Nur ungern hat man sich im Westen damit abgefunden, dass das Abendland bei der Kunst des Schreibens, des Porzellanmachens und der Mathematik keinen Anspruch auf Urheberschaft anmelden kann. Nun bestreitet ihm der Blues-Forscher Karl Gert zur Heide auch noch sein Eigentumsrecht an dem Nährboden, durch den eine der Wurzeln des Jazz verläuft: Über die orientalischen Ursprünge des Ragtime lautet der Titel des Referats, das der Gelehrte im Rahmen des 42. Berliner Jazzfestes am 5. November halten wird. Wie bitte? Ex oriente Jazz? "Zur Heide kommt mit einer total spannenden These", sagt Peter Schulze, der künstlerische Leiter des Jazzfests. "Die Etymologie von Ragtime ist ja ähnlich ungesichert wie die des Wortes Jazz. Zur Heide behauptet, das Wort stamme von ›Rags Sharki‹, so heißt der orientalische Bauchtanz. Der Rhythmus von Rags Sharki und Ragtime ist identisch. 1872 wurde Bauchtanz in Cleveland aufgeführt, auch 1893 bei der Weltausstellung in Chicago." Nach 30 Jahren wieder zu Gast beim Jazzfest: Das brasilianische Musikgenie Hermeto Pascoal BILD

Ob nach dieser kühnen These die Geschichte des Jazz wirklich neu geschrieben werden muss, bleibe dahingestellt. Sie passt jedenfalls zu einem der drei Themenschwerpunkte, um die das Programm des Jazzfestes in diesem Jahr kreist: improvisierte Musik aus Istanbul. Das durch Fatih Akins Dokumentarfilm Crossing the Bridge erwachte Interesse des Publikums an neuen Klängen vom Bosporus kommt da gewiss gelegen, doch ursächlich für die Programmidee war der Film nicht. "Ich habe in den achtziger Jahren mal ein ganzes Jahr in Istanbul verbracht und seither ein sehr enges Verhältnis zu vielen der dortigen Musiker und Künstler", sagt Peter Schulze. Da zudem die Berliner Festspiele zurzeit mit einer Ausstellung im Gropius-Bau die Aufmerksamkeit auf Istanbul lenken, lag es nahe, sich auch mit der inspirierenden Musikszene der Stadt zu beschäftigen. In einem winzigen Club in Beyoglu, der europäischen Altstadt von Istanbul, hat Schulze das Ensemble Mozaik entdeckt, das selbst Kennern kaum geläufig ist. Auch das World Ensemble des Klarinettisten Hüsnü Senlendirici sagt bislang nur Insidern etwas. Selbst Erkan Ogur, der Meister an der bundlosen Gitarre, harrt des Ruhms außerhalb der Fachkreise.

Schulzes zweites Generalthema Italien wendet sich ebenfalls weit eher an Entdecker als an Leute, die auf Festivals vor allem an der Aura der Arrivierten schnuppern wollen. "Das Einzige, was mich nicht interessiert, ist Mainstream", gibt er ohne Umschweife zu. Der Mann spricht so, als befasse er sich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen mit wenig anderem als mit solchen Erscheinungsformen der improvisierten Musik, die dem Jazz, diesem prominenten Patienten auf der geriatrischen Abteilung des Spitals der Weltkultur, neue Lebenskräfte spenden könnten. Wie keiner seiner Vorgänger pflegt er das Abseitige, das Randständige, und das kommt häufig nicht aus den USA. Ihn reizt die "gedankliche Virtuosität" etwa des jungen italienischen Pianisten Stefano Bollani, und damit meint er die Gabe, die handwerklich bestens ausgebildeten Finger immer wieder neue geistige Bezüge herstellen zu lassen, auf dass das Musikhören zu einem aufregenden Erlebnis mit ungewissem Ausgang werde – Scheitern inbegriffen.

Natürlich kommt auch Peter Schulze, der schon in seinem früheren Leben als Jazzredakteur bei Radio Bremen viele anregende Konzerte und Festivals erdachte, weder um die USA herum noch um ein paar big names. Für seinen dritten Schwerpunkt – große Ensembles – hat er das Charlie Haden Liberation Music Orchestra mit dem Anti-Bush-Manifest Not In Our Name engagiert, bei dem die Arrangeurin Carla Bley mit auf der Bühne sitzt, außerdem die Bigband von Maria Schneider. Ebenfalls als Tribut an das andere Amerika darf man das melancholisch feine Folk-Jazz-Trio des Gitarristen Bill Frisell mit der Geigerin Jenny Scheinman verstehen.

Ein Kuriosum erwartet die Besucher am Eröffnungsabend: Nach einer Preview des Films Jazzin’ The Black Forest über das Jazz-Label MPS, das Hans Georg Brunner-Schwer 1968 in Villingen gründete, gibt es ein Wiedersehen mit dem Vibrafonisten Dave Pike. Mit seinem zu drei Vierteln aus deutschen Musikern bestehenden Dave Pike Set nahm er für MPS Platten auf, 1969 erfreute die Band auf den Berliner Jazztagen das Publikum mit freundlichem Hippie-Jazz. Längst klöppelt Pike an der Westküste der USA wieder Bebop; die nur für diesen einen Auftritt geplante Neuauflage des Dave Pike Sets bringt ihn wieder zurück an die Stätte frühen Ruhms.