RomanSchreiben ist Gottessen

Friederike Mayröckers wunderbares neues Prosabuch im Gedenken an Ernst Jandl von Christina Weiss

Geschichten zu erzählen liegt Friederike Mayröcker fern. Für sie, im Todesjahr Kafkas 1924 in Wien geboren, ist Schreiben »Schreibendrangsalseligkeit«. Das ist auch nach über sechzig Büchern nicht anders. Es geht ihr nicht darum, die Sprache als Instrument geradliniger Mitteilung zu verwenden. Es geht ihr eher um das, was sie in einem programmatischen Buchtitel 1985 genannt hat. Die Dinge werden Sprache, und die Sprache wird zum herzzerreißenden Liebesobjekt. Schreiben ist für diese Autorin, die zweifellos zu den interessantesten Sprachkünstlern deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zählt, eine Obsession.

Wer Mayröcker ergründen will, hält sich am besten an Peter Weiss, der das Motto zu ihrem jüngsten Buch liefert: »alles was gesagt wird existiert nur im Bereich des Möglichen, aber es könnte ebenso gut anders sein, irgendwie hat es etwas mit einem zu tun, aber es zerfällt, löst sich immer wieder auf und nimmt neue Bedeutung an«. So vorangestellt dem neuen Buch Und ich schüttelte einen Liebling, das auch für den Deutschen Buchpreis 2005 nominiert ist.

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Das Buch ist eine schreibende Annäherung an sich selbst. Wie immer bei Friedrike Mayröcker ist die Grenze zwischen poetischem Sprechen und erzählerischen Momenten fließend. Doch anders als in den früheren Büchern reißt sie hier Fragmente biografischen Erlebens auf, die als Zwischenbekenntnisse im Text Geschichten öffnen, die sehr konkrete alltägliche Situationen erfassen, Alltagserlebnisse und Alltagsgespräche aus dem Leben mit Ernst Jandl. Mit der Familie, mit den Freunden, Geschichten, die sich aber sogleich wieder zwischen eingestreuten Fragmenten aus der Lektüre Friederike Mayröckers verlieren, verwischen, dadurch aber durchaus an Intensität gewinnen.

Der Blick auf ihr Leben mit Ernst Jandl und ohne ihn, getränkt vom Schmerz über den Tod des Freundes, wirkt auf den Leser wie eine rasende Reise durch die Erfahrungen, die sich übereinander, nebeneinander in wilder Staffelung offenbaren. Erlebtes, Wahrgenommenes, die gelesenen – immer wieder gelesenen Bücher, die gehörte – immer wieder gehörte – Musik. Die Stimme von Maria Callas begleitet die Lektüre dieser Lebensgeschichte ebenso wie die Texte von Gertrude Stein. Dazwischen die notierte Trauer, Tränen wie Sturzbäche, die Trübung der Augenlinse, die Verzweiflung über das Verlassensein und zugleich die Unfähigkeit, andere Menschen zu ertragen – anders als durch Briefe.

Es ist ein Liebesstück – geschrieben mit angespannten Nerven und »Gedankenaufregung«. Die Schreibende ist gebannt in ihre »Behausung«, alles voller Zettel mit Notizen, »aufgenadelt« an den Wänden oder »zappelnd im Schoß« liegend, während sie an ihrem Campingtisch schreibt. Das Leitmotiv des Buches ist die poetische Umsetzung des Textereignisses, das den Leser bannt und in dauernder Rührung, Berührung hält. Eine Lektüre en passant, eine Lektüre ohne Emotion wird nicht zugelassen. Das Leitmotiv, der wiederkehrende Satz: »Dann florte es um mich herum und ich schüttelte einen Liebling«, gibt dem Band auch den wunderbaren Titel.

Die inhaltliche Ballung um das Wort Flor ist so dicht, dass sich alle emotionalen Elemente dieses Buches darin treffen: Blütenfülle der Wiesen, die Üppigkeit des Wohlstandes, das festliche, zarte Stoffgewebe, das samtige, weiche, auch natürlich der Zettelflor der Notizblättchen im Schoß und die Trauer nicht zu vergessen. Aus üppiger Fülle heraus schüttelt sie die Erinnerungen, den Liebling, den sie aus diesem Satzgewebe heraus sichtbar und erfahrbar werden lässt. Einen Liebling schütteln heißt aber auch, ihn geschmeidig machen wollen, etwas aus ihm herausschütteln, ihm etwas Unbekanntes entlocken. Und natürlich die Schrift auf dem Kinderfoto »und ich schüttelte einen Liebling« – die Alltagsvariante.

Friederike Mayröcker schüttelt jedes Wort, jeden Satz durch, bis sie sich alles, was von ihm ausgehen kann, einverleibt hat und bis sie die Geheimnisse der möglichen Bedeutungen und ihre eigenen inneren Beziehungen dazu umkreist und ausgekostet hat.

Fünfzehnmal zäsiert dieses Leitmotiv den Text auf seinen 140 Seiten. Andere Motive kehren wieder und bieten feste Assoziationsknotenpunkte im immer wechselnden Kontext, der die Poesie dieser Bilder schüttelt und unterschiedlich zum Klingen bringt. Wie etwa die »Lichtmütze« des Freundes, wenn er wie eine Erscheinung aus dem Jenseits auftaucht. Wie seine »Flechtschuhe«, die sie beide liebten, weil sie das Wort »Flechtschuhe« liebten.

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