Der Künstler

Wie ein Landpfarrer im Ruhestand sieht er aus, der Hermann Nitsch, Österreichs berüchtigter Aktionskünstler. Ganz in Schwarz am weiß gedeckten Tisch. Rechts neben sich die Orgel und links in Griffnähe der landesübliche Doppler, der Wein in der Zweiliterflasche. Sein mächtiger Bauch, das Hemd kann die Massen kaum fassen, die Knöpfe klaffen, das Unterhemd blitzt. Der große Kopf halslos auf dem gedrungenen Rumpf, das Gesicht zugewachsen vom Gottvater-Bart, die Backen vernetzt von Äderchen unter den Äuglein. Die sind, gedeckt von dunklen Gläsern der Metallrandbrille, misstrauisch in steter Bewegung und halten dem Blick ungern stand. Uhrarmband, Manschette, Hosenträger, Fingernägel malerisch dekoriert mit Farbspritzern.

Wie verloren steht er da. Als sei er nicht zu Hause in den 30 Räumen seines Schlosses, in den 750 Quadratmetern seines Sommerateliers. Hunderte Quadratmeter aufgespannter, weiß grundierter Sackjute hat er diesen Sommer beschüttet, die Keilrahmen stapeln sich in frappierender Gleichförmigkeit, links bunt, rechts rot, vorn schwarz, hinten mit appliziertem Ritual-Shirt. Dazwischen Monstranzen, Manipel, katholisches Altargerät diverser Art. Und der Werktisch, auf dem die Assistenten penibel die Parade der Pinsel, Besen, Bürsten, Schwämme vorgerichtet haben für die nächste Aktion. Penibel wie die 5 Reihen à 14 Farbtöpfe, penibel wie die 91 »Ordensregeln« zur ordentlichen Durchführung des Nitschschen »Urexzesses«; penibel wie die 300 originalen Messgewänder auf den Drehständern im Dachstuhl, penibel wie die Grafikschränke und Stellagen des Werklagers, wo alles nummeriert, registriert, archiviert ist. Penibel wird auch der Ziegelsteinfußboden dieser Malstätte, des ehemligen Getreidespeichers, mit weißem Packpapier abgedeckt, um genauso penibel aus dem Spritzschutz weitere Nitsch-Werke zu re- cyceln. »Fleißig« war er diesen Sommer, freudlos hört sich das an. »Kundschaft kommt!«, unterbricht der Zuruf der Assistentin die Tour du Château.

Schlossgröße haben seine Größenvorstellungen allemal. Unter Tizian, Dürer, Rembrandt tut er’s nicht im Kollegenvergleich; Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Jung und Kafka selbstverständlich sind genauso bedeutend wie er. Und natürlich Wagner, Wagner, Wagner – das Kaff Prinzendorf, 40 Kilometer nordöstlich von Wien in der austriakischen Pampa, ist gleich Bayreuth, seine Liegenschaft der Grüne Hügel: »Totales Gesamtkunstwerk« eben. Nitsch gibt Nitsch. Der Klassiker zu Lebzeiten erklärt sein »Werk«. Und wehe, der Besucher erweist sich nicht als Jünger! »Einen Scheißdreck!« interessiere den sein »Werk«, schreit er, »Tinneff!« seien dessen Fragen, kräht er, und »ein Verhör«, wo doch nur die Rolle der Frau in Leben und Arbeit erkundet werden wollte. »Pansexuell« sieht er seine Ästhetik, »bisexuell« sähe er sich selbst gern, »multisexuell« sei Gott und asexuell scheint sein Dank an die Mütterlichkeit des weiblichen um ihn herum, das ihm lebenslang zugearbeitet habe.

Ein seltsamer Heiliger.

Ein Künstlerleben im Zenit – so sieht es aus: 1938 in Wien als Kind einer armen Kriegerwitwe geboren, residiert der Malerfürst heute mit achtköpfiger factory im piccobello restaurierten Barockschloss und genießt als zweimaliger documenta-Artist internationalen Marktwert. Der gelernte Gebrauchsgrafiker wird zum Bürgerschreck mit den Happenings seiner »Aktionisten«-Genossen Otto Mühl und Günter Brus und landet dafür in den sechziger Jahren im Gefängnis. Aus dem spontanen Bespritzen der Leinwand entwickelt er die Choreografie rituellen Beschüttens nackter Menschenkörper, Tierkadaver und weißer Tücher als Teil seines lebenslangen Gesamtkunstwerks Orgien Mysterien Theater, marktgängig gelabelt mit dem Logo OMT. Und das seit 50 Jahren. Höhepunkt der längst straff organsierten Entfesselung von quasireligiösem Sinnentaumel wird 1998 das Sechstagesspiel. Das Bacchanal aus Geblüt und Gedärm liturgiert ein Erlösungsdrama mit Kruzifix und 100 Schreinen, 500 Ritualhemden, 20000 Blumen, 1000 Kilo Trauben und Tomaten und 1000 Litern frischen Bluts. Drei Stiere werden geschlachtet, zahllos die enthäuteten Schweine und Schafe. 5000 Fackeln, eine Hundertschaft Musiker und für alle 13000 Liter Wein. Vom Schauplatz Schloss Prinzendorf berichten 120 Journalisten mit 800 Artikeln weltweit über die vom einstigen Blutorgelmanifest des Jahres 1960 zur kunsthistorischen Blutkonserve geronnene Opfer-Extasen-Brunst des Pinsel-Prinzen.

Übernational auch die Proteste von Politik, Presse, Kirche, Tierschutz und aus Paris extra angereist Brigitte Bardot, um gegen den »Caligula aus Österreich« ins Feld zu ziehen. So fühlt sich Hermann Nitsch lebenslang auf dem Kreuzweg seiner Kunst, verspottet und verhöhnt, verfemt und verfolgt, ohne Zuschuss und Stipendium, und steigt jetzt doch auf vom Knastkünstler zum Staatskünstler. Die höheren Weihen erhielt er 1995 mit einer Regiearbeit für die Wiener Staatsoper, nachdem er zuvor schon die Alpenrepublik auf der Expo in Sevilla repräsentiert hatte. Wenn jetzt im November die erste moralische Anstalt des Landes, das Burgtheater, das ganze Haus für ihn öffnet, 24 Stunden lang für die 122. Aktion des OMT, dann findet das Enfant terrible von einst »das beste Theater deutscher Sprache gerade richtig« für sein Werk. Und die Klimax wird 2008 zu seinem 70. das eigene Museum sein, das der Staat ihm einrichtet.