Das Ruhrgebiet. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2005. Captain Mozart, Commander Brahms und all die anderen namhaften Offiziere an Bord sind unterwegs zum "größten Verdichtungsraum Deutschlands", wie der streng physikalisch denkende Regionalverband Ruhrgebiet es zu beschreiben beliebt. Dort, zwischen Duisburg und Hamm, wird inzwischen alles getan, damit die Musik gut landen kann. 5,3 Millionen Menschen, so viele wie in ganz Finnland, leben in elf kreisfreien Städten und vier Kreisen, früher nannte man das ein Ballungszentrum, und in etwa drei Jahren werden dort zwei weitere flammneue Konzertsäle gebaut sein. Essen hat bereits seine neue Philharmonie, Dortmund sein neues Konzerthaus, Duisburg wird den Neubau der (multifunktionalen) Mercatorhalle mit 1700 Plätzen Ende 2006 abschließen, Bochum dann, wenn die Haushaltssperre der Stadt gelockert sein wird, vielleicht den ersten Spatenstich für seinen neuen Konzertsaal tun. Mozart, Brahms und all die anderen werden exzellent andocken können. Was kostet die Welt? Konzerthaus Dortmund BILD

Der Verdichtungsraum beherbergt schon jetzt fünf Opernensembles, fünf Ballettcompagnien, acht Sprechtheater und sechs Kulturorchester. Im Jahr bringen sie knapp 4000 Veranstaltungen und knapp 1,5 Millionen Menschen auf die Beine, es gibt außerdem die Ruhrtriennale, das Klavierfestival Ruhr und die Ruhrfestspiele, eigentlich handelt es sich, alles zusammengenommen, um das größte ganzjährige Festival der Welt. Man kann sich morgens aussuchen, wo man abends eine Mozart- oder eine Mahler-Sinfonie, eine Strauss- oder eine Monteverdi-Oper hören möchte, man kann sich prall umworben und eingeladen fühlen. Hat dieses Angebot genug Zuhörer?

Michael Kaufmann darf diese Frage aus Prinzip nicht verneinen. Er ist Intendant der Essener Philharmonie und schaut mit leicht errötendem Stolz auf seine Eröffnungsspielzeit zurück. Essens Saal bietet 1900 Plätze, er ist der drittgrößte in Nordrhein-Westfalen und will gefüllt sein, nicht nur bei Luxusangeboten, sondern am liebsten regelmäßig. Kaufmann hat zwar nicht ganz so viele Menschen anlocken können, wie es die sonnigen Prognosen versprachen, aber es standen Sponsoren zur Seite, die ihm hernach einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan ermöglichten.

Ungern operiert Kaufmann mit Auslastungszahlen, denn wer sich ihnen laienhaft nähert, kann eine tolle Quote versehentlich für eine miserable halten. Bei einem Konzert seines Schönberg-Zy- klus hätte Kaufmann 30 Prozent Auslastung melden können, und die öffentliche Meinung hätte geschrien vor Entrüstung. Aber 30 Prozent bei Schönberg sind knapp 600 Zuhörer, also ein exzellenter Wert, wie Kaufmann präzisiert: "So viele Leute muss ich in manchem Mozart-Kammerkonzert erst einmal hier sitzen haben."

Die Tücke im Detail aller Planungen: Keiner weiß, wer kommt. Abonnements sind nur noch in Maßen sichere Posten, die Abnehmer schwinden. Also muss der Intendant ein schneidiger Verkäufer sein, und Kaufmann sucht seine Kunden nicht nur im Ruhrgebiet: "Wir in Essen sind eigentlich näher an Düsseldorf als an Dortmund. Mit der Landeshauptstadt verbinden uns die Kaufkraft und die Mentalität des Publikums, und uns verbinden der ICE und die Autobahn." Wolle jemand aus Dortmund nach Essen fahren, denke er gleich in den hinderlichen Kategorien des kommunalen Nahverkehrs oder verstopfter Autobahnen. Deshalb wirbt die Essener Philharmonie auffällig oft in Düsseldorfer Zeitungen. Damit jedermann den Weg nach Essen findet, pflanzt ihm Kaufmann jedes Jahr ein paar Leuchttürme, etwa eines der amerikanischen Spitzenorchester. Es fragt sich, ob der Kunde auch bleibt, wenn er sich einmal einem solchen Event zugeneigt hat. "Der Aufbau eines berechenbaren Besucherstamms dauert fünf Jahre", weiß Kaufmann.

Der Erfolg hängt an der Mobilität der Umlandbewohner

So viel Zeit war Ulrich Andreas Vogt, dem Gründungsintendanten des 2002 gebauten Konzerthauses Dortmund, nicht beschieden. In der größten Ruhrgebietsstadt entwickelte sich alsbald eine schwungvolle Eigendynamik des bloßen Zahlenwerks. Sie brach Vogt das Genick. Als die ersten beiden Spielzeiten vorüber waren, hielten die städtischen Kontrolleure Vogt eine Durchschnittsauslastung von knapp 70 Prozent vor, die ihnen zu gering erschien; außerdem standen finanzielle "Unklarheiten" im Raum. Kein Wort darüber, dass das Dortmunder Konzerthaus von städtischer Seite unterfinanziert war. Dies offenbart eine grundsätzliche Malaise: Politiker wollen gern einen Tempel zur bürgerlichen Repräsentation; dass man auch den Inhalt bezahlen muss, ist ihnen weniger klar. Überhaupt nicht dämmert ihnen, dass mancher erst Miese machen muss, um hernach Erfolg zu haben.