Regierungsbildung Nerventest im Nachwahl-Poker

Die Große Koalition kann Großes leisten, wenn sie sich nicht im kleinen Karo verliert

Berlin

Eine »schöne Politik« wollte sie machen. Es ist nur wenige Monate her, dass Angela Merkel das sagte. Seither hat sich einiges geändert: Die Mehrheit der Deutschen fand ihren Wahlkampf nicht schön, sondern ziemlich bedrohlich. Nun ist Merkel selbst bedroht. Und die Republik muss mit einem Wahlergebnis umgehen, das den Politikern nicht sagt, was und wen das Volk will, sondern nur, wen und was es nicht will. Entstanden ist ein Patt der Verlierer. Und eine Ungleichzeitigkeit in der Politik: Die Union muss sich von der Niederlage erholen, in die sie mit der Wahl gestürzt wurde, während sich die SPD aus ihrem gefühlten Sieg befreien muss.

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Sondierend zieht die CDU-Chefin derzeit durch Berlin. Schröder hat sich in seiner Siegerpose versteift, sie muss jetzt sehr beweglich sein. Sie sucht Schnittmengen, also logische Gemeinsamkeiten zwischen den Programmen von Union und SPD und lotet zugleich ihren Handlungsspielraum in der eigenen Partei aus.

»Es wird wieder« hat jemand auf einer Fußgängerbrücke über die Spree, ganz in der Nähe des Reichstags, in weißer Farbe und ordentlichen Druckbuchstaben meterbreit aufgesprüht. Am Tag acht nach der Wahl ist in der Hauptstadt so etwas wie eine Routine des Ausnahmezustands eingezogen, das Neue ist noch nicht da, aber es nimmt Konturen an, langsam. Vor und im Willy-Brandt-Haus bauen die Fernsehteams nach der Sitzung von Vorstand und Parteirat mal wieder ihre Kameras auf, obwohl kaum jemand ernsthaft erwartet, dass aus der SPD etwas Ehrliches über den Stand des komplizierten Politpokers mit der Union zu erfahren ist. Im Wahlkampf haben die Volksparteien jeweils das aus sich herausgeholt, was am weitesten voneinander entfernt war, sie haben die Gegensätze groß gemacht und die Gemeinsamkeiten klein. Nun fordern einige in der SPD, die Union solle auf den Plan verzichten, den Gewerkschaften das Kreuz zu brechen. Woraufhin die Christdemokraten unschuldig fragen, wer das denn bitte vorgehabt habe.

Müntefering verbringt den halben Tag damit, Schröder zu therapieren

Die Fast-Feinde von eben sollen auf einmal Partner bei einem Handel sein. An diese Rolle müssen sie sich und das Publikum erst gewöhnen. Das setzt voraus, was rar geworden ist in den vergangenen Monaten: gegenseitiges Vertrauen. Deshalb muss es ein bisschen dauern, bis wieder etwas werden kann. Deshalb kann man das, was ist, derzeit nur zwischen den Zeilen lesen oder im Hintergrund hören.

Zwei Dinge, vernimmt man da bei der SPD, seien inzwischen klar: Die SPD werde weiter regieren, aber Gerhard Schröder werde wohl nicht Kanzler bleiben. »Ich will das für euch machen«, erklärte Gerhard Schröder in der Sitzung des Parteirats am Montag. Nicht um ihn persönlich gehe es, beteuerte er, sondern er verkörpere den »Führungsanspruch der Sozialdemokratie«. Wer ihn kritisiere, verringere das Gewicht der Sozialdemokratie, mit dieser Botschaft hat Schröder die beginnende Kritik an seinem waghalsigen Kurs fürs Erste wieder eingefangen. Zugleich stellte er klar, dass sein Beharren auf der Kanzlerschaft taktische und nicht persönliche Gründe habe. Mit anderen Worten, sie ist verhandelbar. So scheint sich nun in Zeitlupe zu entwickeln, was die meisten bereits am Wahltag erwartet hatten: die allmähliche Rückverwandlung des Kampf- und Alphatiers Schröder in einen Staatsmann und die Dochnochwerdung einer Kanzlerin Merkel.

