Evolution Waffenstillstand? Unmöglich

Die Religionen agieren äußerst aggressiv gegen die Evolutionstheorie. Sie selbst aber verlangen Respekt vor dem eigenen Glauben

Nicht an Gott zu glauben ist kein Grund, aggressiv antireligiös oder naiv wissenschaftsgläubig zu sein«, schreibt Dylan Evans, Dozent für Computerwissenschaft an der University of West England in Bristol, in einem Beitrag für den Evans macht sich über den altmodischen, »angestaubten« Atheismus so namhafter Denker wie Richard Dawkins oder Jonathan Miller lustig und plädiert stattdessen für einen modernen Atheismus, der »die Religion achtet, die Wissenschaften schlicht als Hilfsmittel ansieht und den Sinn des Lebens in der Kunst findet«. Überhaupt sei Religion als eine Art Kunst zu begreifen, die »nur ein Kind mit der Realität verwechseln und nur ein Kind als unwahr zurückweisen würde«.

Evans’ Haltung passt gut zu derjenigen des amerikanischen Wissenschaftstheoretikers Michael Ruse. Letzterer macht in seinem jüngsten Buch The Evolution-Creation Struggle (Harvard University Press, 2005) die Wissenschaftler, die mit der Religion wetteifern, sie gar verdrängen wollen, verantwortlich für das Erstarken der Kreationisten und für die immer schrilleren Versuche der religiösen Rechten, die Evolutionslehre aus dem Schulunterricht zu verbannen und durch das neue Dogma des »Intelligent Design« zu ersetzen. Obschon ein entschiedener Evolutionist, steht Ruse solchen modernen Giganten wie Dawkins und Edward O. Wilson überaus kritisch gegenüber.

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Evans’ Schmalspur-Atheismus, der eine Waffenruhe zwischen religiösen und areligiösen Weltanschauungen vermitteln möchte, ist genauso leicht umzustoßen wie die Bausteine, aus denen, wie er offenherzig erklärt, derlei Ideen zu konstruieren seien: »Der Atheismus sollte eher einem Legobaukasten als einem fertigen Spielzeug gleichen.«

Ein solcher Waffenstillstand kann indes nur funktionieren, wenn er für beide Seiten gilt – wenn die Weltreligionen die Haltung von Atheisten und deren ethisches Fundament anerkennen, wenn sie die Entdeckungen und Leistungen der modernen Wissenschaft respektieren (selbst wenn diese Entdeckungen religiöse Gefühle angreifen) und wenn sie akzeptieren, dass Kunst, sofern sie etwas taugt, den komplexen Sinn des Lebens mindestens ebenso klar zeigt wie die so genannten Offenbarungstexte. Eine solche Vereinbarung gibt es aber nicht, und es besteht auch nicht die leiseste Aussicht, dass sie je erzielt werden könnte.

Es gehört zu den von Anhängern aller Religionen für selbstverständlich erachteten Wahrheiten, dass Gottlosigkeit amoralisch sei und dass Ethik eine höchste Instanz voraussetzt, ein übernatürliches Wesen, ohne dessen Existenz Säkularismus, Humanismus, Relativismus, Hedonismus, Liberalismus und allerlei andere verwerfliche Dinge den Ungläubigen zwangsläufig auf die schiefe Bahn bringen. Für diejenigen von uns, die durchaus bereit sind, sich diesen Übeln hinzugeben und die sich trotzdem für sittliche Wesen halten, ist die Gleichsetzung von Gottlosigkeit und Unmoral ziemlich starker Tobak.

Das Auftreten der institutionalisierten Religionen ist auch nicht geeignet, Vertrauen in die von Evans und Ruse propagierte Laissez-faire-Haltung zu stiften. Überall sieht sich das Bildungswesen heftigen Angriffen von religiöser Seite ausgesetzt.

So haben Hindu-Nationalisten in den letzten Jahren versucht, die Geschichtsbücher im Sinne ihrer antimuslimischen Ideologie umzuschreiben, was nur durch den Wahlsieg einer säkularen Koalition unter Führung der Kongresspartei verhindert wurde.

