Wenn sie Frühschicht haben, fahren Katharina Buttler und Steffen Saalmann morgens um Viertel vor fünf zu Hause los. Zu Hause, das ist der kleine Ort Löderburg in Sachsen-Anhalt. Nach Wolfsburg sind es 140 Kilometer, gut anderthalb Stunden brauchen die beiden VW-Mitarbeiter mit ihrem Auto. Wann sie abends wieder zu Hause sind, wissen sie morgens noch nicht. BILD

Katharina Buttler und Steffen Saalmann sind Angestellte der Volkswagen-Tochtergesellschaft Auto 5000 GmbH. Ihr Gehalt liegt 20 Prozent unter dem VW-Haustarif. Wenn sie und ihre Kollegen die tägliche Stückzahl von 800 Fahrzeugen nicht binnen acht Stunden schaffen, müssen sie nacharbeiten. Extra bezahlt bekommen sie das nicht.

"Klar ist es oft hart, der Schichtwechsel und die Mehrarbeit", sagt Saalmann. "Andererseits: Mein Leben hat jetzt wieder eine klare Struktur." Zuvor waren Buttler und Saalmann arbeitslos. Bei Auto 5000 werden sie on the job zu "Fachkräften für Automobilbau" ausgebildet – auch dafür, für die Qualifizierung in einer der Lernstätten direkt am Band, opfern sie wöchentlich eine Stunde. Unbezahlt.

Sie bekommen Geld nur fürs Ergebnis und sparen ihrem Arbeitgeber Millionen. Seit diesem Dienstag ist klar: So wie Katharina Buttler und Steffen Saalmann werden in Zukunft weitaus mehr Volkswagen-Werker arbeiten. Damit der neue, kleine Geländewagen in Wolfsburg produziert wird, verzichtet die Belegschaft auf Geld. Das Fahrzeug wird künftig unter den Bedingungen der Auto 5000 GmbH gefertigt. Eine "verantwortungsvolle Entscheidung für sichere Arbeitsplätze" nennt das die IG Metall.

Stimmt. Vorerst. Denn die letzte Anpassungsleistung dürfte das kaum gewesen sein. Die Deutschen stecken mitten in der beschleunigten Veränderung, täglich, in sämtlichen Bereichen ihres Lebens. Abermillionen Arbeitnehmer lassen sich, gezwungen oder freiwillig, auf ein flexibleres Arbeitsleben ein, Bürger knüpfen in freiwilligen Initiativen ein zweites soziales Netz, Schüler und Lehrer üben die Leistungsorientierung, Sparer und Konsumenten stellen sich immer neuen Wahlentscheidungen. Wo man hinschaut, ein ähnliches Bild: Die Menschen rücken näher an den Markt und loten aus, welche Optionen sie verloren haben – und welche hinzukommen. Höchste Zeit für die Politik, sich ihre Bürger genauer anzuschauen. Sie könnte einiges lernen.

Die Verhandlungen sind zäh, aber am Ende kann sich das Ergebnis sehen lassen: 18000 Jobs sind fürs Erste gesichert, gleichzeitig spart das Unternehmen jedes Jahr 100 Millionen Euro. Die Arbeitszeit steigt um fünf Prozent, die Arbeiter verzichten auf Zuschläge, auch das Einkommen der Vorstände sinkt. Es ist April 2005, und der Maschinenbauer Heidelberger Druck holt nach, was die Konkurrenz vorgemacht hat: Man senkt die Lohnkosten. Einvernehmlich. Auch bei MAN Roland läuft im Stammwerk Offenbach ein großes Sparprogramm; dafür gibt es eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2006. Und bei König & Roland in Würzburg gibt es flexible Arbeitszeiten mit Gleitzeitkonten; dafür haben die Arbeiter ihre Jobs bis Mitte 2007 sicher.

Überall im Land, in kleinen und großen Betrieben, ist der Tarifvertrag zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern heute ausgehöhlt, ist die Öffnung kein Kapitalistenwunsch, sondern Realität. Meist läuft es so: Die Arbeitnehmer arbeiten länger und verzichten auf Lohn; der Arbeitgeber spart Geld und garantiert dafür Jobs. Natürlich reden die Gewerkschaften öffentlich nur ungern darüber – wer gibt schon gern eine sturmerprobte Bastion preis? Doch Verschwiegenheit ist auch im Sinne der Arbeitgeber. Alles andere würden ihre Mitarbeiter als Demütigung empfinden – und statt auf Konsens lieber auf Konflikt setzen.

So werden vor allem die spektakulären Fälle bekannt. Bei DaimlerChrysler arbeiten selbst die stolzen Mercedes-Werker länger. Bei AEG in Nürnberg haben IG Metall und Betriebsrat gerade angeboten, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld und übertarifliche Leistungen zu verzichten, wenn der Standort mit seinen 1750 Mitarbeitern bis 2010 erhalten bleibt. Noch im Oktober soll die Entscheidung fallen.

Es ist das kleine deutsche Lohnkostenwunder, geschaffen im Alltag.

"Deutschland bewegt sich", sagt Klaus Martini, Global Chief Investment Officer im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Drei Viertel aller tarifgebundenen Betriebe nutzen Öffnungsklauseln innerhalb der Tarifverträge. Auch die so genannten Bündnisse für Arbeit, bei denen bewusst vom Tarifvertrag abgewichen wird, gibt es laut einer Umfrage unter Betriebsräten heute schon in jedem vierten Betrieb mit mehr als 20 Beschäftigten. Ganz gleich, ob es um Arbeitszeit, Lohn oder Sonderzahlungen geht – die Regeln, nach denen in deutschen Betrieben gearbeitet und gezahlt wird, werden immer individueller. Inzwischen, wundert sich die Financial Times Deutschland, "warnen in Deutschland sogar die Gewerkschaften vor zu hohen Lohnsteigerungen und sind bei jeder Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich dabei".

Für die Unternehmen bedeutet das eine drastische Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. "De facto liegen die Lohnstückkosten heute fast wieder auf dem Niveau von 1995", sagt Rolf Schneider, Leiter Economic Research bei der Dresdner Bank. Man sieht es den Bilanzen vieler Unternehmen an – und dem wachsenden Export.

Die neue Einvernehmlichkeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern birgt auch eine psychologische Komponente. Die Verlagerung von Jobs ins Ausland ist kein unabänderliches Schicksal; es lohnt sich, in jedem Betrieb mit ganz einfachen Mitteln – Arbeitszeitkonten, flexiblen Arbeitszeiten, individuellen Lohnforderungen – um jede Stelle zu kämpfen. Für die Arbeitnehmer ist das ein wichtiges Signal: Seht her, es geht auch in Deutschland, Jobs zu halten. Und man kann sogar neue schaffen.

Während Union und SPD in Berlin noch ihre Gemeinsamkeiten in Sachen Arbeitsmarkt sondieren, suchen die Firmen längst eigene Lösungen. Viele Unternehmen beschäftigen heute nur noch eine kleine Stammbelegschaft – und darüber hinaus Mitarbeiter mit befristeten Verträgen, Leiharbeitnehmer und Praktikanten. Verschlechtert sich die Geschäftslage, müssen zunächst diese Kräfte gehen – erst ganz am Ende werden die festen Mitarbeiter gekündigt.