Alles begann mit einer Nackten, gemalt von Gerhard Richter. Das Bild hing bei Iwan Wirth, einem Galeristen, den damals niemand kannte, der aber so bedeutungshungrig war, dass er aus dem Kleinen Akt ein großes Poster machen ließ und halb Basel damit tapezierte. Viele fanden diese Art Massenverlockung sonderlich, einem jedoch gefiel das sofort. Er meldete sich bei Wirth und wollte die Entblößte unbedingt kaufen. Es war Friedrich Christian Flick.

So begann 1996 eine lange, lukrative Freundschaft und eine ungemein steile Karriere, für Wirth wie für Flick. Der eine stieg auf zum wichtigsten Galeristen zeitgenössischer Kunst in Europa - der andere zum viel beachteten und viel kritisierten Großsammler, dessen Werke seit vorigem Jahr in Berlin gezeigt werden, seit ein paar Tagen neu präsentiert. Von musealen Weihen war anfangs natürlich nie die Rede. Flick war Lebemann, ein Bunte-Mensch und Partyheld, und Kunst kaufte er allenfalls, um sie an die Wand zu hängen. Erst Wirth war es, der in ihm den Sammler weckte, der ihn mitnahm ins Reich des Unvertrauten, in die Ateliers und auf die Vernissagen. Wirth war es auch, der (zusammen mit Stefan Banz) für Flick ein ausführliches Sammlungskonzept schrieb, wenngleich der das eher als Anleitung zum Kunstrausch verstand.

Binnen weniger Jahre kaufte er viele tausend Werke, und fast alle wanderten sie durch die Galerie von Iwan Wirth. Der wurde so zum größten Profiteur des Flick-Vermögens.

Ich kann gut schlafen, gut verdrängen und gut delegieren

Dass dieses Vermögen umstritten ist, weil es sich auch aus Geldern speist, die einst der Großvater Flick seinen Zwangsarbeitern abpresste, davon will Wirth lieber nichts hören. Er möchte über moralische Fragen nicht reden, nicht darüber, ob ihn je Zweifel beschlichen an seinem treuen Kunden, der sich so lange weigerte, den Zwangsarbeitern zumindest eine kleine Entschädigung zu zahlen. Ich kann gut schlafen, gut verdrängen und gut delegieren, hat Wirth einmal gesagt.

Sicher, er muss Diplomat sein, er darf nicht über Flick, über dessen Ideen und Gefühle reden, wenn er ihn als Kunden halten möchte. Aber größere Konflikte zwischen beiden gibt es eh nicht, sie sind eng befreundet, ja, fühlen sich geradezu seelenverwandt, wie Flick es nennt. Beide treibt eine Lust am Entgrenzten, beide suchen die Nähe zu Künstlern und würden wohl gern sein wie sie, beide lieben das große Forum. Immer, so scheint es, spiegelt der eine etwas vom anderen. Und vielleicht auch deshalb trifft sich Wirth nur ungern mit Journalisten. Etliche Anläufe braucht es und ein Jahr Geduld, bis sich endlich ein Termin ergibt.

Seit einiger Zeit schon wohnt Iwan Wirth in London, ein prächtiges altes Bankpalais hat er für seine Galerie aufgetan, gleich hinterm Piccadilly Circus. Man mag uns hier, es kommen ungeheuer viele Leute, sagt er und blickt stolz in die holzgetäfelte Haupthalle, wo gerade eine dieser dschungelartigen Installationen von Jason Rhoades aufgebaut wird. Wirth schätzt an ihm das Ungezügelte, seine kalifornische Art, sich alles einzuverleiben. Das Elitäre interessiert mich nicht, sagt er entschieden.