Leser-Kommentare
    • Ulstue
    • 28.09.2005 um 17:09 Uhr

    Endlich mal wieder ein ausgewogener Artikel. War aber auch Zeit!

  1. "... Dass es vielleicht keine Alternative zu Reformen gibt, aber Alternativen in den Reformen. In einer solchen Koalition würde nicht derjenige gewinnen, der dem anderen am meisten abtrotzt, sondern der, der am schnellsten lernt. So könnten sie zusammen etwas schaffen, das bisher beiden fehlt, etwas Drittes. Eine Große Koalition wird entweder groß – und ein bisschen schön. Oder kurz."

    Die Suche nach dem 'Dritten' ist der einzig richtige Ansatz. Sie führt zur evolutionsprozess-eigenen Kreativität der Systemkrise. Nur hier ist die selbstdurchsetzende 'Alternative in den Reformen' zur Erneuerung Deutschlands zu finden, die alle (!)Erfolgskriterien erfüllt, einschl. ihrer Durchsetzung.

    Wer diesen logischen Schritt wagen will, der soll beim Unterzeichnenden anklopfen. Bei mir ist die Erkenntnis über den strukturellen Einstieg in den Exodus aus der Systemkrise und über das Übergangsprojekt in die nachfolgende Weltordnung des Schöpferischen abzuholen. Die Inhalte über Exodus- und Übergangsprozess sind machtpolitisch getestet. Wer sie aufgreift und in die Öffentlichkeit einführt, der wird einen Dominoprozess auslösen, der das letzte Mal im Jahr 1989 gestartet wurde: mit der Öffnung der ungarischen Grenze.

    Das Bekanntwerden der evolutionseigenen Exodus- und Übergangsoption wird nicht zu einer Großen Koalition von Union und SPD führen, sondern, wie es einer revolutionären Erneuerung entspricht, über die Auflösung der Fraktionen im Deutschen Bundestag und der Bildung einer Fraktion des 5. STandes der KREATIVEN EVOLUTIONÄRE. Diese neue Fraktion ist dann die KREATIVE Basisversion DER Großen Koalition.

    Die Systemkrise erschafft sich via Aufschaukelung der alten Herrschaftsstruktur die Trägergruppe der Systemlösung. Das ist die evolutionäre Logik der überraschenden Lage nach der Bundestagswahl. Diese Trägergruppe der Systemlösung wird sich bilden, sobald die Inhalte und die Theoriegrundlage dieser Systemlösung öffentlich bekannt werden. Das ist einfachstes und bekanntes Krisen-Chancen-Systemerneuerungs-Muster.

    Überall und nicht nur im Deutschen Bundestag wird es zur Bildung dieses Dritten kommen. Dabei gilt, wass im ZEIT-Beitrag schon gesagt ist: Wer am schnellsten lernt, der wird die Nase vorn haben. Ich tippe dabei auf Angela Merkel.

    Rüdiger Kalupner

  2. Danke! Nach der gewollten überspitzung endlich eine denkpause. Bitte mehr zu thema der schnittmengen. Keine angst, zum ende der frist gibt es wieder viel stoff mit dramatik, helden und Nero.

  3. Ja, liebe Frau Merkel, nun ist es bald aus mit dem Fressen, jetzt werden Sie gefressen von der eigenen Partei und allen, die Sie NICHT gewählt haben. Beim -hoffentlich nicht- nächsten Mal mehr Moral, dann klappt es auch beim Wähler!

