VIERTE FRAGE Warum machen Taschen reich?

Mit Handtaschen verdienen die großen Designer heute mehr als mit Kleidung. Aus einer schönen Nebensache wurde das neue Statussymbol

Es war im Frühjahr in Paris, das Label Louis Vuitton hatte gerade seine Winterkollektion präsentiert, und Chefdesigner Marc Jacobs sprach über die neue Bedeutung der Handtaschen – jede, sagte er, sei gearbeitet wie ein Couturekleid. Jacobs stand neben dem Tisch, auf den die Models die Handtaschen gelegt hatten, zu einem Haufen aus Leder und ein wenig Fell in Mauve und Moosgrün. Jede einzelne war komplex konstruiert und für den Betrachter saisongenau datierbar, wie die Kleider: Winter 2005/06.

Als Louis Vuitton 1998 erstmals Prêt-à-porter zeigte, war eine einzige Tasche auf dem Laufsteg zu sehen. In dieser Saison waren es 41. Er habe seine Meinung geändert, sagte Jacobs unlängst der Vogue. Eine Tasche mache ein Outfit »glaubwürdig« – und im Übrigen interessierten Bernard Arnault, den Präsidenten des französischen Luxuskonzerns LVMH, zu dem Louis Vuitton gehört, am Ende seiner montäglichen Visite im Atelier eigentlich nur eines: die Taschen. Dass Taschen das Hauptgeschäft für Louis Vuitton sind, mag nicht überraschen, schließlich hat sein Erfolg mit Reisegepäck begonnen. Doch auch für ein Modehaus wie Dior ist »das Taschengeschäft heute das Wichtigste«, wie Dior-Geschäftsführer Claus-Dietrich Lahrs sagt. Das deutsche Modehaus Boss führte ebenfalls eine Taschenlinie ein und eröffnete im September gleich zwei Accessoires-Shops, in Frankfurt und Amsterdam. 60 weitere sollen im kommenden Jahr folgen. Die französische Luxusfirma Céline macht laut ihres Präsidenten Jean Marc Loubier über 50 Prozent des Umsatzes mit Taschen, in den letzten drei Jahren habe sich der Taschenverkauf verdoppelt. Als Frida Giannini bei Gucci jüngst von der Accessoire-Designerin zur Kreativchefin aufstieg, hieß es, sie habe mit der Accessoire-Linie 86 Prozent des Modeumsatzes gemacht, nicht zuletzt mit Taschen.

Anzeige

Kaum eine Anzeige, die die Tasche nicht suggestiv, als kleinen Schrein, im Vordergrund platzierte. Sie wird umschlungen, schwingt am ausgestreckten Arm, oder ein Gesicht schmiegt sich an sie, etwa Uma Thurmans Gesicht an die neue Tasche von Louis Vuitton. Dort läuft das Taschengeschäft bestens, das Unternehmen wächst zweistellig. Man hat einiges dafür getan. Künstler wurden beauftragt, das Logo saisonal zu verändern. Der japanische Pop-Künstler Takashi Murakami ersetzte das traditionelle Beige-Braun von Louis Vuitton durch bunte Designs – gerade als die Fälschungen begannen, lästig zu werden. Im Sommer kam das Kirschblüten-Motiv, im Sommer 2005 kamen die Kirschen selbst, all das in limitierter Auflage, präsentiert auf den Schauen. Wartelisten waren die Folge, noch bevor die erste Tasche ausgeliefert war. Die Tasche wurde Saisonobjekt.

Es gab Zeiten, da war eine Tasche passend, wenn sie sich dezent in die Gesamterscheinung fügte; »früher« also, sagt Peter Paul Polte, der Chefredakteur der Zeitschrift TextilWirtschaft, »als die Mutter zwei Taschen besaß: eine für gut und eine für schlecht«. Man sprach von »der Linie«. Wer heute von der Mode spricht, sagt: »Styling« und meint die mitunter gewagte Komposition der Einzelteile. Das moderne Outfit ist nicht geschlossen, sondern assoziationsreich und möglichst komplex – wie die Persönlichkeit eben, die sie zu kommunizieren verspricht. Mix and Match, das ist die Kombination aus Prada und H&M, aus letzter Saison, Vintage und aktueller Kollektion. Das Zara-Kostüm und die Chanel-Tasche: Umgekehrt funktioniert es nicht. Man spielt ein Outfit mit kleinen Beigaben hoch oder herunter, ins Elegante oder ins Nachlässige oder einfach in eine höhere Preisklasse. Soll die Tasche doch die Erscheinung dominieren.

Die aktuellen Taschen sind komponiert wie die Outfits selbst, eine Materialmelange aus Mohair und safranfarbenem Schlangenleder, Chinchilla, Denim und jeder Menge Metall. Oder aber sie sind schlicht wie die Taschen von damals, den Klassikern gleich wie die neuen flachen Rahmentaschen von Prada oder die Krokotaschen von Boss. Man sucht die Archive auf: Bei Gucci hat Frida Giannini für die Kollektion »La Pelle Guccissima« das traditionelle Trensenmotiv wiederbelebt. Chanel legt zum 50. Jubiläum die »2.55« im Original wieder auf, eine Stepptasche mit Silberkette und rechteckiger Silberschließe, die Coco Chanel im Februar 1955 entwarf. Diskret wie damals fehlt der Tasche das große silberne »CC«. Nur heute gibt es sie auch im Laptopformat. Eine andere neue Linie ist die »New Mademoiselle«, angelehnt an einen Entwurf aus den sechziger Jahren. Und Céline hat es gar geschafft, vor drei Jahren eine Tasche als »Klassiker« zu lancieren, die sich dann tatsächlich als Klassiker etabliert hat. Seither erfährt diese »Boogie-Bag«, eine offene, rechteckige Ledertasche mit kurzen Griffen, eine »ständige Reinterpretation« – was den Einsatz von Lammfell ebenso einschließt wie das Aufbringen von gestößeltem Lapislazuli.

