seinen krawalligen Auftritt nicht gesehen, weil ich mir im Flieger über Marseille den eigenwilligen Kommentar eines Air Berlin Flugzeugführers anhören musste, der über Bordfunk Deutschland an den Rand des Untergangs redete, weil Merkel/Westerwelle es nicht die von ihm erwarteten Prozente erreicht hatten. Soll ich deshalb jetzt an Hunhold schreiben, dass er seinen Angestellten zur Rede stellt? Der war ganz einfach enttäuscht und hat das ins Mikro gequatscht. Und? Hauptsache er ist nachher ordentlich geflogen und sicher gelandet. Lasst einfach die Kirche im Dorf Leute. Am Sonntag haben noch mehr Leute Emotionen gezeigt, Schröder in der großen Runde vor laufender Kammera. Genau deshalb stehe ich auf den Typ.

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