New Orleans

Kathleen Blanco ist eine tiefgläubige Frau. Als Hurrikan Katrina auf Louisiana zuraste, forderte die Gouverneurin ihre Bürger auf, den Sturm durch inniges Beten abzuschwächen. Wie man inzwischen weiß, reichte das als Katastrophenschutz nicht aus, aber womöglich hat der fromme Wunsch ja bei Hurrikan Rita funktioniert. Aus dem Hubschrauber könne man zwar nicht mehr erkennen, wo Louisiana anfängt und der Golf von Mexiko aufhört. Aber der befürchtete Doppelschlag ist ausgeblieben, und jetzt wird das Wetter besser, sagt Blanco. Sie versucht ein Lächeln, aber mehr als ein Zittern der Mundwinkel will nicht gelingen.

Kathleen Blanco, eine Demokratin, sieht in diesen Tagen aus wie ein Mensch, der sich ganz weit weg wünscht - besonders, wenn, wie an diesem Morgen, der Präsident, ein Republikaner, zu Besuch ist. Im improvisierten Lagezentrum von Baton Rouge steht George W. Bush noch ein bisschen breitbeiniger und schaut noch ein wenig grimmiger als sonst. Bringt mir Katrina, tot oder lebendig!, scheint er sagen zu wollen. Doch dann bittet er die Amerikaner, für die Überlebenden der Hurrikane zu beten, und schlägt vor, dem Pentagon in Zukunft die Einsatzleitung bei großen Naturkatastrophen zu übertragen. Die Gouverneurin sagt dazu gar nichts. Mit einer ersten Wunschliste Blancos über 31,7 Milliarden Dollar für die Reparatur von Brücken und Straßen und Dämmen fliegt George W. Bush zurück nach Washington. Ein Besuch in einer Notunterkunft für Hurrikan-Opfer steht nicht auf dem Programm. Seitdem Vizepräsident Dick Cheney vor laufenden Kameras bei der Besichtigung der Sturmschäden in Mississippi ein wütendes Go and f... yourself entgegenschallte, ist man im Weißen Haus vorsichtig mit spontanen Begegnungen zwischen Bürgern und Regierung.

Über 200 Milliarden Dollar und einen nationalen Kraftakt zum Wiederaufbau der Golfküste hatte George W. Bush vor zwei Wochen in einer Fernsehansprache aus dem menschenleeren New Orleans versprochen, dazu Besserung beim Katastrophenschutz und stärkere Armutsbekämpfung gelobt. Der klingt wie Bill Clinton, murmelten erschrocken viele Republikaner im Kongress. Inzwischen sind sie wieder beruhigt. Aus den Hurrikan-Gebieten sollen opportunity zones werden - Wirtschaftszonen mit minimalen Steuersätzen, weitgehend frei von Vorschriften zu Umweltschutz und Mindestlöhnen. Als Erstes hat George W. Bush private Unternehmen von einem Gesetz entbunden, bei Aufträgen aus Bundesmitteln lokal übliche Löhne zu zahlen.

Dwayne Macombe ist das egal, er würde auch für drei Dollar arbeiten, um Benzingeld für seine Auswanderung nach Mississippi zusammenzubekommen.

Katrina hat das Billighotel in New Orleans unter Wasser gesetzt, in dem er zuletzt gewohnt hat. Er hat auf dem Bau gearbeitet, auf der Straße Kleider verkauft, Putzschichten geschoben - was immer gerade anfiel. Das reichte für die 43 Dollar Motelmiete, Essen und Goldplättchen über zwei Vorderzähne. Seit vier Wochen sitzt er mit seiner Freundin und über tausend anderen Flüchtlingen im River Center in Baton Rouge fest, einem Veranstaltungszentrum am Ufer des Mississippi, gleich neben einem neon-blinkenden Spielkasino.

In der Notunterkunft passt kaum eine Handbreit zwischen die Pritschen, um sieben Uhr morgens geht das Neonlicht an, um Punkt zehn Uhr abends aus, aber Macombe will sich nicht zu sehr beklagen. Anders als im Superdome von New Orleans funktioniert die Klimaanlage, das Rote Kreuz serviert Hamburger mit Tomatensoße, die Toiletten sind sauber, und überhaupt hat sich der Staat, der in den Tagen nach Hurrikan Katrina desertiert war, mit martialischer Fürsorge auf die Hilfsbedürftigen gestürzt. FEMA, die viel geschmähte Behörde für Katastrophenmanagement, hat neben dem River Center ein Büro eingerichtet, in dem Überbrückungszahlungen, Kleinkredite oder Hilfe beim Umgang mit der Versicherung beantragt werden können. Für den Fall, dass Antragsteller Nerven oder Geduld verlieren, stehen Wachleute der privaten Sicherheitsfirma Black Water bereit - muskulöse Kerle mit eng anliegenden Sonnenbrillen, Pistolen.