Bamberg

Gut ein Jahr ist es inzwischen her, dass sich das Bamberger Jugendamt zu jenem dramatischen Schritt entschloss, der seitdem die Gemüter erhitzt und die Gerichte beschäftigt: Es ist Anfang August, Mutter und Sohn sitzen einträchtig beim Frühstück, als ein Gerichtsvollzieher mit drei Mitarbeiterinnen des Amts und einem Dutzend Vollzugsbeamten auf der Schwelle stehen und der verdutzten Frau mitteilen, ihr sei das Sorgerecht für den neunjährigen Aeneas entzogen worden. Dann geht alles ganz schnell. Die verängstigten Großeltern werden zur Seite gedrängt, die Mutter wird im Polizeigriff abgeführt und in eine Nervenklinik verbracht. Aeneas selbst wird freilich erst nach stundenlanger Suche entdeckt - in seiner Not hatte er sich in einem Schrank versteckt. Mit einem Krankenwagen wird er anschließend zu jener Pflegefamilie gefahren, bei der er bis heute lebt. Die Mutter hat ihn seitdem nicht mehr gesehen.

Derweil steht die altehrwürdige Bischofsstadt Kopf: In der Fußgängerzone kommt es zu Kundgebungen, die sich pathetisch Schweigemärsche oder Montagsdemonstrationen nennen. Initiator ist der Arzt Julius Hellenthal, der sonst gern in der ARD-Nachmittagserbauung Fliege auftritt und auch in diesem Fall genau zu wissen glaubt, wer die Guten sind und wer die Bösen. Das allzeit sendungsbewusste Frauenmagazin Mona Lisa vom ZDF ist davon überzeugt, einem schlimmen Fall von Behördenwillkür auf der Spur zu sein, im Report der ARD sieht man es ähnlich. Am Pranger steht das Jugendamt, die Tatsachen sprechen für sich. Oder vielleicht nicht?

Da sind andererseits die Gründe, die das Jugendamt anführt. Aeneas' Mutter leide am Münchhausen-by-proxy-Syndrom, an einer psychischen Störung, die sich dadurch auszeichnet, dass Eltern absichtsvoll ihre Kinder verletzen, um bei deren Behandlung selbst Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten. Im Fall Aeneas soll die selbst an Borreliose erkrankte Mutter ihrem Kind über Monate hinweg Antibiotika verabreicht haben, weil es angeblich auch krank war. Bis schließlich in der Kinderklinik Erlangen festgestellt wurde, dass der Junge kerngesund war, sieht man einmal von den Folgen der Antibiotika-Behandlung ab. Diese stelle eine schwere Kindesmisshandlung dar, heißt es in dem Gutachten. Immer wieder hatte der Junge in der Schule gefehlt, weil seine Mutter mit ihm zu ständig neuen Ärzten unterwegs war.

Sie hat einen regelrechten Rezepte-Tourismus betrieben, heißt es nun allenthalben, nicht ohne dass dabei deutlicher Unmut gegenüber den beteiligten Medizinern artikuliert wurde. Erst der Amtsarzt im Bamberger Gesundheitsamt schöpfte Verdacht. Während eines langen Gesprächs mit der Mutter fertigte er heimlich eine Art Gutachten an - und brachte dadurch die Lawine ins Rollen. Bald beschäftigte der Fall das Amtsgericht, freilich hinter verschlossenen Türen. Das ist üblich so und hat gute Gründe. Nur bewirkt es in diesem Fall, dass Justiz und Jugendamt sich seit Monaten öffentlich prügeln lassen müssen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu ihrer Verteidigung sagen zu können.

Sie werden niemanden in der Bamberger Justiz finden, der dazu auch nur ein Wort sagt, erklärt der Justizsprecher, nachdem Aeneas' Mutter seine Kollegen mit Befangenheitsanträgen überzogen hatte. Auch das Jugendamt kann nur schweigen und zu den öffentlichen Anwürfen mit den Zähnen knirschen. Wie schwer das gelegentlich fällt, lässt die presseamtliche Verlautbarung erahnen, in der die fortgesetzte Berichterstattung als aus unserer Sicht einseitig und tendenziös kritisiert wird.

Ein Ende des Dramas ist nicht in Sicht. Zwar geht es Aeneas in seiner Pflegefamilie super gut, wie er in einem seiner zusehends weniger bekümmerten Briefe schreibt, doch leidet er offenbar darunter, dass er seit mehr als einem Jahr seine Mutter nicht sehen kann. Die freilich hätte ihn längst besuchen können. Bereits im Februar gab das Gericht grünes Licht, allerdings mit der Auflage, dass zuvor ein Gespräch mit ihr stattfinden müsse. Doch die angeblich so um ihr Kind besorgte Mutter hat bislang alle Termine verstreichen lassen. Der Vater hat regelmäßig Kontakt zu seinem Sohn.