In der alten Zeit, die einst die neue war, bewohnte der fortschrittliche Teil des deutschen Volks auf Vorschlag der Sowjetunion einen eigenen Staat: die Deutsche Demokratische Republik. Sie war ein Friedensstaat. Hierzu bedurfte sie einer Armee. Es konnte ja der Beste nicht ungeschützt in Frieden leben, wenn die Bonner Ultras ihr imperialistisches Roll-back planten. Die schimmernde Wehr der DDR hieß Nationale Volksarmee, ihr Generalissimus Heinz Hoffmann, weshalb man auch von Hoffmanns Trachtengruppe sprach. Haußmanns Schiessbudenpersonal bei der Grundausbildung BILD

Jedem DDRler, auch den Ungedienten, war die NVA innig vertraut. Ihrem Ruhm entging man nicht. Durch die Züge der Deutschen Reichsbahn wankten Säufertrupps in Uniform. In den Kneipen palaverten Männerrunden, die Armee-Geschichten tauschten: von Schikanen und perversen Spielen, von der EK-Bewegung, vom Land der drei Meere und Manövern in Kasachstan, vom Dauersuff und dass auf hundert Rekruten ein Toter komme. Oder zwei. Oder drei. Der Sound dieser Runden war ein behagliches Grölen. Der Scheiß war vorüber, man hatte Prüfungen der Manneszucht bestanden. Vielen blieb die Zeit bei der Fahne der Erzählfundus ihres Lebens.

Diesen Fundus hat Leander Haußmann, Wiederaufbereitungs-Aktivist der retrospektiven DDR, jetzt zu einem Film recycelt (Drehbuch: Thomas Brussig). Zugleich erschien eine Verschriftung in Jugendprosa, die Autor Haußmann Roman zu nennen beliebt: Junge Männer werden einberufen. Die Kaserne heißt Fidel Castro, der sensible Hauptheld Henrik Heidler, alsbald Genosse Heidler, denn auf Friedenswacht gibt’s nur Genossen und den Feind. Schon naht, noch wild behaart, Genosse Krüger, der Kompanie-Rebell. Genosse Traubewein ist der Christ, Genosse Stadelmair der Karrierist und so fort. Die Rekrutenschar spricht den Fahneneid und kreuzt hinterrücks die Finger. Abends liegt alles auf Bude, Licht aus, es erschallt der Nachtbefehl: Dass mich hier keiner wichst!

Doch es geschieht.

Aufmarsch der Vorgesetzten, Schießbudenpersonal, denn Haußmann liebt es derbe. Der Film pflegt den Schenkelhumor bayerischen Bauerntheaters, bloß ohne Komödien-Rhythmik. Dafür kommt die Filmmusik von CCR und den Rolling Stones. Armee als Karikaturenstadl. Das ist ja nicht erfunden: Psychopathen, Hassdrill, Tötungskunde, malträtierte Seelen. "Man kann sich an alles gewöhnen, außer daran, dass die Liebe fehlt." So lässt Haußmann seinen Henrik schreiben. Er lässt ihn auch das allerschönste Mädchen finden, zufällig des Obristen Töchterlein. Man liebt sich auf dem Wachturm, in zärtlicher Hüllung der Nacht. Wo solches geschieht, hat die DDR ihre Macht verloren. Abspann: "In memoriam 1949–1989."

Im Osten dürfte das schlichte Werk Zulauf finden. Es provoziert das Wiedererkennungs-Gelächter all der gewesenen Sprutze, Zwischenpisser und EK s, die sich den Magerquark mit hausgeschlachteten Erinnerungen auffetten mögen. "Von der Sonnenallee in die NVA", ruft’s von den Plakaten, Haußmann/Brussigs Millionenerfolg beschwörend. Der war 1999. Sonnenallee, Haußmanns Erstling, hatte klamaukigen Charme. Er intonierte weder Ost-Moll noch den Jammer gescheiterter Ideologie. Da waltete Selbstironie. So wie die Sonnenallee Ost- und West-Berlin verbindet, so überschritt auch der Film innerdeutsche Demarkationen. Seine DDR war Pop, nicht Partei.