Welche Chancen hat sie noch, welche Zukunft droht der schrumpfenden Stadt? Dass dem Osten Deutschlands die Einwohner weglaufen und längst mehr als eine Million Wohnungen leer stehen, wird "die Geschäftsgrundlage der traditionellen Architektur und Stadtplanung radikal infrage stellen", prophezeien die Kuratoren des internationalen Ausstellungsprojekts Shrinking Cities. Doch was heißt das genau? Welche Antworten gibt es auf die Radikalfrage? Abbau Ost: Plattenbau in Halle BILD

Jüngst erschien der Zweite Bericht zur Baukultur, herausgegeben vom Bundesbauministerium. Dort schleichen die Autoren nur auf Zehenspitzen um das brisante Thema "Schrumpfung" herum. Zwar räumen sie ein, dass die massive Abwanderung uns noch lange beschäftigen dürfte und wir mit allen Lösungsversuchen erst am Anfang stehen. Das Heil der gebeutelten Städte und Regionen allerdings suchen sie unbeirrt in schöneren Häusern und intensiverer Pflege des öffentlichen Raums. Wie heutzutage üblich, soll nicht die Politik steuern, stattdessen erhofft man sich die Belebung der Innenstädte allein von leistungsfähigen Eigentümern: "Gebraucht werden Akteure, die bereit sind, den eigenen Lebensmittelpunkt mit dem Gebäude und Grundstück zu verbinden, als Kaufleute, Gewerbetreibende, Vermieter und Bewohner." Bürgerschaftliche Selbsthilfe soll den Städten zu Identität und Ansehnlichkeit verhelfen.

Solche Vorstellungen sind tief von der Idee unaufhörlichen Wachstums geprägt. Was aber kann etwa die Bürgerschaft einer Stadt wie Halle an der Saale damit anfangen, die hilflos zusehen muss, wie der kanadische Eisenbahnhersteller Bombardier, nachdem er 150 Millionen Euro staatliche Förderung erhalten und dafür die Arbeitsplätze von 23000 auf 1000 gesenkt hatte, seinen Hallenser Standort schließlich dennoch aufgibt? Und wenn dann auch noch vom Statistischen Landesamt die Mitteilung kommt, dass im Jahr 2020 rund 80 Prozent aller Einwohner von Halle außerhalb regulärer Erwerbstätigkeit stehen werden – weil sie dann entweder unter 20 oder über 65 Jahre alt sind? Niemand hat heute eine Vorstellung davon, wie eine Stadt mit einem solchen Bevölkerungsschema funktionieren könnte. Dabei sind wir von 2020 zeitlich genauso weit entfernt wie vom Jahr der deutschen Vereinigung.

Nein, es lässt sich nicht länger ignorieren: Am Ende des industriellen Zeitalters müssen wir uns auf einen grundlegenden Umbau unseres gesamten gesellschaftlichen Gefüges einstellen. Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, wandeln sich auch die dazugehörigen Landstriche und Städte. Die Globalisierung organisiert nicht nur die Waren- und Finanzströme der Weltwirtschaft neu, sie erzeugt auch neue Peripherien, also benachteiligte Gebiete, manchmal inmitten von Wohlstandsregionen.

So gesehen wird Ostdeutschland weniger zum nationalen Versagensfall als zum kontinentalen Exempel: Lässt sich hier doch allerhand lernen über Regionen, die für globalisierte Wirtschaftskreisläufe uninteressant geworden und im Status der "funktionalen Irrelevanz" angekommen sind, wie es der namhafte Soziologe Manuel Castells nennt. In dieser Situation auf Heilungskräfte des Marktes zu hoffen wird immer aussichtsloser, je weiter die Krise voranschreitet. Gerade darin steckt ja der Kern der ostdeutschen Erfahrung: Privates Investitionsvertrauen in die betroffenen Regionen bricht schnell zusammen. Kredite für Neubaumaßnahmen, sogar für Sanierung und Umbau, werden nur in Ausnahmefällen noch gewährt. Banken haben da ein untrügliches Sensorium: Wo die Menschen davonlaufen, verliert selbst Grund und Boden alle Heiligkeit.

Wenn nicht nur einzelnen Städten, sondern ganzen Landstrichen die ökonomische Grundlage entzogen wird, spielt die Ästhetik der Architektur allenfalls am Rande eine Rolle. Der publizistische Applaus, den Architekten inzwischen einheimsen, wenn sie wie in Cottbus, Leinefelde oder Berlin-Marzahn großformatige Plattenbauriegel zu gefälligen Reihenhäusern oder würfelförmigen Stadtvillen umgestalten, mag dem technischen Erfindergeist gelten. Eine "radikal veränderte Geschäftsgrundlage" für heutiges Planungsdenken findet sich aber eher in den Experimenten junger Architekten, die wie beim Hotel Neustadt in Halle oder beim Berliner Volkspalast nach neuen Nutzungsideen für die überflüssig gewordenen Strukturen suchen. Gefragt ist weniger ästhetische Raffinesse, gefragt ist soziale Fantasie. Dafür macht unaufhaltsamer Wertverlust selbst starrköpfige Immobilienbesitzer zugänglich, in Leipzig zum Beispiel. Dort hat die Bauverwaltung mit privaten Eigentümern ausgehandelt, dass ihre Grundstücke vorübergehend auch öffentlich genutzt werden können, als Spielplätze oder als nachbarschaftliches Grabeland für Kleingärtner.

Der Leitbegriff für eine neue Planungskultur muss heißen: Geduld