Auf der ganzen Welt erklären islamische Stimmen, dass die Evolutionslehre mit dem Islam nicht zu vereinbaren sei, die türkische Stiftung für wissenschaftliche Forschung (Bilim Ara≠tırma Vakfı) ist ein eindrucksvolles Beispiel.

Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Wie weit sind wir? Z.B.: In der Schule - Gymnasium! - beschweren sich Schüler beim Schulleiter über einen Lehrer, der den Satz gewagt hatte (im Anschluss an ein Referat zu LESSINGs "Ringparabel" samt Diskussion): "Vielleicht haben Menschen Religionen geschaffen, um ihr eigenes Verhalten zu prüfen und im Zaum zu halten." Nachdem der Lehrer gleich nach dem Unterricht von einem protestantischen Fundamentalisten derbe angegangen wurde, rannte der "Erleuchtete" mit einer Mitschülerin zum Schulleiter - dem daraufhin das Problem ins Haus stand, mit wem er da zu tun hat. - Ein anderes Referat zur RINGPARABEL war sachlich richtig und informativ bis zu dem Moment, in dem der Satz fiel: "Ja, aber WIR Gläubige wissen, dass das Christentum die einzig wahre Religion ist und daher Toleranz fehl am Platze ist."
    Aus dem Biologie- und anderem Deutschunterricht wurde immer wieder bekannt, dass die Riege der "Erleuchteten" immer wieder versuchte, ihre kruden Ideen anzubringen, MitschülerInnen zu deckeln, die "Deutungshoheit" zu gewinnen. Alles, was nicht im Sinne der "Erleuchteten" war, wurde mit ausgesprochen seltsamen verbal-gestisch-mimischen Mitteln attackiert, wobei sich übrigens oft schnell herausstellt, dass die Jung-Fundamentalisten noch nicht einmal über die notdürftigsten Informationen über "DIE BIBEL" und "DIE KIRCHE" verfügen.
    Nun soll, so heißt es, der erste Brief bei der Schulleitung eingegangen sein, in dem eine Gruppe "Erleuchteter" die rigorose Forderung stellt, Darwin und die Evolutionstheorie sofort aus dem Unterricht zu verbannen. Man darf gespannt sein, wann diese Forderung zum ersten Mal auf der SChulkonferenz auftaucht und wie dann z.B. die Elterngruppe sich verhalten wird.
    Es wäre vielleicht interessant, einmal "quer durch Deutschland" zu erfragen, an welchen Schulen welche Gruppen "Fundamentaler" mit welchem Ansatz und Hintergrund ihr Unwesen treiben, wer hinter ihnen steht, welche Ziele diese verfolgen usw.
    Es wäre dann auch ganz nett, wenn seitens der bedeutenden Amtskirchen und der kulturellen DienstherrInnen endlich deutlich, klar und zur Not justiziabel angesagt würde, dass derlei Schwachköpfigkeiten - oder besser: pubertäre An- und Querwandlungen - gerne am Sonntag in den entsprechenden Gemeinden beredet werden könnten - aber in staatlichen Schulen die zur Verfügung stehende ZEIT für Wichtigeres genutzt werden muss - man denke nur an die Rechtschreib"reform".
    Schließlich muss auch verhindert werden, dass die "Erleuchteten" in einigen Fächern wie Biologie, Deutsch, Philosophie schlechte Noten bekommen, weils sie einfach unsachlich und jenseits von Lehrplan und Erwartungshorizonten herumsalbadern.
    Die meisten werden in 2-3 Jahren sowieso den Tripp wieder verlassen, aber die Schule kann angesichts des heutigen Arbeitsmarktes und der Anforderungen in Auisbildung und Studium nicht zum Dauerdiskussionshort werden mit solchen, die im Unterricht nur noch die Plattform zur Missionierung sehen. Missionierung, egal wofür, ist in staatlichen Schulen nun einmal ein Unding - und nicht jeder Gehirnschwurbel muss oder sollte diskutiert werden.
    Da kommen Artikel wie die von RUSHDIE gerade recht!

