Trutzig und verschlossen wie ein Kastell liegt der gigantische Marmorquader der italienischen Zentralbank an der Via Nazionale in Rom. Verschanzt hat sich der Hausherr Antonio Fazio in seinem Palazzo, wie weiland die Päpste des ausgehenden Mittelalters in der Engelsburg. Tatsächlich hat Fazio Grund, sich belagert zu fühlen, ist doch kein italienischer Notenbankchef je zuvor derart unter Beschuss geraten: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, die Regierung fordert seinen Rücktritt, der Wirtschaftsminister hat ihm am vergangenen Wochenende beim Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds in Washington ein Redeverbot erteilt und den auf diese Weise Gedemütigten vorzeitig per Privatjet nach Hause geschickt.

Fazio ist nicht mehr haltbar - entlassen werden kann er aber auch nicht. Der 69-jährige Gouverneur der Banca d'Italia hat einen Job auf Lebenszeit. Nur eine Zweidrittelmehrheit des Obersten Notenbankrates könnte ihn absetzen.

Dass die Sitzung des 13-köpfigen Gremiums unter seiner Aufsicht an diesem Donnerstag nicht zu seiner letzten wird, dessen kann sich Fazio indes sicher sein. Fast alle Ratsmitglieder hat er selbst berufen. Keiner will seinen Posten riskieren, alle spielen auf Zeit und versuchen, die Sache auszusitzen, beschreibt ein Mitarbeiter die Stimmung in der Bankenburg. Wie das geht, das stoische Aussitzen, macht der Gouverneur seinen Untergebenen seit Wochen vor. Mit der Zeit wächst über alles Gras, philosophiert Antonio Fazio - vielleicht sogar darüber, dass über ihn schon zwei Wirtschaftsminister der Republik Italien gestolpert sind.

Der erste war Giulio Tremonti. Nach dem milliardenschweren Bilanzskandal beim Lebensmittelriesen Parmalat Ende 2003 hatte der damalige Minister Fazios Abgang gefordert - die Bankenaufsicht habe versagt, die Banca d'Italia sei deshalb mitverantwortlich für das Desaster und die Nöte Hunderttausender Kleinanleger. Fazio wusch seine Hände in Unschuld, saß die Affäre aus und freute sich, als Tremonti nach einem Streit mit der EU-Kommission von Berlusconi geschasst wurde.

Auch die Angriffe des nächsten Wirtschaftsministers Domenico Siniscalco ließ der Gouverneur an sich abprallen. Siniscalco hatte Fazio für untragbar erklärt, nachdem ruchbar geworden war, dass der Notenbankchef die Übernahme der norditalienischen Bank Antonveneta durch ABN Amro verhindern wollte. Kaum hatte die niederländische Bank im Frühjahr ihre Kaufabsichten erklärt, da erwarb die Volksbank von Lodi eine Antonveneta-Aktie nach der anderen. Wir konnten uns überhaupt nicht erklären, wie die Banca d'Italia einer derart kleinen Volksbank erlauben konnte, ein Institut wie Antonveneta zu schlucken, wunderte sich ABN-Amro-Chef Rijkman Groenink am Dienstag in der italienischen Tageszeitung La Repubblica, kurz nachdem die Übernahme endlich besiegelt worden war. Wie die Staatsanwaltschaft herausfand, hatte Fazio, energisch angestachelt von seiner Frau, selbst den Deal angestoßen und den daran Beteiligten grünes Licht gegeben. Justiz und Börsenaufsicht stoppten die von dubiosen Immobilienhaien unterstützten Volksbanker, dann druckte die Presse über Wochen Abhörprotokolle des Volksbankchefs Gianpiero Fiorani, des Notenbankchefs und der Signora Maria Cristina, die ob ihres Einflusses in den Leitartikeln flugs zur Gouverneurin des Gouverneurs avancierte.

Fazio erfuhr in dieser Affäre jedoch viel Unterstützung - von der erzkonservativen katholischen Geheimorganisation Opus Dei, der rechtspopulistischen Regierungspartei Lega Nord, die Norditaliens Banken gegen Ausländer abschotten will, und vom Forza-Italia-Abgeordneten Guido Crosetto. Der Politiker aus der Partei von Regierungschef Berlusconi entblödete sich nicht, über eine Weltverschwörung von Banken, Juden und Freimaurern zu faseln, die Fazio angeblich den Gnadenstoß versetzen wollte.

Regierungschef Silvio Berlusconi entschuldigte sich zwar für seinen Wirtschaftsbeauftragten (Forza Italia ist nicht antisemitisch), aber Crosetto blieb genauso im Amt wie der Notenbankchef.