frankreich Wenn Präsidenten lieben

Jacques Chirac hat lange gebraucht, um Schröder schätzen zu lernen. Nun fürchtet er seinen Abgang

Nach der Visite der Kanzlerkandidatin im Elysée-Palast fiel die Sympathieerklärung des Präsidenten eher reserviert aus. »Ich bin sicher, dass ich mich mit Madame Merkel verstehen könnte«, sagte Jacques Chirac, »weil ich beschlossen habe, mich mit ihr zu verstehen.« Das war im Wonnemonat Juli, als erst einer von beiden wusste, wie schmerzhaft fünf Prozent sind, die zum Sieg fehlen. Seitdem Angela Merkel mit der gleichen Marge ihr Ziel verpasste, mit der auch Chirac beim EU-Verfassungsreferendum unterlag, dürfte das Verständnis des Präsidenten noch gewachsen sein. Als jemand, der sich um die Krönung seines Lebenswerks gebracht fühlt, besitzt der Präsident genügend Verlusterfahrung, um anderen Trost zu spenden: Seht her, wir nähern uns ebenfalls einem Machtvakuum, auch in Frankreich geht der Bruch zwischen Konservativen und Liberalen mitten durchs bürgerliche Lager, und längst ist auch hier die Linke sich selbst der ärgste Feind.

Zuspruch hat Frankreich derzeit selbst nötig: Seit Wochen beobachtet das Land die deutsche Lage aufmerksamer als je zuvor. Die Ahnung, beim Nachbarn das eigene Schicksal gespiegelt zu sehen, drückt sich in den ersten Wahlreaktionen aus: Wir gehen unter, mahnt die sozialistische Opposition, wenn wir nicht Linksabspaltungen wie in Deutschland vermeiden. Ja, das kommt davon, rufen konservative Regierungsmitglieder der CDU/CSU zu, wenn man sich einem allzu liberalen Programm verschreibt. Eine Warnung auch an den UMP-Parteichef Nicolas Sarkozy, mit seinem »Merkel-Kurs« nicht die Wahlchancen 2007 zu versieben.

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Vor allem aber spürt Jacques Chirac in seinem fin de règne , welches politische Zwillingsschicksal ihn mit Gerhard Schröder verbindet. Auch wenn man beiden Opportunismus und heftige Willensausbrüche nachsagt – abzusehen war dies nicht, im Gegenteil: Chiracs zehnjährige Präsidentschaft bescherte den Deutschen mehr bleierne als goldene Jahre. Nach den Europa-Visionären Mitterrand und Kohl markierte Chiracs Amtsantritt 1995 einen Bruch. Das lag nicht nur an Frankreichs Alleingängen – Atomtests, Armee-Reform und Atomtransporte. Auch persönlich galten Chirac und Kohl als inkompatibel: zwei unduldsame Alphatiere, die es schwerlich gemeinsam in einem Raum aushalten konnten.

1998, mit dem Amtsantritt Gerhard Schröders, der lieber nach London fuhr, um mit Premier Blair den »dritten Weg« zu proben, wurde es noch schlimmer. Hatte der Zigarre rauchende Kanzler schon mit seinem hemdsärmeligen Auftreten bei Pariser Elitepolitikern für Befremden gesorgt, so stieß das neoliberale Schröder-Blair-Papier auf völliges Unverständnis. Schröders Absage an das gemeinsame Weltkriegsgedenken am 11.November1998 galt als schwerer Affront. Die Folge waren zwei Begegnungen mit nächtelangem Verhandlungspoker und Brüllorgien. Beim Berliner EU-Gipfel 1999 gerieten Chirac und Schröder wegen der EU-Agrarfinanzierung und in Nizza 2000 wegen der künftigen Stimmengewichtung im EU-Rat aneinander.

Nichts bewegte sich mehr zur Jahreswende 2001, bis die Berater im Elysée und Kanzleramt einen Notfallplan zur Rettung der ruinierten Staatsgeschäfte auflegten. Gemäß der Diplomatenregel, dass man, wenn es zwischen den Staatsspitzen schwierig wird, die Streithähne erst einmal ohne ihre Beamten zusammenbringen soll, begannen beide Seiten während einer sternenklaren Winternacht im Januar 2001 im Elsass-Dorf Blaesheim mit Konsultationen, die aus dem Jammertal führten. Seitdem haben sich Präsident und Kanzler so häufig zu intimen Minigipfeln getroffen, dass Chirac zur Begrüßung zuweilen scherzhaft die Hände hob und »Schon wieder isch« rief.

Zusammengeschweißt hat die beiden ihre unverhoffte Wiederwahl als Präsident und Bundeskanzler 2002. Längst hatte Schröder mit Jospin als neuem Staatschef gerechnet, während Chirac dem siegessicheren Edmund Stoiber einen pompösen Staatsempfang bereitete. Seit ihrer gleichzeitigen Wiederauferstehung hegen die oft Totgesagten einen Heidenrespekt voreinander und entwickelten ungeahnte Energien: Zum Erstaunen der Europäer einigten sie sich auf einen Agrarkompromiss; auch im Streit um die Stimmen im EU-Rat wollte Chirac dem bevölkerungsstärkeren Nachbarn erstmals den Vortritt lassen.

Leser-Kommentare
  1. Cihrac ist schon eine Spezies für sich, oder besser, man muss ihn mit größter Vorsicht genießen. Es haben alle mitbekommen, dass er nicht von Anfang an mit Schröder ein Freundschaftsbündnis eingegangen ist, aber diese übertriebenen Freundschaftsgefühle, die die Beiden jetzt rüberbringen finde ich lächerlich. Das Volk interessiert nicht wie oft sie zusammen in Sauna gegangen sind... Es ist viel wichtiger die beiden Länder gut zu führen und das die EU zum Laufen kommt. Da muss man einfach hart bleiben und sagen: "Freundschaft ist eine private Sache und gehört nicht in die Politik, jedenfalls nicht in diese Beziehung!"

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