Roman Die heilige Kuh siegt
Martin Mosebach hat einen Roman voll poetischer Ironie geschrieben
Es wäre grundfalsch, den Schriftsteller Martin Mosebach einen Verächter der Moderne zu nennen. Verachtung kann niemals das rechte Wort sein für diese genaue, detailbesessene, über jeden zeitgenössischen Unfug geradezu entzückte Beschreibung unserer Gegenwart. Niemals ist das Frankfurter Bahnhofsviertel mit seinen fragilen Existenzen zwischen Illegalität und bürgerlicher Erwerbshoffnung so liebevoll beschrieben worden wie in seinem Roman (2000). Wahrscheinlich ist seit den französischen Naturalisten, seit Emile Zola und Joris-Karl Huysmans, überhaupt nie wieder ein großstädtischer Sumpf so mitleidend und mitlebend, so bar jeder Überhebung nachgeschaffen worden.
Mosebach bezieht den satirischen Witz und sentimentalen Verfremdungseffekt seiner Prosa aber nicht aus der Gesellschaftskritik der Moderne, sondern daraus, dass er umgekehrt der Moderne gerade diese kritische Selbstverständlichkeit bestreitet. Sozialer Fortschritt, Emanzipation, Technik, Aufklärung, Wissenschaft – an nichts von alledem, woraus die Moderne ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber der Vergangenheit bezieht, glaubt Mosebach. Naheliegenderweise glaubt er auch an keine Überlegenheit des Westens über die Dritte Welt, in Sonderheit nicht über die alten welkenden Hochkulturen des Orients.
Im Mittelpunkt seines neuen Romans Das Beben, der von Frankfurt nach Indien und zurück führt, steht eine Betrachtung über die heilige Kuh, die sich unübersehbar allem Fortschritt des Subkontinents in den Weg stellt. Es ist zugleich eine Betrachtung über das Heilige an und für sich, also über das, was erst recht in der westlichen Zivilisation nur stören kann. »Ich sehe die heilige Kuh auf einer viel befahrenen Autobahn zwischen Köln und Frankfurt liegen und eine Bild- Zeitung fressen. Ich sehe unsere beliebtesten und darum hassenswertesten Fernsehgesprächsrunden, durch die gemächlich die heilige Kuh schreitet, ein Manuskript des Moderators kauend und eine halbe Stunde lang vor der Linse der Kamera verweilend…«
Geläufiger Meinung zufolge ist das Heilige von unserer Zivilisation entzaubert worden. In Mosebachs Gedankenexperiment, das die indische Kuh versuchsweise nach Deutschland versetzt, verhält es sich umgekehrt. Das Heilige, wenn es denn wieder aufträte, würde unsere Zivilisation entzaubern. »Nur sehr wenig in unserer Welt würde der Gegenwart der heiligen Kuh standhalten. Es liegt im Vermögen der Heiligkeit, durch bloße Anwesenheit die richtige Rangfolge herzustellen oder wiederherzustellen.«
Im reaktionären Paradies eines indischen Scheinkönigtums
Es wäre jedoch abermals falsch, zu glauben, dass Mosebach für seine Kritik des Westens eine naive Ursprünglichkeit des Orients konstruierte. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt des ehemaligen indischen Kleinfürstentums, in die es seinen Frankfurter Helden verschlägt, ist weder naiv noch ursprünglich, sie ist von traditionsstolzer und unmäßiger Kompliziertheit. Sie ist auch keinesfalls dagegen gefeit, von demselben Virus befallen und schließlich zerstört zu werden, der auch das christliche Abendland profaniert hat. Zu dem befremdenden Stolz und zu der Fragilität dieser Welt gehört vor allem die beharrliche Realitätsverdrängung des eigentlich längst abgesetzten Königs, der nach wie vor an der inneren Wahrheit seiner Herrschaft festhält. Es ist eine Lüge – aber gleichzeitig von einer Anmut der Haltung, die den Besucher aus dem Westen betört.
