So viel Spielkultur war nie. Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich nach kurzem Zwischenhoch auf dem Weg zurück zum guten alten Rumpelfußball, da läuft die Kunst rund um den Ball zu Höchstform auf. Der Stapel der Fußballbücher ist schon fast so hoch, wie das Kopfballungeheuer Horst Hrubesch springen konnte. Seit anderthalb Jahren tourt der Fußballglobus, jener kugelrunde Hörsaal dieses Sports, durch die WM-Städte. Auf der Berlinale liefen einige Dutzend Fußballkurzfilme, von denen einer (aus Südafrika) prophetisch den deutschen Schiedsrichterskandal antizipierte. Die brasilianische Choreografin Deborah Colker beginnt gerade mit den Proben für ihr Stück Maracana, in dem deutsche und brasilianische Tänzer in Fußballmannschaftsstärke gegeneinander antreten, Anpfiff der Uraufführung im Januar. Und bei der Ruhrtriennale hatte soeben das erste Fußballoratorium der Welt Premiere, Moritz Eggerts Aus der Tiefe des Raumes (ZEIT Nr. 38/05): "Aug’ erlischt, wenn spielen Strunz. Was gespielt er, ist spitzes Schwert auf die Stirne. Saugt Lebensblut von meinem. Was erlauben!?"

Seit wann eigentlich ist der Volkssport Fußball in der Hochkultur salonfähig? Schon seit 1974, als im Hanser Verlag das Bändchen Netzer kam aus der Tiefe des Raumes erschien? Knallgelb wie die Verwarnungskarte aufm Platz hatten die Herausgeber Ludwig Harig und Dieter Kühn diese "Notwendigen Beiträge zur Fußballweltmeisterschaft" binden lassen, sie führten Sepp Maier und Wolf Wondratschek zusammen, Jupp Derwall und Urs Widmer. Oder schlug die Geburtsstunde des Fußballs im Feuilleton erst am 25. Juni 1982 um 16.30 Uhr, als die Veranstalter des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt die Tagesordnung änderten und den Literaten die Möglichkeit boten, das Fußballspiel Deutschland gegen Österreich anzusehen? Im Jahr 2000 jedenfalls erlebte die Kulturalisierung des Fußballs ihren vorläufigen Höhepunkt: Nick Hornbys Buch Fever Pitch war erschienen, der Schlüsselroman für alle, die auf eine künstlerisch wertvolle Rechtfertigung ihres Fantums warteten, und im Gasometer Oberhausen eröffnete die Ausstellung Der Ball ist rund anlässlich des 100-jährigen Bestehens des DFB. Vom kultischen Ballspiel der mittelamerikanischen Hochkulturen über den italienischen Calcio des 16. und 17. Jahrhunderts bis zu einer der Vitrinen des französischen Installationskünstlers Arman war der Fußball als Kulturgegenstand interessant – nahezu gleichberechtigt neben Schuhen, Stutzen, Trikots, Bällen.

Inzwischen ist die kulturelle Ausbeutung des Massenphänomens Fußball so weit gediehen, dass der notorisch blutgrätschende Spiegel schon fragte: "Wer schützt den Fußball vor den Intellektuellen?" Doch in Wahrheit sollte man frohlocken ob der ungebremsten Spielfreude. Selten gingen die Künstler aller Teams und Sparten so locker und lustvoll zu Werke wie in diesen Monaten des Fußballwahns. Endlich mal kein Druck vom Betrieb, besonders kritisch, politisch engagiert oder avantgardistisch zu sein. Fußballkunst ist Form gewordenes Fantum, da ist fast alles erlaubt. Die Stadt Nürnberg zum Beispiel hat ihren Altstar Albrecht Dürer aufgeboten und dessen berühmtes Aquarell Das große Rasenstück von 1503 kurzerhand zur Erfindung des Rasens und damit zur Grundlage des Fußballs überhaupt deklariert. Daraus ist eine Installation geworden: In den beiden Strafräumen eines Fußballplatzes wuchern kniehoch Gemeines Knaulgras, Große Pimpinelle, Gänseblümchen und anderes mehr, original Dürer-Rasen eben. Was uns das sagen will? Dass Fußball die natürlichste Sache der Welt ist vielleicht. Oder aber auch, dass die Kunst dem Lauf des Balles mitunter entgegensteht.

