Es ist einer dieser Sonnentage, die Florida zum Ferienparadies machen: mehr als 30 Grad im Schatten, keine Wolke am Himmel, Sandstrand vor der Tür. Dagegen sind auch Akademiker nicht immun. Kein Eintritt ohne Hemd und Schuhe, mahnt ein Schild am Eingang zur Cafeteria des Rosenstiel-Instituts der Universität Miami. Im Inneren dieses Zentrums für atmosphärische Forschung ist die Ferienlaune schnell vergessen. Im dritten Stock, Zimmer 313, steckt eine Gruppe Wissenschaftler ihre Köpfe zusammen. Alle starren auf die Satellitenbilder auf dem PC-Monitor: In der Karibik braut sich etwas zusammen. Wird die heiße Luft, die über dem warmen Wasser des Atlantiks aufsteigt, von den Passatwinden wieder so verwirbelt, dass daraus ein Hurrikan entsteht?

Die Computermodelle geben uns zwar theoretisch Vorhersagen für die nächsten fünf Tage, aber es ist enorm schwierig, fünf Tage im Voraus zu sagen, ob sich wirklich ein Hurrikan bildet, sagt Shuyi Chen, Professorin für Meteorologie und Ozeanografie. Die gebürtige Chinesin, eine kleine, schmale Frau mit Brille und kurzen schwarzen Haaren, hat sich vorgenommen, das zu ändern: Zusammen mit ihrem Kollegen Robert Houze von der University of Washington leitet sie das Rainex-Projekt, das die Vorhersagen deutlich verlässlicher machen soll - vor allem mit Blick auf die zerstörerische Kraft der Stürme, die extrem schwanken kann. Das Meer versorgt den Hurrikan mit Energie, erklärt Chen, aber die Frage ist, wie effizient er die Energie nutzen kann.

Um die Antwort zu finden, dringen die Forscher ins Auge des Sturms vor. Drei Millionen Dollar haben sie von der National Science Foundation bekommen, um Aufklärungsflugzeuge in die Wirbelstürme zu dirigieren, sechs Wochen lang, von Mitte August bis Ende September. Im Idealfall schicken sie drei Maschinen auf einmal los - eine fliegt ins Auge des Sturms, zwei weitere in die äußeren Strömungsstrudel, Regenbänder genannt. Die Regenbänder versorgen den Sturm mit enormer Energie, aber sind nie zeitgleich mit dem Zentrum vermessen worden, erklärt Chen.

Mitte September hatten die Forscher bereits zwei Hurrikane erwischt: Katrina und Ophelia - aber beide waren nicht ideal. Bei Katrina fehlte eines der beiden Flugzeuge der US-Behörde für Klimaforschung NOAA. Gemeinsam mit dem dritten, das die Navy zur Verfügung stellt, sind sie ins Innere von Ophelia geflogen, ehe sie ihre letzten Runden vor North Carolina drehte. Aber Ophelia war eine Enttäuschung: Tagelang saß der Wirbelsturm unschlüssig vor der US-Küste, kam nie über Hurrikan-Status 1 hinaus, die schwächste der fünf Stufen, und ließ nicht einmal ein ausgeprägtes Auge erkennen - das Zentrum und Markenzeichen tropischer Wirbelstürme. Wir haben alles gemessen, was es zu messen gab, sagt Chen. Aber es war nicht der perfekte Sturm für uns.

Bis zu 60 Sonden werfen die Forscher in den Hurrikan, Stückpreis 500 Dollar

Der perfekte Sturm, das wäre einer, an dem die Forscher beispielhaft den Lebensweg eines Hurrikans verfolgen könnten: seine Geburt als Luftstrudel über dem Atlantik, dann die verschiedenen Phasen des Wachsens und Krafttankens, schließlich das finale Austoben über See oder Land. Es gibt da vieles, was wir noch nicht verstehen, sagt Chen - zuallererst die Frage, wieso die Intensität der Stürme oft extrem schwankt: Katrina hat sich in nur zwölf Stunden von Kategorie 3 zu 5 verstärkt. Kategorie 3, das bedeutet Windgeschwindigkeiten bis 209 Kilometer pro Stunde, Kategorie 5 schießt über Tempo 250 hinaus. Das ist ein enormer Anstieg, den die gängigen Computermodelle nicht vorhergesehen hatten.

Vielleicht hilft AL95, Antworten zu finden: Noch hockt das atlantische Tiefdruckgebiet unschuldig in Äquatornähe ein paar hundert Meilen südöstlich von Barbados - aber es gibt Anzeichen dafür, dass aus AL95 ein ausgewachsener Sturm werden könnte. Die Satellitenbilder auf den Monitoren zeigen Wolkenwirbel, die sich in den vergangenen 48 Stunden immer stärker herausgebildet haben, auf Infrarotaufnahmen sieht man mehr und mehr Gewitter - ein typisches Phänomen bei der Entstehung von Hurrikanen. Wir hätten wirklich gern einen Sturm mit einem gut ausgebildeten Auge, hofft Robert Houze. Wir glauben, dass AL95 das Potenzial hat, sich zu dem Hurrikan zu entwickeln, den wir brauchen.