Dass der britische Modestar Kate Moss zu exzessivem Kokainkonsum neigte, übrigens auch andere Partydrogen stets mit Vergnügen eingeworfen hat, wäre für sich genommen keine Nachricht, die irgendjemanden verblüffen müsste. In dem internationalen Jetset der Mannequins wird allgemein mit stimmungsaufhellenden und appetitzügelnden Substanzen nicht eben sparsam umgegangen. Die Mädchen dürfen, damit die Fotos gelingen, niemals schlecht gelaunt sein und schon gar nicht so viel essen, wie es natürlich wäre.

Andernfalls würde die Propaganda von Jugend, Schlankheit und guter Laune, von der die Magazine leben, schnell an der Wirklichkeit scheitern.

Die Verblüffung, fast könnte man von einem Schock reden, im Fall des britischen Supermodels beruht aber auch gar nicht auf der Entdeckung eines Widerspruchs zwischen dieser traurigen Wirklichkeit und den Hochglanzbildern.

Sie beruht vielmehr darauf, dass die traurigen Bilder, die von Kate Moss gemacht wurden, mit der traurigen Wirklichkeit übereinstimmen. Denn Kate Moss stand gerade nicht für die Glückswelt schöner Jugend, sondern für etwas, was man vor zehn Jahren, als sie berühmt wurde, den Heroin-Chic nannte. Die Mannequins damals sollten ungesund, verzweifelt, suizidgefährdet und romantisch umnachtet aussehen. Sie lungerten zusammengekauert in finsteren Winkeln und schlecht sitzenden Klamotten herum - es hätten auch entlaufene Schülerinnen in der Bahnhofsmission sein können. Das war es, was man damals schön fand. Mit anderen Worten: Kate Moss sah genau so aus oder sollte doch genau so aussehen, wie es ihrem tatsächlichen, jetzt bekannt gewordenen Drogenkonsum entsprach. Nur bestand der Witz in den neunziger Jahren natürlich in der Frivolität, diese Verwahrlosung bloß zu inszenieren, nicht etwa darin, sie tatsächlich abzubilden. Die Bilder sollten sagen: Schau mal, dieses Mädchen da ist körperlich am Ende. Der Betrachter aber sollte denken: Ich weiß schon, dass alles nur Theater ist.

Es war wie in Max Frischs Theaterstück Biedermann und die Brandstifter: Gerade weil die Brandstifter dort dauernd wortreich vor sich selbst warnen, glaubt ihnen der Biedermann nicht. Am Ende brennt sein Haus aber doch. So ist auch das Modepublikum nicht auf die Botschaft der Fotos hereingefallen, sondern auf seinen Glauben an ihre Lügenhaftigkeit. Man könnte auch sagen: Sie sind auf den Glauben an die Kunst hereingefallen. Es würde sich ja auch jedermann entsetzen, wenn ein Theatermord hinterher als tatsächlicher Mord entlarvt würde. Zur Freude an der Kunst gehört unabdingbar ihre Künstlichkeit. Das könnten von Kate Moss auch all jene Theatermacher lernen, die danach streben, die Differenz von Kunst und Leben zu verwischen. Ihre Identität ist gleich tödlich für das Leben wie für die Kunst. Wenn sich der Bühnenvorhang über die wirkliche Wirklichkeit senkt, kann man nur noch die Ambulanz rufen.