VIERTE FRAGE Warum machen Taschen reich?Seite 2/2

Was die Tasche in Sachen Distinktion so handlich macht, ist ihre Erkennbarkeit. Die Tasche ist das einzige Modeutensil, das großflächige Emblematik verzeiht, ganz so, als sei der Logoprint nichts als ein Muster. Im besten Fall vermittelt sie Stilsicherheit. Im schlechteren Fall den Wunsch danach. Und gerade, als der Begriff des Originals fast schon aus der Mode gekommen ist – H&M ist als Komponente akzeptiert –, bringt die Tasche ihn wieder hinein. Schwingt nicht in jeder Hermès-Kelly-Bag das Jahr 1956 mit, als die Tasche, dem Cover der Zeitschrift Life gedankt, seinen neuen Namen bekam? Dort war Grace Kelly, gerade verlobt, mit ihr zu sehen, und zahllose Damen fragten daraufhin bei Hermès nach der Kelly-Bag.

Die Tasche passt immer, da ist die Figur nie im Weg, weswegen sich eine Tasche leichter verkauft und die japanischen Touristinnen wildfremde Strohfrauen in französische Louis-Vuitton-Filialen schicken können, wo sie selbst nur eine einzige Tasche erwerben dürfen. Die Taschen sind in Europa günstiger als in Japan, die Kaufbeschränkung soll private Exporte in großem Stil und damit einen Parallelmarkt ausschließen. Der Anteil von Taschen am Gesamtumsatz ist im asiatischen Markt besonders hoch. Die Japanerinnen, heißt es, können alle Modelle benennen und erkennen Fälschungen sofort. Ursprünglich wurde das Monogramm aus Initialen und Blumen, das heute überall zu finden ist, bei Louis Vuitton entwickelt, um vor Fälschungen zu schützen. Tatsächlich macht das Muster die Fakes besonders leicht: Weil jeder erkennen kann, was gemeint ist.

Die Kopie der Markentasche ist verbreitet wie die Markentasche selbst. Hermès klagte dagegen, mit wechselndem Erfolg. Die Merkmale der Kelly-Bag, der die Tasche wie ein Gürtel umschließende Lederriemen mit der Silberschließe und die dreigeteilte Lederklappe, kennzeichneten nur mehr eine »Gattung von Handtaschen«, hieß es in der Abweisung einer Klage. Sammlerinnen dürften das anders sehen, für sie gibt es die echte Kelly auf jeden Fall. Die Klassiker, die Taschen von damals, erinnern daran, was die Mode einmal gewesen ist. Der Weg zur Eleganz, das war ja nicht weniger als das große Fortschrittsversprechen: einen modernen Typ zu verkörpern, auf der Höhe der Zeit zu sein und ihrem Geist ganz nah. Die Sache mit den must-haves, den wichtigsten Taschen der Saison, ist heute deshalb so öde, weil sie keine Versprechen mehr bereithalten. Sie verweisen auf nichts als die Celebrity, die sie am Arm trägt. Was hier für den Konsumenten abfallen kann, ist allenfalls der Glitter des besseren Lebens, das sich anderswo vollzieht.

Doch die Tasche ist ja nicht weniger Gebrauchsobjekt, je mehr sie in der Mode ist – im Gegenteil. Der Laptop und die Notizen, das Mobiltelefon und die Ersatzunterwäsche: Sie alle wollen untergebracht sein. Ein Stadtbewohner ohne Tasche ist undenkbar. Die Tasche ist sein mobiles Zuhause. In diversen Unterteilungen kommt die Komplexität der Existenz mehr oder minder überschaubar zusammen. Auch das verleiht der Tasche ihren Reiz: die Spannung zwischen der heillosen Intimität des Inneren und der seriösen Contenance ihrer Erscheinung. Weil die perfekte Tasche unerreicht ist, weil immer etwas fehlt – Fächer, Innentaschen, Platz –, hat Céline für die Taschenkollektion »Les Parisiennes« eine Schriftstellerin, eine Kuratorin und eine Fotografin gebeten, mit den Designern des Hauses ihre jeweils ideale Tasche zu entwerfen. Es sind ideale Kuratorinnen-, Schriftstellerinnen- und Fotografinnentaschen. Mit Platz für Bücher, Objektive oder diverse Landeswährungen. Und »Le sac de Pamela«, die Kuratorinnen-Tasche, hält noch etwas anderes bereit, was sie zur fast perfekten Tasche macht: eine kleinere, gesteppte und herausnehmbare Abendtasche.

Fotografin: Tina Tahir
Stylistin: Olivia Pomp
Make up: Lorenzo Zavatta
Model: Carly Taylor/Take 2
Fotoassistent: Pedro Alvarez
Assistentin der Stylistin: Cat Stirling

 
Leser-Kommentare
    • _Lina
    • 16.03.2008 um 14:37 Uhr

    Wie beschrieben, eine Tasche kann ein Outfit hoch, oder runterspielen. Jedoch bin ich nicht der Meinung, dass eine Tasche, die nicht gerade von Channel ist, ein Outfit unbedingt herrunterspielt. Auch wenn es keine Channeltasche ist, sondern eine vom H&M, Zara oder C&A, kann diese das Outfit hochspielen. Meiner Meinung nach gibt es in jeder Preisklasse edle, stilvolle Taschen und dazu muss sie nicht von unbedingt von Prada sein. Ich - Schuelerin, besitze keine einzige Markentasche und dennoch denke ich nicht, dass ich schlecht gekleidet bin, bzw dass ich keine Taschen besitze, die ein Outfit edler gestalten können.

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