Fortschritte in Nordirland vollziehen sich nach dem Prinzip der Echternacher Springprozession. Da entledigt sich die IRA endlich ihrer Waffenarsenale, und was tut Ian Paisley? Der Unionistenführer schreit Zeter und Mordio, schaltet auf stur und verweigert vorerst jegliche Kooperation mit den Republikanern. Dennoch haben Tony Blair und sein irischer Kollege Bertie Ahern ausnahmsweise Recht, wenn sie das überstrapazierte Adjektiv historisch bemühen.

Keine Kugel, keine Unze (Sprengstoff) lautete bis zuletzt das trotzige Motto der republikanischen Untergrundarmee. Nun nahm sie es hin, dass auf ihre Kollektion von Sturmgewehren, Mörsern und MG, die in Bunkern in irischen Mooren lagerten, eine Menge Zement gegossen wurde. Ein unerhörter Schritt für eine Bewegung, die sich durch Kampf und Märtyrertum definiert und bislang die Preisgabe ihrer Waffen als verräterischen Akt betrachtete. Für seine Leistung verdient Gerry Adams, der Führer der IRA-Partei Sinn Féin, Bewunderung: Binnen zweier Dekaden konnte er die meisten Republikaner auf seine Linie einschwören. Erst die Doppelstrategie von Wahlurne und Sturmgewehr, nun der Abschied vom Terror und die Konzentration auf die Politik, auch wenn zu befürchten ist, dass die IRA als Mafia und Schutztruppe von Sinn Féin weiter wirken wird.

Doch kam die Abrüstung der IRA zu spät, um die Skeptiker im Norden wie im Süden Irlands zu überzeugen. Allzu lange haben Sinn Féin/ IRA mit dem Revolver unterm Verhandlungstisch gepokert und London wie Dublin immer neue Zugeständnisse abgetrotzt. Moderate Politiker und Parteien Nordirlands, seien es die Unionisten um David Trimble oder die katholischen Sozialdemokraten um John Hume, mussten teuer dafür bezahlen, Gerry Adams vertraut zu haben.

Humes SDLP wurde von Sinn Féin überflügelt und siecht dahin. Trimbles Unionisten wurden von Ian Paisleys hartleibigen Demokratischen Unionisten abgehängt. Diese Partei nun will sich von Adams und Co nicht an der Nase herumführen lassen. Die Abrüstung der IRA reicht ihr nicht. Der republikanische Gangsterismus samt Strafaktionen, Schmuggel und Banküberfällen, fordert die Paisley-Partei, müsse enden, bevor sie mit Sinn Féin ins Regierungsbett steige. Das dürfte nicht das letzte Wort bleiben.

Auch Paisleys Mannen sind schließlich scharf auf Ministerjobs.

Beunruhigend ist die Entwicklung in den protestanischen Ghettos. Im verlorenen Stamm der loyalistischen Arbeiterklasse greift die Überzeugung um sich, man müsse es der IRA gleichtun. Gewalt führe zu Konzessionen. Doch die Schlagkraft der Loyalisten ist begrenzt. Vor allem fehlen Strategie und politische Köpfe. Sie sind Terroristen, die den Staat, an dem sie hängen, bekämpfen. Ihre ziellose Gewalt wird die Normalisierung erschweren. Mehr nicht. Sinn Féin/IRA hingegen passt das loyalistische Aufbegehren ins Konzept. An einem stabilen Nordirland kann die IRA nicht interessiert sein.

Ihr Ziel bleibt die irische Einheit. Nur wird der Kampf fortan mit anderen Mitteln geführt.