DIE ZEIT: Der Radikalreformer Paul Kirchhof ist mit seinem Steuerplan politisch gescheitert. Was stimmt Sie so zuversichtlich, dass Ihr Reformmodell nicht das gleiche Schicksal erleidet?

Joachim Lang: Wir arbeiten nicht im Elfenbeinturm, und unser Konzept ist kein Radikalmodell. In der Kommission Steuergesetzbuch…

ZEIT: …die Sie leiten und die von der Stiftung Marktwirtschaft initiert wurde…

Lang: …arbeiten 70 Experten aus Wissenschaft und Praxis. Darüber hinaus hat sie ein dichtes Netz von Gesprächspartnern. Große Steuerreformen können nur in einem überparteilichen Konsens durchgesetzt werden, weil sonst die Gegenseite sofort die Reformverlierer instrumentalisiert und damit das Projekt verhindert. In unserem Beirat sitzen prominente Steuerpolitiker aus allen bisher im Bundestag vertretenen Parteien.

ZEIT: Ist nicht eine radikale Reform notwendig, um das Vorschriftendickicht zu lichten?

Lang: Unser Ziel ist ein Höchstmaß an Vereinfachung. Aber wir rotten die gewachsenen Strukturen des Steuerrechts nicht aus, wir bereinigen sie. Das Modell bleibt innerhalb der Wertvorstellungen unserer Gesellschaft. Gerade der zurückliegende Wahlkampf hat ja gezeigt, dassradikale Modelle wie beispielsweise ein Einheitssteuersatz, der dramatische Umverteilungswirkungen hätte, nicht konsensfähig sind.

ZEIT: Wie wollen Sie das Steuersystem einfacher und gerechter machen?

Lang: Wir bringen zunächst die so genannte Bemessungsgrundlage in Ordnung. Erst danach kann man den Steuertarif festlegen. Nur wenn das zu versteuernde Einkommen realistisch ermittelt wird, ist das ganze System gerecht. Das heißt: Wir müssen uns strikt an das Leistungsfähigkeitsprinzip und an das Nettoprinzip halten. Dort, wo tatsächlich Erwerbsaufwendungen entstehen, müssen sie angemessen steuerlich abziehbar sein. Wir wollen ein privilegienfreies Steuerrecht.

ZEIT: Aber Sie schaffen nicht alle Ausnahmen ab. So halten Sie an der Pendlerpauschale fest.

Lang: Das Nettoprinzip bedeutet auch, das die Kosten für den Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstätte in einem gewissen Umfang berücksichtigt werden. Das gilt auch für eine doppelte Haushaltsführung, wenn Ehepartner an verschiedenen Orten arbeiten. Und es gibt Steuervergünstigungen, die wir abschaffen wollen, für die aber faire Übergangsregelungen notwendig sind. Dazu gehört die Steuerfreiheit von Lohnzuschlägen für Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit. Wenn Steuervergünstigungen gerade für Niedrigverdiener beseitigt werden, darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Krankenschwester die Entlastung der Einkommenselite finanziert. Dann muss der Eingangssteuersatz weiter gesenkt werden, um die Verluste einigermaßen auszugleichen.

ZEIT: Also wird es bei einem progressiven Einkommensteuertarif – höhere Sätze für höhere Einkommen – bleiben?

Lang: Der Tarif ist am Ende eine politische Entscheidung. Aber bei den finanziellen Lasten des deutschen Staates – für die neuen Länder und für den Schuldendienst – können wir uns einen Einheitssatz niemals leisten. Wir brauchen die Progression. Rot-Grün hat ja den Spitzensatz der Einkommensteuer von 53 auf 42 Prozent herabgesetzt. Wenn er jetzt noch einmal auf 39 Prozent gesenkt wird, liegen wir damit international im Durchschnitt. Der progressive Tarif ist auch wichtig, um sozial ausgewogene Lösungen realisieren zu können.