Spitting Off Tall BuildingsJana und Paul tun es

Es geht voran, im Vierviertelakt und mit den drei berühmten Akkorden: Die Schauspielerin Jana Pallaske versucht sich als Punkmusikerin im Duo Spitting Off Tall Buildings von 

Die Herren, tätowiert bis zur Halskrause, malträtieren die Gitarren im Stakkato, die Sängerin spuckt Zeilen aus wie »It seems like nothing’s ever happening«, und wer die CD-Hülle aufklappt, blickt direkt auf ihre zerrissene Strumpfhose. Spitting Off Tall Buildings heißen wie eine Punkband, sehen aus wie eine Punkband, spielen Punk wie eine Punkband, aber »ob wir Punk sind oder nicht«, sagt der Gitarrist Frank »Paul« Radermacher, »das ist uns wurscht«. Na, wenn das mal nicht Punk ist.

Es ist nur Punk, aber sie mögen es, genau wie die zahlreich zur Interview-Session erschienene Journaille, die einem vorauseilenden Ruf gefolgt ist. Spitting Off Tall Buildings gelten als Gruppe, deren Energie man auch über den Einzugsbereich Berlins hinaus live erlebt haben muss – wenngleich das Interesse mit der Musik allein nicht erklärt werden kann. Die eigentliche Attraktion des Quintetts trägt Schmollmund, direkt über dem Herzen einen mit Sicherheitsnadeln am T-Shirt befestigten Stoffsticker, auf dem in Frakturschrift »Liebe will riskiert werden« zu lesen ist, singt und hört auf den Namen Jana Pallaske. Dass man sie, wenn nicht als Gelegenheitsmoderatorin auf MTV, als sexy Plattenbaugirl aus Filmen wie alaska.de kennt, empfindet Pallaske als »eher hinderliches Gepäck«. Der Publicity allerdings schadet es nicht.

Image und Ausstrahlung der Hauptdarstellerin lenken den Blick auf ein Phänomen, das so nur aus einem postsozialistischen Vakuum entstehen konnte. Die kleine Jana mag zum Zeitpunkt des Mauerfalls zwar noch »Lambada getanzt haben«, wie sie selbst scherzt, der Rest der Band aber – abgesehen vom »Quotenwessi« am Schlagzeug – trug noch das Blauhemd der FDJ. Von daher verständlich, dass Radermacher und den anderen »jede Art von Organisation und Gruppenzugehörigkeit« bis heute »erst mal suspekt« ist. Andererseits aber vermisst er, als Besitzer eines Klamottenladens in Prenzlauer Berg gut angekommen in der Marktwirtschaft, »eine krasse generationenübergreifende Bewegung, eine Utopie«. Die »jungen Leute«, sagt der selbst bereits im dritten Lebensjahrzehnt stehende Gitarrist, seien heute »ziemlich desillusioniert«.

Der darob entstandenen »Wut und Hilflosigkeit« setzen Spitting Off Tall Buildings einerseits ihren recht konsequent durchgehaltenen Do-it-yourself-Anspruch entgegen: Wer alles selbst macht, kann keiner Ideologie ganz zugerechnet werden. Anderseits geben sie diesem Zustand mit rotzigen Gitarren, flottem Rhythmus und eingängigen Melodien einen überzeugend rüpelhaften Ausdruck. Der enthält sich zwar jeder politischen Aussage, und im Eröffnungssong ihres selbstbetitelten Debütalbums heißt es ausdrücklich: »This is no revolution.« Aber auch wenn der Großteil der Songs, allesamt vom Liebespaar Radermacher/Pallaske gemeinsam verfasst, um die eigene Beziehung kreist, rocken Spitting Off Tall Buildings diesen Rosenkrieg doch so rabiat, als wollten sie Pallaskes Credo vertonen: »Heb mal deinen Arsch auf und mach was.«

So war der Cameo-Auftritt der Band in der im Kino gefloppten Ost-Trash-Komödie Max und Moritz Reloaded womöglich doch mehr als ein leidlich lustiges Spiel mit Referenzen. Ihre schnittige Version der FDJ-Erkennungsmelodie dürfte Egon Krenz kaum gefallen haben, doch vorgetragen im fröhlich nach vorn stürmenden Sound des längst im Mainstream angekommenen Pop-Punk, warten Zeilen wie »Bau auf, freie deutsche Jugend, bau auf!« sehnsüchtig auf neue Sinnzusammenhänge. Es geht voran, im Vierviertelakt und mit den drei berühmten Akkorden, gegen Lähmung, Stillstand und das mittlerweile gesamtdeutsche Jammern. Na, ob das noch wirklich Punk ist?

19. 10. Potsdam, Waschhaus; 21. 10. Dresden, Scheune; 26. 10. Nürnberg, Rakete; 12. 11. Berlin, Magnet; 2. 12. Heidelberg, Karlstadtbahnhof; www.spittingofftallbuildings.com

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