Der Interviewer war vorgewarnt. Frank Castorfs neue Chefdramaturgin, das wusste er von früheren Anlässen, redet leise – so leise, dass ihre Stimme auf dem Recorder von vagabundierenden Nebengeräuschen womöglich verschluckt würde. Ein akustischer Problemfall, das stand fest. In der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Stefanie Carps jetziger Arbeitsstätte, wurde in diesen Tagen heftig gesägt und gehämmert; also plädierte ich für ein stilles Kreuzberger Café mit geringem Vormittagsverkehr. Vor Ort bat ich die Bedienung inständig, auf Hintergrundmusik ausnahmsweise ganz zu verzichten. Ein paar Minuten blieben mir noch bis zum vereinbarten Termin – Zeit genug, der Frage nachzugrübeln, wie jemand mit so kleiner Stimme sich unter all den professionellen Geräuschemachern des Theaterbetriebs überhaupt durchsetzen könne. Wenn nicht durch Lautstärke – wodurch dann?

Kaum hat sich Stefanie Carp an den Tisch gesetzt, kaum gehen die ersten Sätze hin und her, ist mir die Antwort klar: durch Präsenz, durch offensive Intelligenz. Die gebürtige Hamburgerin, eine schmale Person Ende der Vierziger, wirkt freundlich und kontrolliert zugleich. Sie hört aufmerksam zu, lässt sich aber beim Ausformulieren eines Gedankens nicht unterbrechen. Diffizilen Fragen weicht sie nicht aus; stets trifft man auf Nachdenklichkeit, nicht auf fertige Repliken. Den Widerspruch sucht, aber scheut sie auch nicht. Streitlust schimmert durch. Man begreift rasch, warum Regisseure und Schauspieler Stefanie Carp als Gesprächspartnerin so hoch schätzen.

Wer über Dramaturgen schreibt, muss sich, partiell jedenfalls, aufs Hörensagen verlassen. Die Qualitäten von Regisseuren und Schauspielern kann der Kritiker mit eigenen Augen einschätzen. Was indessen Dramaturgen tun und bewirken, bleibt für den Außenstehenden großenteils unsichtbar; sie führen ein Maulwurfsleben im Innern der Apparate. Also ist man auf Mutmaßungen angewiesen, auf Urteile aus zweiter Hand und – auf die Fama. Die allerdings, zum Glück, trügt selten. Was schon daran liegt, dass es die wenigsten Dramaturgen je zu einer Fama gebracht haben – die meisten immer nur zum Vermerk im Programmheft.

Viel Ehr, viel Feind in Zürich, wo sie als "rabiate Linke" angefeindet wird

Die Fama der Stefanie Carp lässt nichts zu wünschen übrig. Sie gehört zu den angesehensten Dramaturgen des deutschsprachigen Theaters und zu den wenigen in der Branche, deren Namen auch der Öffentlichkeit etwas sagen. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft, einer Promotion über Alexander Kluge, einer ersten Theaterstation in Düsseldorf, bei Volker Canaris und Michael Huthmann ("mein erster Lehrer"), hat sie ein volles Dutzend Jahre dem Dream-Team um Intendant Frank Baumbauer angehört, zunächst am Theater Basel (1988 bis 1993), danach am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (1993 bis 2000). Vor allem die Hamburger Dramaturgie der neunziger Jahre hat Carps Selbstbewusstsein ("Man muss lernen, nicht immer mitzuschwimmen") geschärft: ein Think Tank, der unermüdlich Themen setzte, Texte erprobte, Projekte erfand. Wilfried Schulz, jetzt Intendant in Hannover, Carp und Tilman Raabke bildeten das Trio, das Theater heute nachträglich zur "Dramaturgie des Jahrzehnts" ausrief.

Dass sie schon in frühen Basler Zeiten dem großen Theatererfinder Christoph Marthaler – und seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock – begegnet war, bezeichnet Carp als "mein ganz großes Glück": Es war der Beginn einer künstlerischen Symbiose, die bis heute andauert. Für Marthaler hat Carp die Textcollagen zu dessen großen Projekten beigesteuert, von Stunde Null über Groundings bis jüngst zu Schutz vor der Zukunft, wie auch die Klassiker-Fassungen vom legendären Hamburger Wurzel-Faust bis zum Zürcher Danton.

Und gemeinsam mit Marthaler und Viebrock hat sie sich dann auch auf das große Theaterabenteuer am Zürcher Schauspielhaus eingelassen, das ihre Dramaturgenbiografie vollends in eine neue Richtung lenken sollte: von der Produktionsdramaturgie hin zur künstlerischen Leitung; von der intellektuellen Betreuung einzelner Aufführungen hin zur Verantwortung für die ästhetische und theaterpolitische Performance eines ganzen Hauses. Die Konstellation im Dreierdirektorium legte diese Arbeitsteilung nahe: Da Marthaler seinen Part primär als Künstler und Kommunikator sah ("einzigartig, wie er dieses Klima von Großzügigkeit und Angstfreiheit schuf"), öffnete sich der Chefdramaturgin in der Ausgestaltung des Theaterbetriebs, vom Spielplan bis zur Auswahl der Regisseure, ein weites Terrain. Die Neue Zürcher Zeitung nannte sie die "ungekrönte Intendantin" des Hauses.

Viel Ehr, viel Feind. In den kulturpolitischen Turbulenzen jener vier Jahre bis 2004, in denen in Zürich der öffentliche Kampf um den neuen ästhetischen Kurs tobte, wurde Marthalers Dramaturgin dem konservativen Establishment der Stadt rasch zur Reizfigur, zum Hassobjekt.