Was den Helden, der vor seiner treulosen Frankfurter Geliebten nach Indien geflohen ist, aber noch mehr fasziniert, sind die durch einen bloßen Willensakt behaupteten Selbstverständlichkeiten des Fürstenhofs, die den Selbstverständlichkeiten der westlichen Gesellschaft Hohn sprechen. Der Monarch ist sozusagen das weltliche Gegenstück zur heiligen Kuh. Von dem trotzigen Anachronismus des Königs geht eine Relativierung aller demokratischen Üblichkeiten aus, in gewisser Hinsicht werden sogar die Frankfurter Liebesleiden des Helden relativiert. Solange der Fürst, wie er es in weitschweifigen Reden gerne tut, an der Überlegenheit der Monarchie festhält, ist auch gegen die demokratische Freizügigkeit der untreuen Frau ein Kraut gewachsen. Es wird, wie jede tiefere psychologische Wahrheit, in diesem Roman nicht ausgesprochen, aber der Aufenthalt in dem reaktionären Paradies des indischen Scheinkönigtums ist Balsam für die liebeskranke Seele des Helden.
Wer Mosebach kennt, wird in den politischen Betrachtungen dieses verletzten Mannes mühelos einen ganzen Blütenstrauß der polemischen Ansichten wiedererkennen, die auch der Autor teilt. Der antimoderne, wenn nicht antidemokratische Affekt, die Trauer um eine aller Tradition entleerte Gesellschaft, das Entsetzen über den gewalttätigen Zugriff der Architektur auf das urbane Erbe, nicht zuletzt auch der Ekel an einer Halbwelt von Künstlern, deren Geschäftssinn den Kunstsinn bei weitem übersteigt (es gibt als Intarsie eine überwältigend boshafte Hundertwasser-Satire in dem Buch) – das alles sind typisch Mosebachsche Motive. Aber niemals hat ein Autor seinen eigenen Gedankenkosmos einer so ironischen Brechung zugeführt, wie es hier zum Ende dieses Romans geschieht.
- Datum 29.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
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Zunächst einmal, lieber rezensent, hat die detailgenauigkeit
des romans ihre grenzen: auf den ersten ca. einhundert seiten muß es statt "kacheln" - gibt´s nur am ofen - stets
"fliesen" heißen. Der architekt-protagonist sollte dieses
wissen.
Auch, daß ein geruch - fledermauskot - nicht zu "beschrei-
ben" sei, läßt den leser stutzen. Das olfaktorische vermögen
gehört wie die geschmacksempfindung zu den niederen sinnen.Anders als das sehen, hören und fühlen sind diese
nicht besonders differenzierend und lassen kaum deut-
liche unterscheidungen bzw. begriffliche fixierung zu.Wir
unterscheiden sie nur nach den einzelnen stoffen, durch die
sie verursacht werden und wählen auch die zuordnung
danach, z.b. "erdiger" geruch. Der autor steht bei der
"beschreibung" also vor einer schwierigen aufgabe. Löst er
sie, gewinnt er uns, ansonsten nicht.Die wiederholung der
aufgabenstellung ist an sich nicht überzeugend; allerdings
schärft sie - begleiteffekt - das nachdenken des lesers
über seine geruchsempfindungen. Hier könnte der autor
den letzteren zu vielfältigen sinnesabenteuern mitnehmen,
z.b. zu der entdeckung, daß links und rechts verschiedene
gerüche gleichzeitig empfunden werden können ...
Ich will nicht verkennen, daß mosebach manches in dieser
richtung gelingt, nachdem er die resignative fragestellung
fallengelassen hat. Wer immer strebend sich bemüht ...
Lieber rezensent, es " changiert" noch viel mehr, als Du
es bemerkt hast. Neben hundertwasser gibt es auch anklänge
an heller zu entdecken. Der minister ist wohl nicht nur
joschka fischer, sondern womöglich zugleich
- "horst-eberhard" - der psychologe richter, wegen des exotischen vornamens seines sohnes vielleicht auch noch
rudi dutschke oder gar - großbürgerliche herkunft - otto
schily."Ivan schmidt" läßt an schmitz ( ettore = italo svevo ) denken, wegen der eifersucht auch noch an prezioso
und andere joyceana wie die zentrale bedeutung der geliebten frau für das werk, oder geht die phantasie hier mit mir durch ? Denkbar ist immerhin, daß der autor gerade
letzteres will.
"Einmal lebt ich wie götter ... ", ist´s das?
Ich werde nochmals in dem buch lesen. Es muß ja nicht alles
talmi sein, was glänzt.
trench
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