Furrer ist am Weg vom sprechen zum Singen interessiert. Er hat ein Stück über Fama komponiert, die Göttin des Gerüchts und des Hörensagens Foto: Philipp Gontier

An einem "Ort in der Mitte des Erdkreises, zwischen Erde, Meer und Himmelszonen" wohnt sie in einem Haus "aus tönendem Erz", das Tag und Nacht nach allen Seiten hin offen ist – Fama, die leise Göttin des Gerüchts und des Hörensagens. Sie vernimmt alles, was unter den Menschen gesprochen wird, und streut es weiter aus. Die mythologische Figur aus Ovids Metamorphosen erscheint an zentraler Stelle in Beat Furrers Oper invocation, ihr wurde bei der Zürcher Uraufführung von dem Regisseur Christoph Marthaler ein wichtiger Ort eingeräumt: "Überall hallt es. Fama wirft die Klänge zurück und wiederholt, was sie hört." Die Furrer-Oper basiert auf einem Roman von Marguerite Duras, moderato cantabile. Er erzählt von Anne, die ihren kleinen Sohn in die Klavierstunde begleitet und dort den Schrei einer Frau vernimmt: Ein Mann hat die Frau aus Leidenschaft erschossen. An den Ort dieser Tat kehrt Anne immer wieder zurück. "Die Welt des Schreis, die Welt einer erotischen, auch zerstörerischen Kraft", so sagt Furrer, "wird Annes bürgerlicher Welt gegenübergestellt, und die gerät ins Wanken."

Um Sehnsucht, Einsamkeit, um die Unmöglichkeit der Liebe geht es oft bei Beat Furrer. Die Stücke scheinen zu kreisen, die Protagonisten treten auf der Stelle, geraten in einen Strudel. Die Blinden nach Maurice Maeterlinck, seine erste Oper von 1989, handelt von Menschen, die die Orientierung verloren haben, die auf die Rückkehr ihres priesterlichen Führers warten und ihn schließlich tot in ihrer Mitte finden. Narcissus , die zweite Oper, spricht vom Begehren nach sich selber, auch die Musik scheint auf sich selber bezogen und sich zurückzuziehen, die Sprache nimmt sie dabei mit. "Dass man in der Oper einfach Texte singt, die man sonst sprechen würde, genügt mir nicht. Mich interessiert dieser Weg vom Sprechen zum Singen. Die vielen verschiedenen Sprachen kreieren ihren Klang, ihren Vokalstil." In invocation zitiert er Abschnitte von Juan de la Cruz, Cesare Pavese oder aus einer orphischen Hymne. Sie werden fragmentarisiert, reduziert, musikalisiert. Sie werden zum Hörensagen.

Man könnte glauben, diese Reduktion auf Wesentliches sei ein typisch helvetischer Gestus, diese Neigung auch zu Außenseiterfiguren, die sich von der Welt zurückziehen. Beat Furrer wurde 1954 in Schaffhausen geboren. Aber so leise und minutiös ausgedacht seine Musik wirkt, so schwingt doch stets Welthaltigkeit mit. Sie steht nicht am Rande, sondern in der Mitte, mitten zwischen Mythologie und zeitgenössischer Literatur etwa. Gewagt wird ein großer, umspannender Entwurf – dem Schweizer Komponisten häufig misstrauen. Ist es nicht bezeichnend, dass es schon den 21 Jahre jungen Furrer nach Wien, in ein Musikzentrum, zog, wo er bei Otmar Suitner Dirigieren und bei Roman Haubenstock-Ramati Komposition studierte? Aus Wien kamen freilich damals kaum bedeutende Impulse. Die Neue Musik wirkte verschlafen, verglichen mit heute, da eine vielfältige Komponistenszene und Festivals wie Wien Modern Akzente setzen. Das Ensemble für neue Musik, Klangforum Wien, das Furrer 1985 mitgründete und bis 1992 als Dirigent prägte, wurde für eine jüngere österreichische Generation zum Vehikel.

Je größer die Themen sind, umso markanter trifft in Furrers Musik Ungleichzeitiges zusammen. In der Aria etwa, die in einer ebenfalls ins Unverständliche abgleitenden Sprache eine Szene aus Günter Eichs Hörspiel Geh nicht nach El Kuhwehd "vertont", ist alles in jedem Moment latent vorhanden. Die Dynamik der Geschichte wird durch diese Gleichzeitigkeit, diese Statik nahezu aufgehoben, und doch wirkt Furrers Musik nicht undramatisch, ja sie zeugt von theatralischem Geschick. Unpathetisch, unterschwellig verbindet sie Magie und Alltäglichkeit, nicht abstrakt, sondern sehr konkret, nah am Klang. "Es fasziniert mich, das in einen Raum zu projizieren, der eben Oper heißt, und dabei zu wissen, das jeder Klang, der entsteht und vergeht, je nachdem, wie er entsteht und vergeht, eine Geste darstellt, die wir körperlich nachvollziehen. Es sind eigentlich die Grundlagen der Wahrnehmung überhaupt, dass wir das mit unserem ganzen Körper hören." Der Körper ist der Ort und sitzt mittendrin.