Dass Frauen sich besonders gut durch Frauen vertreten fühlen, dass sie besonders gut durch Frauen vertreten werden, ist eine hoffnungsvolle Fiktion des Feminismus. Irgendwie hat diese Siebziger-Jahre-Idee den Weg in den heutigen Journalismus gefunden, und deshalb nahm in der Vor-Wahl-Berichterstattung die Herumdeuterei an der Bedeutung einer ersten deutschen Kanzlerin sehr viel Raum ein. Zu viel, wie manch ein/e JournalistIn heute selbstkritisch feststellen muss, wenn er/sie das Wahlergebnis betrachtet.

Es hat keine weibliche Massenbewegung in Richtung Angela Merkel gegeben. Nur 35 Prozent der Wählerinnen haben sich für sie entschieden - drei Prozent weniger als 2002 für Edmund Stoiber. Für das Ausbleiben des erhofften Frauen-Bonus kommen zwei Sorten von Gründen in Betracht: programmatische und emotionale. Bei übereinstimmendem oder weitgehend ähnlichem Politikangebot von CDU und SPD hätte die Chance, mit einer Regierungschefin etwas Neues auszuprobieren, der Kandidatin beim Wahlvolk wahrscheinlich genützt. Doch die Union ließ sich auf einen scharfen Richtungswahlkampf ein - Merkel selbst beschwor bei jeder Gelegenheit die tiefste Krise der Nachkriegszeit und zog daraus ihre Spar- und Streichschlüsse. Das familienpolitische Programm der CDU hingegen fiel knapp aus für eine Partei, die einst die Familie gegen die destabilisierenden Trends der Ego-Gesellschaft verteidigte. Wie junge Frauen unter den schwierigen Arbeitsmarktbedingungen Beruf, Beziehung und Kinder in Einklang bringen sollen, beantwortete es nicht. Und niemand konnte den Eindruck gewinnen, dass diese Problematik die Kandidatin übermäßig interessiere.

Emotional bot Merkel offenbar kein akzeptables Rollenmodell an: weder die warme, mütterliche Frau noch die Attraktive, die bei Männern gut ankommt - auch nicht wirklich die Karrierefrau, denn zu deren Vorbildfähigkeit gehört anscheinend, dass man ihr das Bemühen nicht so überdeutlich anmerkt. Der Kanzler hat, durch seine grobe Unhöflichkeit gegenüber Angela Merkel am Wahlabend, mobilisiert, was seiner Gegnerin selbst einzuwerben schwer fiel: Sympathie, vielleicht sogar ein wenig Frauensolidarität.