Es ist der größte Geschäftskredit der nachsowjetischen Wirtschaftsgeschichte. Er dient einem verwegenen Projekt. Mit dem geliehenen Geld will die russische Führung eine Art staatseigene Mini-Opec aufbauen: 12 Milliarden Dollar sollen westliche Banken, unter ihnen auch Dresdner Kleinwort Wasserstein, dem staatlichen Energiekoloss Gasprom leihen, damit dieser eine Dreiviertelmehrheit der privaten Ölfirma Sibneft kaufen kann. BILD

Präsident Wladimir Putin hat im Sommer mit dem Understatement des Entscheidungsmonopolisten dem "Privatgeschäft" der Firmen seinen Segen erteilt. Bereits heute kontrolliert der Staat nach einer Analyse der russischen Alfa-Bank 24 Prozent der russischen Ölproduktion, nachdem sich das Staatsunternehmen Rosneft aus der Versteigerungsmasse des zerschlagenen Yukos-Konzerns bedienen durfte. Dank Sibneft kommen weitere 15 Prozent hinzu.

Auch der russische Gasmarkt untersteht dem Kommando des Staates, der die Preise kontrolliert, um die Volksstimmung hoch und die Inflation niedrig zu halten. Gasprom, dessen Finanzabteilung bereits Präsident Boris Jelzin als Selbstbedienungsladen erschien, muss schon mal unbotmäßige Fernsehsender wie NTW oder strategische Zeitungen wie Iswestija für die bevorstehenden Wahlkämpfe in seine ökonomisch fragwürdige, dem Kreml ergebene Unterabteilung Gasprom-Media einkaufen. Seit Jahren versichern Firmensprecher so treuherzig wie ohne Folgen, das branchenfremde Geschäft gar bald abzustoßen.

Putins Strategie der Kontrolle über die Schlüsselindustrien kann Russlands ausländischen Energiekunden nicht egal sein. Deutschland bezieht etwa 40 Prozent seines Gases und 30 Prozent des Öls aus Russland. "Öl und Gas sind für Putin ein Hauptinstrument der russischen Politik", sagt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik.

Im August zum Beispiel bedeutete Russlands Außenminister Sergej Lawrow den ehemaligen Sowjetrepubliken, die bisher Gas und Öl zu Sonderrabatten beziehen, dass manche von ihnen sich auf Weltmarktpreise einstellen müssten. Vorbei sei die Zeit, da Moskau günstig Gas abgab, ohne politische oder wirtschaftliche Dividenden zu erhalten.

Der Weltmarktpreis dient jetzt als Strafe für jene Länder, die sich orangefarbenen Revolutionen hingeben oder zu sehr nach dem Westen schielen. Sogar dem slawischen Bruderstaat Weißrussland hat Gasprom im Februar 2004 schon einmal für drei Tage den Hahn abgedreht – nach "systematischen Fehlern in der inneren und äußeren Politik", wie das Moskauer Außenministerium vermerkte.

Der Gasprom-Konzern mit seinem Markenzeichen der blauen Flamme ähnelt einem Konglomerat, in dem die versprengten Teile einer sowje-tischen Planwirtschaftsbehörde zusammengeführt werden. Neben einem Fünftel der Weltgasreserven und dem Monopol auf das Pipelinenetz hält Gasprom Ölfelder in der Barentssee und vor Sachalin im Fernen Osten, Anteile in Milliardenhöhe an Stromversorgern und die Kontrollmehrheit am wichtigsten Atomunternehmen des Landes. Der energielastige Gemischtwarenladen verfehlt allerdings im sechsten Jahr sein Gasförderungsergebnis von 1999 und gilt Kritikern als eine aufgeblähte Behörde voller Misswirtschaft. Die Investmentgesellschaft Hermitage Capital Management erforscht seit Jahren, warum die Kosten bei Gasprom schneller steigen als die Einnahmen. Sie stieß zuletzt auf eine dubiose Mittelsfirma für den Einkauf von Gasrohren, die zwar Hunderte von Millionen Dollar umsetzte, sich jedoch kein eigenes Firmenschild und auffindbares Büro an ihrer offiziellen Adresse leisten konnte. Zwei Drittel des Gasprom-Budgets bestehen laut Hermitage aus intransparenten Ausgabenposten.