  4. Der Artikel drückt gut aus, dass es um reine technokratische Anpassung an Globalisierungszwänge geht. Das Volk ist aber demoralisiert. Man muss den Leuten klarmachen, dass es mehr bedarf als dass jeder Einzelne sein Pfründe zu retten gedenkt. Es bedarf einer Einstellung, dass man in einem sicheren, sauberen Gemeinwesen wohnen darf, wo man statt drei Urlauben auf Dauer nur noch 1,5 haben kann. Es ist globale Gerechtigkeit, die da einwirkt. Aber eine Solidarität, einen Aufbau jenseits materieller Werte fordert niemand. Es fehlt eine moralische Führung.
    Christoph Rohde, München

  5. Die Rede ist von der 'Möchtegern-Kanzlerin' Merkel. Der wache Bürger meint: "Nein!" Einer Frau die der ehemaligen DDR als FDJ-Kreisleitungsmitglied gedient hat und sich in dieser Organisation zur FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda hochgedient hat, wollen viele nicht über den Weg trauen. Mag dieses Engagement auch nur halbherzig, um des eigenen Fortkommens, zustande gekommen sein, so ist es doch mehr als schäbig und einfach nur Hetze, der Linken/PDS jeglichen Sinneswandel abzusprechen und ihr jegliches Demokratieverständnis abzusprechen. Wer, wie Frau Merkel ihr Mäntelchen stets nach dem Wind hängt, hat dazu kein Recht. Die Wähler und Bürger wollen einfach ein wenig mehr Gerechtigkeit.
    Nicht wenige von Ihnen bejahen auch einschneidende Reformen. Jedoch von allen Schultern gleichermaßen getragen.

  6. An Bundesboy und alle Leser
    Diesen hervorragenden Kommentar kann ich mich nur anschließen, es darf nur zusammen kommen, was zusammen gehört. Merkel gehört nicht ins Kanzleramt!

  7. Bevor Deutschland ein schöneres Land werden kann, sich das Nachdenken hier wieder lohnen soll und schließlich der Kanzler gewählt wird, muß erst einmal die der "orangenen Revolution" der Angela Merkel geschuldete Ignoranz therapiert werden, muss die Noblesse endlich Farbe bekennen und Verpflichtungen akzeptieren.

    Wer auf den damals so bezeichneten "Ausverkauf der DDR" nur einen "Ausverkauf der BRD" folgen lassen will, der hat einfach nicht mehr alle besseren Argumente auf seiner Seite und sollte seinerseits einen Arzt aufsuchen.

    Die ganze Abneigung gegen Angela Merkel sitzt doch auch deshalb so tief, weil sie jahrelang alles dermaßen schlechtreden ließ, was durchaus erhaltenswert gewesen wäre, nur um dann in einer Art "Sommerverschlussverkauf der Ideen" die "We are the Champions" Hymne anstimmen zu lassen.

    Gegen soviel verwerfliche Selbgerechtigkeit des bürgerlichen Lagers nahm sich das fraglos kritisierenswerte Verhalten von Gerhard Schröder in der Elefantenrunde nun wirklich nur als ein dem ganzen "Entlastungsstress" geschuldeter "suboptimaler" Ausrutscher an.

    Wer der Republik Therapie verordnen wollte, allerdings von Reformen sprechen mußte, um die Sprachregelungen nicht samt und sonders durcheinander zu bringen, geriet in die Falle der Linkspartei, wo die 4% Wählerstimmen, die für einen fulminanten Wahlsieg von Gerhard Schröder gereicht hätten, nun "zwischengelagert" sind.

    Eine Schocktherapie hat deshalb allein die Frau, die ihre eigenen Wähler verschreckte verdient, und es wäre gar nicht mal so falsch, sich davon erwarten zu dürfen:

    "Ist es mit Angela erst aus, dann lebt das Land in Saus und Braus!"

    Aus diesem Stoff sind die Stimmungsumschwünge gemacht. Deshalb gilt: Ihr "Brodelbarden" in der Union, vereinigt euch!

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