Was die Tasche in Sachen Distinktion so handlich macht, ist ihre Erkennbarkeit. Die Tasche ist das einzige Modeutensil, das großflächige Emblematik verzeiht, ganz so, als sei der Logoprint nichts als ein Muster. Im besten Fall vermittelt sie Stilsicherheit. Im schlechteren Fall den Wunsch danach. Und gerade, als der Begriff des Originals fast schon aus der Mode gekommen ist – H&M ist als Komponente akzeptiert –, bringt die Tasche ihn wieder hinein. Schwingt nicht in jeder Hermès-Kelly-Bag das Jahr 1956 mit, als die Tasche, dem Cover der Zeitschrift Life gedankt, seinen neuen Namen bekam? Dort war Grace Kelly, gerade verlobt, mit ihr zu sehen, und zahllose Damen fragten daraufhin bei Hermès nach der Kelly-Bag.

Die Tasche passt immer, da ist die Figur nie im Weg, weswegen sich eine Tasche leichter verkauft und die japanischen Touristinnen wildfremde Strohfrauen in französische Louis-Vuitton-Filialen schicken können, wo sie selbst nur eine einzige Tasche erwerben dürfen. Die Taschen sind in Europa günstiger als in Japan, die Kaufbeschränkung soll private Exporte in großem Stil und damit einen Parallelmarkt ausschließen. Der Anteil von Taschen am Gesamtumsatz ist im asiatischen Markt besonders hoch. Die Japanerinnen, heißt es, können alle Modelle benennen und erkennen Fälschungen sofort. Ursprünglich wurde das Monogramm aus Initialen und Blumen, das heute überall zu finden ist, bei Louis Vuitton entwickelt, um vor Fälschungen zu schützen. Tatsächlich macht das Muster die Fakes besonders leicht: Weil jeder erkennen kann, was gemeint ist.

Die Kopie der Markentasche ist verbreitet wie die Markentasche selbst. Hermès klagte dagegen, mit wechselndem Erfolg. Die Merkmale der Kelly-Bag, der die Tasche wie ein Gürtel umschließende Lederriemen mit der Silberschließe und die dreigeteilte Lederklappe, kennzeichneten nur mehr eine »Gattung von Handtaschen«, hieß es in der Abweisung einer Klage. Sammlerinnen dürften das anders sehen, für sie gibt es die echte Kelly auf jeden Fall. Die Klassiker, die Taschen von damals, erinnern daran, was die Mode einmal gewesen ist. Der Weg zur Eleganz, das war ja nicht weniger als das große Fortschrittsversprechen: einen modernen Typ zu verkörpern, auf der Höhe der Zeit zu sein und ihrem Geist ganz nah. Die Sache mit den must-haves, den wichtigsten Taschen der Saison, ist heute deshalb so öde, weil sie keine Versprechen mehr bereithalten. Sie verweisen auf nichts als die Celebrity, die sie am Arm trägt. Was hier für den Konsumenten abfallen kann, ist allenfalls der Glitter des besseren Lebens, das sich anderswo vollzieht.

Doch die Tasche ist ja nicht weniger Gebrauchsobjekt, je mehr sie in der Mode ist – im Gegenteil. Der Laptop und die Notizen, das Mobiltelefon und die Ersatzunterwäsche: Sie alle wollen untergebracht sein. Ein Stadtbewohner ohne Tasche ist undenkbar. Die Tasche ist sein mobiles Zuhause. In diversen Unterteilungen kommt die Komplexität der Existenz mehr oder minder überschaubar zusammen. Auch das verleiht der Tasche ihren Reiz: die Spannung zwischen der heillosen Intimität des Inneren und der seriösen Contenance ihrer Erscheinung. Weil die perfekte Tasche unerreicht ist, weil immer etwas fehlt – Fächer, Innentaschen, Platz –, hat Céline für die Taschenkollektion »Les Parisiennes« eine Schriftstellerin, eine Kuratorin und eine Fotografin gebeten, mit den Designern des Hauses ihre jeweils ideale Tasche zu entwerfen. Es sind ideale Kuratorinnen-, Schriftstellerinnen- und Fotografinnentaschen. Mit Platz für Bücher, Objektive oder diverse Landeswährungen. Und »Le sac de Pamela«, die Kuratorinnen-Tasche, hält noch etwas anderes bereit, was sie zur fast perfekten Tasche macht: eine kleinere, gesteppte und herausnehmbare Abendtasche.

Fotografin: Tina Tahir
Stylistin: Olivia Pomp
Make up: Lorenzo Zavatta
Model: Carly Taylor/Take 2
Fotoassistent: Pedro Alvarez
Assistentin der Stylistin: Cat Stirling

 
Leser-Kommentare
    • _Lina
    • 16.03.2008 um 14:37 Uhr

    Wie beschrieben, eine Tasche kann ein Outfit hoch, oder runterspielen. Jedoch bin ich nicht der Meinung, dass eine Tasche, die nicht gerade von Channel ist, ein Outfit unbedingt herrunterspielt. Auch wenn es keine Channeltasche ist, sondern eine vom H&M, Zara oder C&A, kann diese das Outfit hochspielen. Meiner Meinung nach gibt es in jeder Preisklasse edle, stilvolle Taschen und dazu muss sie nicht von unbedingt von Prada sein. Ich - Schuelerin, besitze keine einzige Markentasche und dennoch denke ich nicht, dass ich schlecht gekleidet bin, bzw dass ich keine Taschen besitze, die ein Outfit edler gestalten können.

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