Damit man mit solchen Fragen nicht alleine bleibt, hat Dürers Heimatstadt auch gleich noch die Deutsche Akademie für Fußballkultur ins Leben gerufen, zusammen mit dem Zentralorgan der deutschen Balltreterei, dem kicker. Auf diversen Symposien wurde hier (unter Beteiligung des Autors dieser Zeilen) lebhaft diskutiert, was am Fußball überhaupt Kultur sei. Inzwischen hat die Akademie sogar Jürgen Klinsmann zum Fußballdoktor honoris causa ernannt, aber die Kluft zwischen dem Spiel an sich und dem Nachdenken darüber ist noch nicht vollständig überwunden. Bezeichnend war eine Szene im akademischen Vorspiel zum Halbfinale des Confed-Cups: Jürgen Rollmann, einst Torhüter bei Werder Bremen und jetzt im Bundesinnenministerium für die WM zuständig, erinnerte sich selig an die Zeiten, in denen er nach Nürnberg fuhr, um die Gegner vom Club "wegzuhauen". Diese Sprache wolle man hier nicht hören!, rief da der Soziologieprofessor aus dem Publikum, die kulturelle Leistung des Fußballs bestehe doch gerade darin, den Kampf um Ball und Sieg mit Hilfe von Regeln zu zivilisieren.

Der Streit geht darum: Was ist das Eigentliche des Fußballs? Dass einfach nur "das Runde ins Eckige muss", wie der Trainerphilosoph Otto Rehhagel apodiktisch feststellte? Oder dass Fußball eine metaphysische Angelegenheit sei, die einzige wirkliche Weltreligion, wie der Kulturhistoriker George Steiner einmal behauptete? Der Profifußball ist jedenfalls längst eine riesige Unterhaltungsindustrie, in der die Ästhetik des Spiels eine ebenso untergeordnete Rolle spielt wie der Fan im Stadion, denn ihr Geld verdienen die mittelständischen Unternehmen namens Real Madrid oder Bayern München nicht mehr mit dem Kartenverkauf, sondern im Fernsehen oder durch den weltweiten Verkauf von Trikots, Fanschals, Kaffeetassen. Unter dieser industriell ausgehärteten Schale bohren die Fußballdenker nach kultureller Bedeutung. Weil sie ihre eigene Sozialisation durch und mit Fußball nicht so einfach zu Markte getragen wissen wollen. Weil sie ihr lebenslanges Hobby ohne schlechtes Gewissen mit ihrem Brotberuf als Professor, Intendant, Regisseur, Autor verbinden können. Weil sie ihre in der Regel antiaffirmative Arbeit endlich mal in den Dienst des Mainstreams stellen dürfen – Fußball findet inzwischen beinahe jeder gut, und wollen wir nicht alle irgendwann mal geliebt werden? Die intellektuelle Fußballbegeisterung ist auch Trittbrettfahrerei: Einmal so richtig populär sein, einmal nicht nur von 800 Leuten im Theater, sondern von 80.000 im Stadion bejubelt werden.

Und nicht zuletzt ist die Fußballkultur selbst ein Produkt der Fußballindustrie, ihr Wert lässt sich sogar beziffern: 30 Millionen Euro. So viel gibt die eigens gegründete DFB-Kulturstiftung für das offizielle Kulturprogramm der WM aus, finanziert aus dem Verkauf von Sondermünzen. Wo so viel Geld ist, schießt auch die Fantasie ins Kraut. Hunderte Projekte bewarben sich um Unterstützung, am Ende wählte der künstlerische Leiter André Heller 48 aus, darunter zum Beispiel auch das schon erwähnte Oratorium. In den nächsten Monaten folgen Ausstellungen, Konzerte, Literaturgipfeltreffen, Modenschauen, E und U, High und Low, Alain Platel und Justus Frantz wild durcheinander, ehe am 9. Juni Meister Heller selbst Regie führt bei einer Eröffnungsfeier, wie es sie noch nie gegeben haben soll. "Ich weiß gar nicht, ob wir bei alldem noch Zeit zum Fußballspielen finden", grantelte Franz Beckenbauer bei der Vorstellung des Programms.