    Mit freundlichen Grüßen!

  2. 2. \N

    Es ist klar, dass religiöse Menschen aggressiv werden. Schließlich wissen sie, dass sie im Unrecht sind.

    Sie merken, dass sie ihr Leben lang belogen wurden und ihr ganzes Weltbild würde zerstört werden. Daher klammern sie sich mit aller Gewalt an Gott.

  3. Richtig ist, immer wieder wollen religiöse Eiferer nicht nur an der Evolutionstheorie sondern an allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche ihr religiöses Weltbild ins Wanken bringen kratzen. Die Evolutionstheorie scheint ein Lieblingskind zu sein. Stellt sie doch unmittelbar die Existenz einer höheren Macht, welche die Menschen erschuf in Frage. Durch die Entstehung immer tiefgreifenderer Erkenntnisse in der Physik, in der Biologie etc., auch in immer kürzeren Zeitabständen, sind die Religionen gezwungen, die fundamentalen Aussagen neu zu definieren. Das dies allen Weltreligionen nicht gelingt, erleben wir täglich in den Nachrichten.

    Auch heute stellt sich wie seit alters her die Frage: Wer oder was ist mehr zu fürchten die Atheisten, die technischen Errungenschaften, die religiösen Eiferer, die gläubigen Politiker?

    Die Atombombe wurde von gläubigen Wissenschaftlern erfunden und von gläubigen Politikern angewendet. Wenn wir aufzählen wollten, was alles im Namen des Glaubens den Menschen angetan wurde und wird, die Liste wäre endlos lang.

    Nein, wir müssen die Religionen fürchten, da sie ihrem ethischen Regulativ in der Neuzeit nicht mehr gerecht werden. Anstelle eine Ethik der Moderne zu entwickeln flüchten sie sich in die blinde Negierung all dessen was an Erkenntnissen gewonnen wird, nur allein ihrer selbst willen.

  4. Es gibt etwas Besseres als "Waffenstillstand". Dieser würde wie der "Krieg" auf dem heillosen Entweder-oder beruhen; auf dieser Grundlage ist in der Tat kein Heil und kein Frieden zu finden.
    Die Lösung könnte "Sowohl-als-auch" heissen: Sowohl Evolution als auch göttlicher Schöpfungsakt.
    Voraussetzung dafür ist allerdings die Anerkennung Gottes als Quelle des Ganzen.
    Die Bibel selbst brachte mich auf den Gedanken, Schöpfung und Evolution als GANZES zu verstehen: "da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele. (1. Mose 2,7).
    Der "Staub vom Erdboden" ist bereits geschaffenes "Material", die "Erde" wird ja weit vor dem Menschen erschaffen, Gott greift also auf "Material" zurück, das er früher geschaffen hat. Dieses verwendet er, um mit seinem Atem daraus ein Wesen entstehen zu lassen, das zwar körperlich gleich gebaut ist wie die (Säuge)Tiere (Kreislauf, Atmung, Niere, Leber, Herz, Verdauungstrakt usw.), dank der göttlichen "Einhauchung" aber eine ganz andere BESTIMMUNG hat.
    Übrigens hat Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal im Jahr 1986 dargelegt, dass Schöpfung UND Evolution als Ganzes zu betrachten seien ("Im Anfang schuf Gott - Vier Münchener Fastenpredigten über Schöpfung und Fall", München 1986, S. 41f."
    In der Zeitschrift "in principio" Nr. 2/05, S. 9, habe ich anhand eines fiktiven Gesprächs zwischen einem Mönch und Gott beschrieben, wie man sich das Zusammenspiel von Evolution und Schöpfung denken könnte. Das Schöne dabei: Wenn Gott die Quelle von allem ist, stammt auch die Evolution von ihm.
    Freundliche Grüsse
    Erich Liebi
    www.inprincipio.ch

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  • Quelle (c) Salman Rushdie 2005. Distributed by »New York Times« / DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
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  • Schlagworte Evolution | Evolutionslehre | USA | Großbritannien | Religion | Design
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