FÜNFTE FRAGE Wie klaut man schneller als andere?
Ein spanischer Konzern kopiert internationale Designermode am erfolgreichsten
Am Zaun ist erst mal Schluss. Die Schranke fährt herunter. Von hier an kümmert sich das Sicherheitspersonal um die Besucher, lässt sie in einem dunklen Mercedes Platz nehmen. So passieren sie die Sperre, rollen durch eine golfplatzartige Rasenfläche zum Hauptgebäude und tauchen ab in die Tiefgarage. Der Chauffeur stoppt vor einer Feuertür. Im Aufzug dahinter gibt es nur einen Knopf. Automatisch landet man beim Empfang. »No pasar«, nicht eintreten, warnen die Türen ringsum.
Ein wenig beklemmend ist die Prozedur, wie auf einem Militärgelände oder in einem hochsensiblen Forschungslabor. Aber niemand hier trägt Uniform. Auch wird hier nichts erfunden – eher abgekupfert. Und der Mann, der über das weiträumige Industriegebiet nahe der galicischen Hafenstadt La Coruña gebietet, ist kein General oder Staatspräsident. Hier ist das Reich des Amancio Ortega. Von hier aus regiert der Gründer von Zara und reichste Mann Spaniens seinen Konzern: die sich rasant ausbreitende Modekette Zara mit 25.000 Mitarbeitern und 11.000 neuen Kleidungsstücken Jahr für Jahr.
Die Sicherheitsvorkehrungen in der Zentrale passen so gar nicht zum Image des spanischen Unternehmens. Zara steht für jung, trendy, schick. Vor 30 Jahren hat Señor Ortega seinen ersten Laden eröffnet. Heute ist Zara weltweit die Nummer drei der Bekleidungsketten (nach Gap und H&M) mit knapp 800 Läden in 60 Ländern. Jeden dritten Tag öffnet irgendwo ein neuer Laden. Ob in Kuala Lumpur, Konstanz, Hongkong oder Riga.
Kein Teil hängt länger als vier Wochen im Laden
Zara trägt jeder, modebewusste Teenies und elegante Geschäftsfrauen genauso wie Stars und Sternchen. Eine Victoria Beckham oder Kronprinzessin Victoria von Schweden bummelt gern mit der Zara-Tüte in der Hand nach nebenan – zu Versace oder Gucci. Und dort entdeckt sie manchmal das eine oder andere Stück, dem das in ihrer Zara-Tüte verdammt ähnelt – zumindest bis zum ersten Waschen. Dafür hat es aber auch nur ein Zehntel gekostet.
Schnell kopiert und zum Spottpreis verkauft – diese Zara nachgesagte Masche ärgert deren exklusive Nachbarn auf den Shoppingmeilen. »Ideenklau gehört seit je zur Mode. Aber heute weiß niemand mehr, wer Erfinder und wer Kopierer ist«, schimpft Didier Grumbach, Präsident der Kammer der Pariser Modeschöpfer. Der Grund: Ketten wie Zara, H&M, Gap oder Mango sind so schnell, dass sie die jüngsten Kreationen noch vor den Designern selbst im Laden haben.
Und niemand ist schneller als Zara. Geschwindigkeit ist das Geschäftsprinzip der Spanier. »Mit Mode verhält es sich wie mit Jogurt. Beide haben ein Verfallsdatum«, sagt José María Castellano, Stellvertreter des Señor Ortega. Was heute angesagt ist, kann in einem Monat ein Ladenhüter sein.
- Datum 22.01.2009 - 12:02 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
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