medien Aus der Rolle gefallen

Wenn Journalisten Stimmung machen, setzen sie ihr höchstes Gut aufs Spiel: Die Glaubwürdigkeit

Vielleicht sollten wir Journalisten nach dem 18. September nicht gleich zur Tagesordnung übergehen. Es haben nämlich vor der Wahl nicht nur alle Demoskopen und ein Teil der Politiker die Ängste und Wünsche der Wähler falsch gedeutet und einen klaren Sieg der Union vorausgesagt. Auch die Medien haben sich blamiert. Sie haben sich ganz auf die Prognosen verlassen und sich gegenseitig in ihren falschen Einschätzungen noch bestärkt, statt sie mit Distanz zu prüfen. Insofern sind wir Journalisten Teil des Problems, das mit dem überraschenden Ergebnis am 18. September sichtbar geworden ist: Das Sensorium für die Menschen außerhalb des politischen Betriebs ist stumpf geworden.

Dazu kommen massive Vorwürfe aus der rot-grünen Koalition, die zwar abgewählt wurde, aber besser abgeschnitten hat als vorausgesagt. Nach Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer hat sich jetzt auch Innenminister Schily die Medien vorgeknöpft. Vor dem Kongress der Zeitungsverleger beklagte er die kaum verhüllte Absicht vieler Journalisten, »Wahlkampfhilfe« für Schwarz-Gelb zu leisten. Spitzenpolitiker von Sozialdemokraten und Grünen verbreiten überdies, es habe eine konzertierte Aktion gerade jüngerer Journalisten unterschiedlicher Häuser gegen Rot-Grün gegeben.

Anzeige

Diese pauschale Beschuldigung, die man auch als Versuch der Einschüchterung lesen kann, spiegelt nicht die Realität in den Redaktionen wider, sondern das Politiker-Prinzip: Jeder positive Bericht ist objektiv, jede Kritik aber eine Kampagne. Eine Verschwörung gegen Rot-Grün hat es nicht gegeben. Trotzdem sind Otto Schily und andere zu Recht irritiert, denn die Kommentierung des Wahlkampfes in diesem Jahr hat sich von der vergangener Jahrzehnte tatsächlich unterschieden. Zum einem haben Blätter, die das rot-grüne Projekt zu Beginn durchaus mit Sympathie begleitet haben, wie Spiegel, stern, Süddeutsche Zeitung und auch die ZEIT, diesmal keine oder nur vereinzelt Zustimmung zu einer neuen Koalition von SPD und Grünen erkennen lassen (was möglicherweise mit dem Zustand der Regierung und den Umständen der Neuwahlen etwas zu tun hatte).

Zum anderen hat die Bild- Zeitung im Gegensatz selbst zu anderen Springer-Blättern besonders in den letzten Tagen vor der Wahl eine Parteilichkeit für Schwarz-Gelb zur Schau getragen, die Maßstäbe setzt. Allerdings kann man angesichts der offenkundigen Wirkungslosigkeit solcher Bekenntnisse auch die Theorie von Bild als Leitmedium infrage stellen, womöglich den Einfluss von Journalisten auf Wähler überhaupt.

Aus der Sicht der Politiker ist auch der Eindruck zutreffend, dass sie es zunehmend mit einem neuen Typus von Journalisten zu tun haben. Es gibt inzwischen in Deutschland eine vorbildliche Tradition für politischen Journalismus, einige Lehrmeister werden schmerzlich vermisst. Daneben existiert aber der politische Korrespondent, der über Dekaden auf eine Partei und auf wenige Politiker spezialisiert ist; ihnen wird er mit den Jahren zum Duzfreund und zeitweiligen Berater. Die jüngeren Kollegen hatten zum Aufbau solcher Beziehungen nicht mehr die Zeit und manchmal auch nicht die Lust. Dass sie es vorziehen, sich zu jedem Thema wieder aufs Neue eine Meinung zu bilden, mag sie in den Augen von Politikern unberechenbar erscheinen lassen. Im Prinzip ist das aber ein Fortschritt: Loyalität gegenüber den Lesern, nicht gegenüber der Partei.

Problematisch wird diese Haltung erst, wenn sie ausartet in ein ohrenbetäubendes Meinungs-Hopping, wenn Reformen erst herbeigeschrieben und dann niedergeschrieben werden, wenn als Gesamteindruck kaum mehr als eine gefährliche Vereinfachung hängen bleibt – der Politiker als Lachnummer. Oder wenn, wie nach dem Duell zwischen Schröder und Merkel geschehen, sich Journalisten an die erwartete Wahlsiegerin heranwanzen.

Fast jeder Kommentator würde in das Klagelied einstimmen, die Politik erfahre eine Vertrauenskrise. Nicht alle aber merken, dass die Medien längst Teil dieser Krise sind, weil sie sich zu wenig infrage stellen. Einige der wichtigsten Medienhäuser haben aufgehört, sich gegenseitig zu kritisieren – auch dann nicht, wenn Einzelne Kampagnen veranstalten oder Vendetta-Journalismus an Kritikern üben. Es geht aber am Ende um unsere Glaubwürdigkeit bei den Lesern oder Zuschauern. Glaubwürdigkeit heißt, wie in der Politik auch: Unabhängigkeit. Und Unterscheidbarkeit.

