Madé Arnawa hatte uns zum Abendessen eingeladen. Im Schneidersitz saßen wir auf dem Steinboden vor seinem kleinen Haus, aßen nach balinesischer Sitte mit den bloßen Fingern Gemüse, Reis und gebackene Tofustücke und warteten, bis die Dunkelheit hereingebrochen war und jemand Madés Trommel abholte: Zeit, zum Dorfplatz zu gehen, wo jeden Abend das Gamelan-Orchester von Tunjuk probt. Zwei Dutzend Männer trudelten dort nach und nach ein. Männer mit rissigen Händen und drahtigen Körpern. Reisbauern, die tagsüber die schwere Schlammerde auf ihren Feldern bearbeiten. Sie kamen in lila Windblousons, staubigen Strickpullis und ausgeleierten Sporttrikots über knielangen Shorts. Der Rauch ihrer Nelkenzigaretten mischte sich mit dem strengen Holzfeuergeruch, der abends über dem Dorf lag. Sie schleppten Riesengongs auf eine klapprige Holzveranda und lange Reihen kleiner Buckelgongs, sie setzten sich hinter verschnörkelte Spieltische mit Bronzeplatten und legten ihre Metallhämmerchen bereit oder die mit Stoff umwickelten Holzschlägel. Gamelangruppe aus Tunjuk/ Bali bei der Probe BILD

Madé Arnawa, der Leiter des Gamelan-Orchesters, schloss die Augen. Die Gespräche verstummten. Und die Männer begannen eine farbig ratternde Musik zu spielen. Aberwitzige, polyphon geschichtete Rhythmen. Klangmuster, die dem fremden Hörer wie tausend schwirrende, ineinander greifende Zahnräder erschienen, von den Reisbauern mit einem Gleichmut geklöppelt, der auf ein tiefes, intuitives Gemeinschaftsgefühl schließen ließ. Nach Noten spielte niemand. Die Stücke existieren nur in den Köpfen der Musiker. Sie sind Begleitmusik für religiöse Zeremonien und Dorffeste und werden von Generation zu Generation weitergegeben – eine jahrhundertealte Tradition. Nach zwei Stunden schleppten die Männer ihre Instrumente wieder in den Holzverschlag, und der Letzte löschte die Neonfunzel über der Veranda. Bis zur nächsten Probe in Tunjuk, einem 800-Seelen-Dorf im Landesinneren der Insel Bali, wo Abend für Abend die Bronzegongs geschlagen werden.

So ist es tatsächlich gewesen bei Madé Arnawa und seinem Orchester. Und so werden die Geschichten über die balinesische Gamelan-Musik am allerliebsten erzählt: als Reise in eine exotische Ursprünglichkeit, als Entdeckung einer herbschönen Welt des Guten, Wilden und Wahren. Im Gefühl, die Urwaldzweige zur Seite zu biegen und einer von der Zivilisation unberührten Kultur zu lauschen, haben schon die Musikethnologen vor 100 Jahren ihre Mikrofone ausgerichtet. Abenteuerlustige Rucksacktouristen durchstreifen deswegen das Hinterland der Insel bis heute.

Dabei hat das Gamelan-Orchester von Tunjuk gar nichts Weltvergessenes. Madé Arwana hat in der Hauptstadt Denpasar Musik studiert. Er ist Komponist und denkt sich komplizierte Sachen für sein Reisbauern-Ensemble aus. In einem Stück zum Beispiel kombiniert er, was nach traditionellen Maßstäben gar nicht vorgesehen ist, die fünftönige Tonskala der Gamelan-Spielart gong kebyar mit der anders gestimmten, viertönigen Skala des gamelan angklung und gewinnt so eine dritte, für balinesische Ohren reichlich windschiefe neuntönige Skala. Überhaupt macht sich Madé viele Gedanken, wie das Neue in die traditionelle indonesische Musik kommt und wie es die Kultur in seinem Land voranbringen könnte.

Das Neue in Indonesien? In den großen Städten fällt es einem doch an jeder Straßenecke ins Auge: Windows XP und Electronic Cash Banking, Spiderman 2 im DVD-Shop und Wespenschwärme von neuen Motorrollern neben dem buckligen Karrenzieher, der Siedlung aus Bretterverschlägen, den ausgemergelten streunenden Hunden. Der ganz normale südostasiatische Wahnsinn. Wer einmal auf der Autobahn der 15-Millionen-Stadt Jakarta gefahren ist, kann etwas von der Stop-and-go-Hysterie spüren, mit der Indonesien aus der Dritten Welt in die Erste zu brettern versucht – nach den fiebrigen Wirtschaftsboomjahren der Neunziger, die im großen Devisenkollaps endeten, nach dem Ende der korrupten Suharto-Diktatur und den neuen Herausforderungen durch den islamistischen Terror, mit den Hoffnungen einer jungen Demokratie. Die Modernisierungsdynamik ist nach wie vor enorm. Aber wenn irgendwo in einem Elektrizitätswerk eine Schlange über die falschen Kabel kriecht, gehen gleich auf halb Java die Lichter aus, und in der Mega-City Jakarta bleiben manche Stadtteile so dunkel wie die einsamen Bergdörfer auf Bali.

Natürlich kommt das Neue auch in der indonesischen Musik elektrisch daher mit Keyboard und Gitarren und schrillem Star-Glamour. Aus den Fernsehkanälen tönt es, aus den Radios und den Ohrstöpseln der großstädtischen Upperclass-Jugend – Pop Indonesia, Industrieware nach Weststandards mit regionaler Einfärbung. Dagegen kommt kein Buckelgong an. Und aufrechte Musikökologen aus dem Westen raufen sich die Haare: Der hoch motorisierte Bulldozer Massen-Pop walze die empfindlichen, weil nur mündlich überlieferten, einheimischen Musikbiotope platt. Aber so einfach sind die Zusammenhänge nicht. Nicht in Indonesien. Dort gibt es kurios verknotete Entwicklungslinien hin zu dem synkretistischen Musikmischmasch, der das Land heute prägt. Abenteuerlich sind die Windungen bei der Anverwandlung des Fremden als Eigenes und umgekehrt.