Auf den ersten Blick scheint Entwarnung angebracht. Der Wirbelsturm Rita ist mit milden Folgen an den Pipelines, Raffinerien, Chemiewerken und offenbar auch an den meisten Ölfördertürmen in Texas vorbeigezogen. Der Terminpreis für Öl gab nach. Und George W. Bushs Chefökonom Ben Bernanke beeilte sich am Wochenende, von "relativ bescheidenen" Auswirkungen für das amerikanische Wirtschaftswachstum zu berichten.

War also die Furcht vor dem großen Ölschock falsch? Ist Amerikas Volkswirtschaft, noch immer die Konjunkturlokomotive der Welt, nach den Verwüstungen von Katrina wieder fest auf Erholungskurs?

Vorsicht! Immer noch sind die Ölpreise in Amerika und auf den Weltmärkten ungewöhnlich hoch. Trotz der Erleichterung über Rita kostete ein Barrel zum Wochenbeginn über 60 Dollar – und mit 2,80 Dollar lag der Preis für eine Gallone Benzin in den USA ein Drittel über dem Wert des Vorjahres.

Dazu ein Gedankenexperiment: Bereinigt um die allgemeine Inflation, liegt der Ölpreis heute zwischen den Niveaus während der beiden großen Preisschocks in den siebziger Jahren. Umgerechnet auf heute, kostete ein Barrel 37 Dollar nach der arabischen Ölblockade 1973/74; und es waren 88 Dollar nach der Preisexplosion, die 1979/80 von der iranischen Revolution hervorgerufen wurde. Kommt nun also doch die nächste Ölkrise?

Gegenfrage: Was genau ist eine Ölkrise? Genau um diese Definition nämlich ist in den vergangenen Jahren eine lebhafte Debatte entbrannt. Nach der klassischen Lesart waren plötzliche Ölknappheiten wie in den Siebzigern der Auslöser für rapide steigende Ölpreise, die dann die Wirtschaft der Importländer ins Stocken brachte. Doch obwohl auf diese Ölpreissprünge tatsächlich Rezessionen folgten, ist der kausale Zusammenhang seither infrage gestellt worden. Mal dauerte es einfach zu lang zwischen Ursache und Wirkung, mal konnten ökonomische Modelle nicht erklären, warum es die Ölpreissteigerungen allein gewesen sein sollen, die die Konjunktur herunterzogen. Ein Rätsel war auch, warum Tiefstpreise für Öl, etwa nach 1986, nicht einen Boom verursachten. Bis heute machen manche Ökonomen nicht die Ölpreissprünge an sich für die "Ölkrisen" verantwortlich, sondern die Reaktion der Notenbanken darauf, die aus Furcht vor Inflation die Zinsen erhöhten.

Inzwischen hat sich unter Ökonomen aber eine Mehrheitsmeinung herausgebildet. Demnach kam es bisher dann zu "Ölkrisen", wenn die Preisausschläge besonders kräftig oder besonders unberechenbar waren. Wenn man dagegen die Entwicklung anno 2005 verfolgt, scheint das größte Problem in den Augen der Kommentatoren anderswo zu liegen. Schon vor den Störungen durch Katrina und Rita gingen die meisten Ölexperten davon aus, dass Öl auf Jahre hinaus teuer bleiben werde. Länder wie China und Indien, die bislang schon 15 Prozent des Rohöls der Welt verbrauchen, würden künftig nämlich noch viel größere Mengen benötigen. Statt eines kurzen Schocks am Ölmarkt würde dadurch eine dauerhafte Krise heraufbeschworen.

Nach den üblichen Schätzungen reichen die Ölreserven der Welt noch 40 bis 70 Jahre – je nachdem, wie viel leicht zu förderndes Öl noch gefunden wird, wie viele Autos in China und Indien fahren werden, wie schnell der technische Fortschritt bei der Erschließung alternativer Energien oder bei der Gewinnung von Öl aus Ölsand ist. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die Knappheiten sich schon im nächsten Jahrzehnt in stetig ansteigenden Preisen bemerkbar machen werden – und dass der Ölpreis im Jahr 2030 zwischen 39 und 56 Dollar liegen wird.