Heute zählt Citizen Kane unumstritten zu den besten Filmen Hollywoods. Doch als er 1941 in New York uraufgeführt wurde, gab es Krieg. Zwei übergroße Amerikaner waren aufeinander geprallt. Als Herausforderer: der 24-jährige Orson Welles. Mit seiner Radiosendung War of the Worlds hatte er so großes Aufsehen erregt, dass ihm sein Vertrag mit dem Studio uneingeschränkte Macht zubilligte. Als Angegriffener: der 77-jährige William Randolph Hearst, Mogul der Boulevardpresse. Sein Zeitungsimperium war längst zusammengebrochen. Trotzdem wären seine alten Hollywood-Freunde bereit gewesen, eine Million Dollar für die Vernichtung des Films zu zahlen, der ganz unverholen die Demontage seiner Biografie betrieb. Größenwahnsinnig meinte Orson Welles, er könne die Verleumdungen der Hearst-Presse zu seinen Gunsten wenden. Der Film aber wurde zum finanziellen Debakel, von dem sich Welles’ Ansehen in der Branche nie mehr erholte. Von den neun Oscar-Nominierungen erhielt einzig der Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz eine Auszeichnung.

Erzählt wird ein klassischer American dream . Ein Junge aus armen Verhältnissen wird plötzlich Erbe eines großen Vermögens. Weil seine Mutter ihren eigenen Wunsch nach sozialem Aufstieg auf ihn überträgt, ernennt sie einen wohlsituierten Banker zum Vormund. Risikofreudig wird ihr ehrgeiziger Sohn nicht nur mit seinen Zeitungen Politik machen, sondern sie auch dafür einsetzen, um Gouverneur zu werden. Doch sein Gegner schlägt ihn mit derselben gnadenlosen Manipulation der Medien. Aus einer geheimen Liebschaft mit einer Sängerin wird ein Skandal, der dem Tycoon den Wahlkampf vermasselt. Er kann sich nur noch auf das kolossale Schloss Xanadu zurückziehen, das er einst für seine Geliebte errichten ließ. Dort lebt er verbittert, von allen verlassen, inmitten Tausender noch in Kisten verpackter Kunstschätze aus aller Welt. Nachträglich wollen viele in Citizen Kane das Scheitern und die Vereinsamung erkennen, die Welles’ Kampf um Hollywood auszeichneten – und im Machtwillen des von ihm gespielten Charles Foster Kane ein Selbstporträt.

Gesucht hat Welles hingegen das Porträt des Souveräns, der im Namen des einfachen Volkes spricht und seine Macht gleichzeitig missbraucht. Es wurde ein zusammengestückeltes Werk, eingerahmt von einem Eisentor, an dem das Schild "Betreten verboten" steht. An das Geheimnis des amerikanischen Bürgers, der seinem Streben nach Macht keine Grenzen setzt, kommt man nicht heran, weil es dort nichts zu entdecken gibt. Anders als die Schurken Shakespeares, denen Welles sich anschließend zuwenden wird, ist dieser Fürst im Kern nicht dämonisch, sondern hohl; einzig vom Gestus eines Monumentalismus getrieben, der ziellos Macht und Güter anhäuft und sich auf keine psychologische Erklärung zurückführen lässt. Am Ende bleiben nur leere Hüllen: die Aussagen der Freunde, die sich allesamt im Nichts verlaufen, und die Kunstschätze, die in Rauch aufgehen – in der schwarzen Wolke des Traums, ein amerikanischer Führer zu sein. Elisabeth Bronfen