In der Schweiz wird gern das Bild des hässlichen Deutschen gezeichnet. Jetzt ist es einmal umgekehrt. Das niedliche Ferienland schickt Deutschland einen Menschen, dessen Auftauchen für Gruseln sorgt: Ludwig A. Minelli gilt als Todesengel. Persönlich befördert der Rechtsanwalt und frühere Journalist zwar niemanden ins Jenseits, aber er hat den Verein Dignitas gegründet. Dessen ehrenamtliche Helfer unterstützen Menschen dabei, sich in der Schweiz das Leben zu nehmen – 453 seit der Gründung vor sieben Jahren, davon 253 aus Deutschland. Der Verein besorgt Lebensmüden einen letalen Cocktail, 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, verschrieben vom Arzt.

Bald will Minelli die Bundesbürger auch im eigenen Land ins Jenseits dämmern lassen. Er hat am Montag in Hannover eine Zweigstelle seines Begleitservice ins Leben gerufen – und damit heftige Gegenreaktionen provoziert. Eugen Brysch, Vorstand der Hospiz Stiftung und Verfechter der Palliativmedizin, fände eine Eintragung des Vereins durch das Amtsgericht Hannover fatal. Die Befürwortung des Suizids, sagt Brysch, "würde die Hilfeleistungsethik auf den Kopf stellen."

Mit der Einschätzung liegt er richtig. Denn Minelli strebt eine ganz eigene Hilfeleistung an: ohne Risiko beim Suizid zu assistieren. Zwar ist die Beihilfe zum Selbstmord – im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe – hierzulande nicht strafbar. Die Beschaffung einer Waffe oder eines tödlichen Medikaments ist erlaubt. Doch unter Umständen macht sich strafbar, wer nicht umgehend Maßnahmen ergreift, um den Selbstmörder ins Leben zurückzuholen.

Was den Juristen zum unheimlichen Schweizer macht, ist seine Radikalität. Minelli behauptet, Suizidprävention zu betreiben. Eine Beratung, die "den Suizid als großartige Möglichkeit des Menschen begreife, sich seiner Situation zu entziehen", könne einerseits viele von ihrem Todeswunsch abbringen, andererseits "Kollateralschäden vermeiden" helfen. 12000 Personen bringen sich jährlich in Deutschland um; 600000 versuchen es, alle 54 Sekunden einer. Der "Preis der Verzweiflung", sagt Minelli, betrage jährlich in Deutschland 20 Milliarden Euro, für die Verspätung der Züge, aber auch für "das Nachputzen und die Nachsorge der Geschädigten".

Der Geschäftsführer, der an seinem Verein kräftig verdient, ist zwar die falsche Person für einwandfreie Suizidhilfe; aber er schiebt die richtige Diskussion an. Zu groß ist die Rechtsunsicherheit, wenn Deutsche aus nachvollziehbaren Gründen ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Angst sollte man vor dem Advocatus Diaboli aber nicht haben. Selbst in der Schweiz kann sein Verein nicht so rigoros agieren, wie er möchte: Einem Dignitas-Arzt, der auch psychisch Kranken das tödliche Barbiturat verschrieb, wurde die Erlaubnis entzogen. Und die Justiz prüft, ob Suizidhilfe für Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz untersagt werden soll. Vielleicht ist die Eröffnung in Hannover auch ein verzweifelter Versuch, sich im Geschäft mit dem Tod Anteile zu sichern.