Für Schauspieler sind sie die Hölle und für manchen erwachsenen Begleiter auch: Weihnachtsmärchen. Wenn sie die ganze Palette draller Effekte ausspielen, mit denen man fernsehsozialisierte Vorschulkinder fängt, produzieren sie im Publikum eine Lautstärke knapp unterhalb der eines startenden Jets. Vor allem das linkische Erscheinen der Bösen versetzt das Kollektiv laufender Meter auch heute noch in heftigste Erregung. Schneekönigin oder Mäusekönig, Frau Mahlzahn oder der Wolf provozieren so viel solidarische Energie, dass jeder Versuch subtiler Schauspielkunst im hundertfachen Gebrüll untergehen muss.

Entsprechend schlecht ist der Ruf dieser eisernen Traditionsveranstaltung bei den Theatermachern selbst. "Die große Kinderverarsche" nennt Dagmar Schmidt, Leiterin des Münchner Kinder- und Jugendtheaters Schauburg, das klassische Weihnachtsmärchen und spricht damit selbst den Theatermachern aus der Seele, die solche noch immer anbieten. Die nach dem Reiz-Reaktion-Schema komponierten Klassiker – Pinocchio, Pippi Langstrumpf, Aladin sowie der gesammelte Grimm-Andersen-Hauff-Komplex –, die viele Theater im vorauseilenden Gehorsam vom November an auf den Spielplan setzen, sind für Schmidt wie für viele ihrer Kollegen "reine Alibiveranstaltungen".

Seit 40 Jahren immer das Gleiche: Humperdincks "Hänsel und Gretel"

Allein 56 Inszenierungen "nach Grimm" weist die letzte Statistik des deutschen Bühnenvereins "Wer spielt was?" aus und zeugt damit von der flächendeckenden Fantasielosigkeit dieses Sujets. Aber noch deprimierender sind die Zustände im Musiktheater. Dort existiert genau ein Klassiker, der von Bonn bis Wiesbaden an 20 Opern alljährlich zur Weihnachtszeit unentstaubt aus dem Fundus geholt und aufgeführt wird: Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel. In München, wo es sogar zwei Inszenierungen des unsterblichen Singspiels von 1893 gibt, stammt die Produktion der Staatsoper aus dem Jahr 1965, an der Hamburgischen Staatsoper hat sich für dieses Stück seit 1972 nichts mehr geändert. Aber noch im Jahr 2003 sicherten diverse Theater ihr Programm mit einer neuen Hexenverbrennung ab. Flankenschutz geben in der Regel eine Zauberflöte oder ein Nussknacker-Ballett.

"Was voll ist, spielen wir weiter", sagt Chris-toph Becher, der leitende Dramaturg der Hamburger Oper, mit realpolitischem Schulterzucken. Sein Haus bietet – wie andere Bühnen in Deutschland auch – ein durchaus ambitioniertes Programm für Kinder, bei dem diese selbst Opern zeitgenössischer Komponisten wie Henze oder Maxwell Davis einstudieren können. Dennoch möchte Becher der Prognose nicht widersprechen, dass Hänsel und Gretel auch in 20 Jahren noch auf dem Spielplan stehen wird. Angesichts des strengen Einnahmesolls und der halbierten Preise für diese Familienvorstellungen will sich selbst sein Haus mit einem Etat von 61 Millionen Euro das Risiko einer aufwändigen Neuinszenierung nicht leisten.

Die einzige Chance, den Gassenhauer nicht zu spielen, besteht für Opernbühnen in der Produktion eines Kinderstücks, dass auch nach dem Fest im Spielplan gehalten werden kann. Die Neuköllner Oper in Berlin entwickelt beispielsweise für die kommende dunkle Jahreszeit ein eigenes Kunstmärchen, Pechvogel & Glückskind, komponiert von Winfried Radeke, das nach der Premiere am 17. November auch die Bescherung überleben soll. Bremen geht diesen Weg mit besonderem Mut: Am 5. November hat dort Hans Krasas Märchenoper Brundibar Premiere, die dieser 1943 im KZ Theresienstadt mit Ghettokindern einstudierte, bevor er und die meisten seiner Darsteller in Auschwitz ermordet wurden. Doch die konsumselige Weihnachtsstimmung mit einer derart vergessenskritischen Aufführung zu brüskieren, das kann wahrscheinlich auch nur in einem protestantisch-rationalistischen Musterstädtle wie Bremen gelingen.

Im Schauspiel hat der Frust mit dem Weihnachtsmärchen dagegen in den letzten Jahren – zumindest in den Ballungszentren – zu zwei widersprüchlichen Reaktionen geführt. In manchen Städten wie München, Berlin oder Frankfurt weigern sich die Stadttheater, die schlicht gestrickte Schwarzweißsicht gängiger Märchenstücke überhaupt noch zu produzieren, und überlassen den Markt den Privattheatern und freien Gruppen. Alternativ wird versucht, dem konventionellen Fremdkörper im Spielplan mit einer verhaltenen Experimentierfreude auf den Pelz zu rücken. Statt irgendeinen Regieassistenten und gelangweilte Schauspieler, die gerade für keine andere Produktion gebraucht werden, mit der Einstudierung eines x-beliebigen Märchens zu beauftragen, engagieren die Intendanten verstärkt junge, kreative Regisseure, um die Routine zu brechen.