Arbeitstier Delfin
Der Doktor in Grau
Über den Delfin lässt sich nichts Böses sagen, alle Menschen außerhalb der Walfang- und Tunfischindustrie lieben ihn. Der Meeressäuger ist so etwas wie der Dalai Lama unter den Tieren, ewig lächelnd, stets zu Scherzen aufgelegt, nicht nur für Freunde von fair gehandelten Esoterikartikeln ein Quell spiritueller Kraft. Griechen, Römer und Maori lobten schon in der Antike seine Menschenfreundlichkeit. Diverse Legenden ranken sich um sein ausgeprägtes Helfersyndrom, das ihn dazu verleitet, Ertrinkende zu retten und – gegen jede Vernunft – sogar verletzten Haien zu helfen. Wie alle sensiblen Tiere hat der Delfin ein besonders gutes Verhältnis zu Kindern, vielleicht, weil sie Begriffe wie »Schleppnetz« oder »Harpune« meist nicht mal buchstabieren können. Der amerikanische Verhaltensforscher David E. Nathanson machte sich das Ende der siebziger Jahre zunutze und erfand DHT, die Dolphin Human Therapy, um Kinder mit schweren körperlichen oder psychischen Behinderungen behandeln zu können. Die kleinen Patienten planschen dabei im Meer oder in einem Bassin, ein trainierter Therapiedelfin nimmt Kontakt zu ihnen auf, berührt sie, schwimmt und spielt mit ihnen. Vor allem bei autistischen oder kontaktgestörten Kindern bewirkt diese Art der Entspannung oft auffallende Verhaltensänderungen: Sie öffnen sich ihrer Umwelt und werden aufnahmefähiger. Doktor Flipper fungiert dabei als ihre Brücke in die reale Welt; wenn sich die Kinder ihm erst einmal anvertraut haben, können auch menschliche Therapeuten wieder einen besseren Zugang zu ihnen finden. Viele Eltern hoffen also auf ein Wunder und lassen sich die »Ärzte in Grau« einiges kosten. Skeptiker nörgeln zwar stets über die teure Behandlung und führen an, dass eine Therapie mit Pferden ähnliche Effekte erzielen könne, aber die leben eben meist nicht an traumhaft schönen Stränden in Amerika, Australien oder Israel. Ob der heitere Meeressäuger wirklich über Ultraschall mit den Kindern kommunizieren kann, wie viele glauben, oder ob nicht auch das Wasser, die Sonne und die Ferienstimmung der Eltern zum Erfolg beitragen, bleibt also weiter ungewiss. Der Delfin jedenfalls lächelt und schweigt. Andrea Benda
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
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