Drei, zwei, eins – meins. Auf der Leinwand leuchtet eine eBay-Seite auf, Lachen schallt durch den Hörsaal des Tübinger Uniklinikums. Am Pult steht Nipam Patel , Entwicklungsbiologe von der University of California in Berkeley. Er ist Grundlagenforscher und von der kommerziellen Verwertung seiner Arbeit so weit entfernt wie die Evolutionstheorie vom Schöpfungsglauben. Dennoch hat Patel ein hohes berufliches Interesse an Internet-Auktionen. Bei eBay findet er seine Forschungsobjekte: Schmetterlinge. Sehr seltene Schmetterlinge. Der Biologe sucht gynandromorphe Tiere – Scheinzwitter. Die werden bei eBay versteigert und bringen 1400 Dollar und mehr. »Mich kostet das gar nichts«, sagt der Amerikaner lächelnd. »Ich brauche nur die Bilder.«

Auf ihnen wird augenfällig, wo weibliches und wo männliches Erbgut aktiv ist. Mancher Falter trägt auf der einen Seite einen prachtvoll gemusterten männlichen Flügel, auf der anderen die schlichte weibliche Variante. Solche Exemplare sind bei Sammlern beliebt. Patel findet jene Tiere spannender, bei denen sich die Geschlechtergrenze mitten durch den Flügel zieht. Das Muster gibt Auskunft über Hierarchien im Erbgut. Es zeigt, wo das übergeordnete genetische Programm männliche Gene aktiviert hat, wo weibliche.

Entwicklungsbiologen fahnden im Internet nach seltsamen Spezies

Nipam Patel ist Mitbegründer von Evodevo, Evolution and development , einer Synthese aus Darwins Ideen und den Erkenntnissen der Entwicklungsbiologie. Die Ansätze könnten unterschiedlicher kaum sein. Charles Darwin, der mit der HMS Beagle über die Weltmeere fuhr, richtete seinen Blick vom Organismus auf die Umwelt. Die verschiedenen Schnabelformen der von ihm untersuchten Finken erklärte er damit, dass sie unterschiedliche Nahrung knacken. Patel, dem zur Beobachtung seiner Forschungsobjekte allerdings nur selten ein Mausklick genügt, blickt unter die Oberfläche der Lebewesen. Die unterschiedlichen Muster seiner Schmetterlinge erklärt er mit Entwicklungsprogrammen im Erbgut, die Dutzende von Genen ein- oder ausschalten.

Seine Ergebnisse präsentiert Patel vor der Elite der Entwicklungsbiologie, die sich auf dem Tübinger Schnarrenberg versammelt hat. Oxford und Cambridge sind vertreten, Stanford und Princeton. Sie seien, sagen die Forscher, gern gekommen an diesen legendären Ort. Hier, in der Schlossküche, wurde die Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure erstmals isoliert. Hier, im botanischen Garten, wurden Mendels in Vergessenheit geratene Regeln wiederentdeckt. Hier steht das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. Hier wird Evolution erforscht, wie sie die Forscher heute verstehen, als Ergebnis vieler kleiner Schritte, einer Vielzahl von Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen.

Bei Patels Lieblingsschmetterlingen wird die Arbeit eines genetischen Programms sichtbar, das vorn und hinten beim Flügel definiert. Vorn werden andere Abschnitte im Erbgut aktiviert als hinten. Eine Art Chef-Gen dominiert dabei eine Vielzahl anderer Gene. Dass es solche Hierarchien der Entscheidung gibt, kann auch die Evolution komplexer Strukturen erklären. Wenn ein Chef Veränderungen bewirken will, tauscht er gern den Abteilungsleiter aus. Der Neue bringt dann viele Angestellte auf Kurs. Ähnlich mutiert mit einzelnen Genen die Aktivität vieler untergeordneter Abschnitte im Erbgut. An der Fruchtfliege Drosophila lässt sich ein solches Umschalten auf ein anderes Programm eindrucksvoll beobachten. Manchmal wachsen den Tieren Beine am Kopf, dort, wo Antennen sein sollten. Antennapedia heißt die Mutante, keine vorteilhafte übrigens.

Das Umschalten von Aktivitätsmustern als treibende Kraft der Entwicklung erklärt elegant, was Gegner der Evolutionstheorie für unerklärbar halten: Vielfalt in ihrer Komplexität. Die könne durch zufällige Mutation nicht entstanden sein, lautet das Schlüsselargument der Evolutionsgegner. Sie führen daher den Schöpfungsglauben ins Feld oder sprechen neuerdings vom »Intelligent Design«, das der Evolution ein Ziel, eine Richtung gebe. Derweil reifen in den Labors der Entwicklungsbiologen die Gegenargumente heran.

Doch zunächst ist es auch hier meist wie im wahren Leben: Viele Hierarchien sind nur schwer zu durchschauen. »Ich fühle mich manchmal wie George W. Bush, der im Nachhinein den Irak-Krieg erklären muss«, stöhnt der Genetiker Michael Levine von der University of California in Berkeley über sein Problem, die Evolution der komplexen Interaktion zu erklären.