 
Leser-Kommentare
    • Kamm
    • 01.10.2005 um 19:23 Uhr

    Mit Schröder, der quasi mit der Bild ins Bett gegangen ist, habe ich kein Mitleid. Was mir als gewissermaßen Zwangsleser von der in Bayern fast größten Tageszeitung, der Augsburger Allgemeinen, Sorge bereitet, ist, daß sich viel zu viele Journalisten faul auf die "wer mit wem" und "wer rauf und wer runter" Themen beschränken. Über wichtige Sachthemen, wie z.B. die Zukunft der Renten, die Lösung des deutschen Atommüllproblems oder die Situation in den deutschen Firmen wird nicht mit den erforderlichen Worten, Bildern und Wiederholungen berichtet.
    Raimund Kamm

    • rawe64
    • 05.10.2005 um 8:17 Uhr

    Nun sollen gerade die Medien und die Wahlprognosen für die Niederlage der SPD herhalten.

    Natürlich wird diese Berichterstattung von den Zeitschriften betrieben, die der SPD besonders nahe stehen (ZEIT und Süddeutsche).

    Vor diesem Hintergrund den Begriff Glaubwürdigkeit zu strapazieren, ist schon sehr unappetitlich.

  1. Also, ich habe mit viel Spaß den Wahlkampf diesmal verfolgt und habe auch das Gefühl, dass die Inszenierung einzelner absoluten Vorrang hatte vor der Information. Auch helfen diese ewigen Prognosen ja dem Bürger überhaupt nicht, sondern nur den Parteien, die sich besser vorbereiten können auf das, was auf sie zukommt und vielleicht den Journalisten, die sich überlegen können, wen sie interviewen oder zum Talk einladen sollten. Für mich als Bürger ist das alles völlig unherblich. Das größte Ding war für mich das Rededuell zwischen den beiden Spitzenkandidaten. Ich hätte mir eine derart vielgestaltige Kritik über die Art meines Auftretens und die Fähigkeit andere zu überzeugen auch gerne als Vorbereitung für mein letztes Vorstellungsgespräch gewünscht. Nur, es hilft bei der Entscheidungsfindung für das Kreuzchen absolut Null Komma Null. Ist doch für mich völllig unwichtig, ob der Kanzler ein guter Vertriebsprofi ist. Mich interessiert doch vielmehr, auf welche Veränderungen ich mich einstellen muss. Und da hab ich noch nie soviel Konfusion und vor allem Agitation erlebt. Und ich gebe dem Kommentar recht, die Presse hat da immer munter mitgerührt, anstatt mal gegenzusteuern.

  2. Der politisch interessierte Bürger hat noch eine weitere Möglichkeit. Einfach mal Phoenix schauen. Der Ereigniskanal von ARD und ZDF bietet täglich um 19:15 Uhr eine Tageszusammenfassung mit O-tönen der Spitzenpolitiker.

    Wer dann noch behauptet, manche Zeitungen und Privatsender hätten keine einseitige Wahlkampfhilfe gemacht - die übrigens bereits vor der Neuwahlankündigung begann -, der macht sich schlicht unglaubwürdig.

  3. Endlich schreibt es mal ein Journalist. Ich finde nämlich auch, Aufgabe der Zeitungen ist es, die Leser zu informieren. Leider hat man aber häufig den Eindruck, bestimmte Informationen oder Widersprüche, die dem Verfasser nicht ins Konzept passen, werden bewußt weggelassen.
    Bei allem Lob für diesen Beitrag vermisse ich aber einen Aspekt: könnte es nicht sein, daß die massive Unterstützung der Medien für Schwarz/Gelb viele Wähler mißtrauisch gemacht hatte und das Wahlergebnis letztendlich Ausdruck der Angst vor einem "Durchregieren" zu deuten wäre?

  4. Die einzigen guten Beiträge waren von Bettina Röhl im Cicero zu lesen sowie im BBC zu hören. Selbst Phoenix und der Presseclub war von politischer Schleichwerbung durchdrungen. Das selbstfinanzierende Blätter Spiegel, SZ sich dem zukünftigen Gewinner an den Hals werfen müssen ist eben freie Marktwirtschaft.

    Es ist ein Irrglauben das Journalismus glaubwürdig ist.

  5. 7. na ja

    offenbar hat die "Medienschelte" doch gefruchtet, anders kann ich mir nicht erklären, daß die deutsche Presse (und insbesondere die selbsternannten "Edelfedern", welche von Blatt zu Blatt hopsen) den Egotrip des Gerhard Schröder so nachsichtig behandelt. Oder weiß man da wieder mehr und traut sich nicht (vgl. SPIEGEL 39/2005, Bericht von Dirk Kurbjuweit)?

    Gut, daß man sich nicht mehr darauf verlassen kann, zB in der FR nur Gutes über Rot-Grün und deren Protagonisten lesen zu müssen und umgekehrt in der WELT auch das schwarze Lager sein Fett abbekommt.

    Es bleibt spannend.

    • Drouin
    • 29.09.2005 um 17:20 Uhr

    Ich finde den selbstkritischen Kommentar sehr gut, denn auch in der Vergangenheit konnte man ebenso in den einzelnen Zeitungen wie im Fernsehen ähnliches erkennen.
    Was Ihr Chefredakteur jedoch in seinem Kommentar vergessen hat, dass am Wahlabend der Bundeskanzler Gerhard Schröder von Medienmanipulationen gesprochen hat.
    Das ging mir jedoch in jedem Fall zu weit.
    Ich fand diesen Vorwurf sozusagen "unter der Gürtellinie".
    Leider hat man danach weder in der Presse noch im Fernsehen
    kritisch etwas darüber gelesen oder gehört.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
  • Kommentare 46
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Medien | Otto Schily | Grüne | SPD
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service