Nur wer sich weigert, begreift es nicht: Alle Organismen der Erde sind aus sehr kleinen früheren Vorfahren entstanden. 3,8 Milliarden Jahre dauert der Prozess schon an. An dessen Anfang stand ein Urbakterium. Aus frühen Einzellern entwickelten sich komplexere, oft bizarre vielzellige Wesen. Die Ahnengalerie ist lang, 99 Prozent der Arten sind nicht mehr auf der Welt: Tyrannosaurus rex, Sahelanthropus tschadensis und auch Dodo und Tasmanischer Beutelwolf haben sich verabschiedet. Noch unter uns sind Nacktschnecke, Stechmücke und Steinpilz – alles Verwandte. Jeder hat einen Stammbaum, dessen Anfang die Urbakterien bilden. Durch zufällige Mutationen in den Genen, Schrittchen für Schrittchen, sind aus Primitivlingen komplexe Kreaturen entstanden. BILD

Lange sprach man im Zusammenhang mit solchen Erklärungen von der Evolutionstheorie. Diese Einschätzung ist überholt. Die Abfolge ist dermaßen einleuchtend, dass der Anfang des Jahres verstorbene Biologe Ernst Mayr in seinem Buch Das ist Evolution anmerkte: "Heute ist es eigentlich irreführend, die Evolution als Theorie zu bezeichnen, nachdem man in den letzten 140 Jahren so umfangreiche Beweise für ihr Vorhandensein entdeckt hat. Evolution ist keine Theorie mehr, sondern schlechterdings eine Tatsache."

Und doch steht man staunend vor einer Vitrine, wie sie jetzt im Deutschen Hygiene-Museum zu sehen ist. Der Raum hinter Glas ist voller Skelettteile: Die Vorderbeinknochen von Przewalskipferd, Schaf, Hund, Pinselohrschwein und Tiger. Hier das rechte Bein eines Straußes, da das Hinterbein eines Mississippi-Alligators. Ein Menschenarm. Alle gleichen sich. Sogar das Elefantengebein sieht gar nicht so anders aus als die Kollektion der Knöchelchen eines Flughundes.

Die neue Dresdener Sonderausstellung Evolution. Wege des Lebens spielt in jeder Ecke mit den Überraschungen, die Verwandtschaften bieten. Bei den Caniden werden die Unterschiede der Brüder betont, deren Wege sich erst vor 15000 Jahren zu trennen begannen – ein drahtiger Windhund, ein dicker Lawinenhund und ein klumpiger Geiferspender umrahmen den Urahn Wolf. Bei Primaten und Hominiden steht dagegen provokativ die Nähe im Zentrum: Ein ausgestopfter Gorilla posiert vor den achtzig Jahre alten Gipsfiguren Heinrich ter Meers, der unsere äffischen Vettern so zeigte, als hätten sie denkend im alten Griechenland agiert.

Dank ihrer Wärmedämmung kamen die Vögel zum Fliegen

Vielfältig sind die Bereiche, in denen Evolution stattfindet. Die Projektleiterin Colleen M. Schmitz hofft, dass am Ende jeder ein paar Antworten auf die Frage gefunden hat, die eingangs den Besucher auf die Reise schickt: "Warum ist das Leben auf der Erde, wie es ist?"

Es ist so, weil aus lichtempfindlichen Zellen viele spezialisierte Augentypen geworden sind. Weil die Vögel dank ihrer Wärmedämmung (mittels Federn!) zum Fliegen kamen. Weil sich unter den frühesten Landwirbeltieren ein Fünfzeher ganz besonders geschickt durch das Leben schlug. Aber auch, weil Kultur, Sprache und Sozialverhalten entstanden und der Mensch in der Evolution eine gestalterische Rolle übernahm, indem er jagte, Naturräume zerstörte, seltsames Getier und Golden Rice züchtete oder Kreaturen von einem Winkel der Welt in einen anderen schleppte – die riesige ostasiatische Kamtschatkakrabbe frisst sich heute in der Nordsee voll. Sogar das evolutive Treiben der Einzeller prägt der Mensch mit. Als Flugpassagier umrundete das Sars-Virus in kurzer Zeit die Erde. Der maßlose Einsatz von Antibiotika fördert die Entstehung resistenter Keime. Auch die Vogelgrippe gedeiht durch unser Zutun: Weil Mensch und Tier zusammenleben, springen Keime leicht auf neue Arten über.

Es sind viele Fragen, die sich auftun – und die beantwortet werden. Was haben wir mit der Hefe gemeinsam? Warum haben wir Muskeln zum Ohrenwackeln? Was sind Hox-Gene? Alles Evolution! Umherstehende Computer führen einen weit hinein in originelle Überlegungen. Am augenfälligsten aber sind jene Exponate, die in Dresden nach dem Prinzip der Wunderkammer präsentiert werden: Tierische Protze wie Trappen-Männchen, Pfau und Altai-Wapiti, aber auch Frosch, Kröte und Unke mit akustischen Kraftmeiereien zeigen, dass Entwicklung viel mit Werbung zu tun hat – jeder eitle Bock beabsichtigt, die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben.