Was sofort auffällt, ist die Reaktion des Publikums: dieser donnernde Applaus, diese Standing Ovations aus Überzeugung, vom ersten Augenblick an. So wird eigentlich kein Künstler begrüßt, den man gerade erst kennen zu lernen beginnt. Schon gar nicht in Hamburg. Seit 1. September ist Simone Young Generalmusikdirektorin und Intendantin der Hamburgischen Staatsoper, und wann immer sie in den ersten vier Wochen ihrer Amtszeit am Dirigentenpult stand, schlug ihr am Ende ein Beifall entgegen, dem etwas Demonstratives innewohnte. Als gebe es da schon viel mehr zu würdigen als die musikalische Leistung eines Abends, als seien da lang ersehnte, sehr grundsätzliche Ruck-Reden gehalten worden. Zum Auftakt hat Simone Young Musik des 20. Jahrhundert dirigiert, die riesenhafte Turangalila-Symphonie von Olivier Messiaen. Und wurde dafür gefeiert. Danach stand sie bei vier Repertoirevorstellungen von La Traviata im Orchestergraben. Und wurde noch viel mehr gefeiert. Selbst beim ersten Konzert im philharmonischen Alltag mit einem Trompetenkonzert von Haydn, einem Stück von Tristan Murail und Schumanns Vierter erhoben sich die Abonnenten von den Sitzen. Die Hamburger sind offenbar wild entschlossen, ihre neue Generalmusikdirektorin ganz toll zu finden.

Dabei lässt sich noch gar nicht so genau sagen, wofür die australische Dirigentin künstlerisch einsteht. Nur dass sie sehr selbstbewusst dasteht, das sieht jetzt schon jeder. Zum Beispiel am vergangenen Sonntag, als sie am Ende von Paul Hindemiths Oper Mathis, der Maler, die wahrlich kein Stimmungsabräumer beim Publikum ist, mit dem kompletten Orchester im Rücken an die Rampe trat: wieder großer Jubel. Gleich mit ihrer ersten Premiere hat sie das Haus für ein schwieriges Stück gewinnen können.

Eine Dirigentin mit Kapellmeister-Erfahrung

Simone Young scheint sich unversehens in die Rolle zu fügen, die man ihr in Hamburg nach dem Vertragsabschluss vor zwei Jahren zugewiesen hat. Ziemlich pauschal war damals von der "Weltklasse"-Dirigentin die Rede, die nun in die Stadt komme und Glamouröses bewirken werde. Das war natürlich übertrieben: Simone Young hat zwar an den ersten Opernhäusern in Europa gastiert, aber noch keine bedeutende Bühne und kein bedeutendes Sinfonieorchester eigenverantwortlich geleitet. Auch am Schallplattenmarkt ist sie noch keine Größe. Zwei Jahre lang war sie künstlerische Leiterin der Oper in Sydney, bevor sie wegen Finanzstreitigkeiten Hals über Kopf kündigte. Hamburg ist nun ihre entscheidende künstlerische Bewährungsprobe.

Beim schwungvollen Start hat sie gewiss von ihrer Kapellmeistererfahrung profitiert. Ein Abo-Publikum ohne Anlauf aus der Reserve zu locken war ihre Aufgabe in den neunziger Jahren als gefragte Dirigentin von Repertoirevorstellungen in der Oper. Aus dem Augenblick des Abends heraus dramatische Spannung aufzubauen, das Orchester zu befeuern, die Sängersolisten zu disziplinieren, den Chor zusammenzuhalten und auf alle Widrigkeiten eine reaktionsschnelle Antwort zu haben – das beherrscht sie. Man kann es an ihrem energischen Dirigierstil ablesen, an den ausladenden, animierenden Bewegungen und dem Schlag, der trotzdem präzise kommt. Man kann der Musik aber auch entnehmen, dass sie eine Dirigentin ist, die unnachgiebig probt, die an den Details feilt und den Musikern nichts durchgehen lässt.

In Mathis, der Maler formt sie die Partitur in ihren besten Momenten zu lichter, strukturklarer Kammermusik. Die Blechbläser sind dann behutsam zurückgenommen und in den Gesamtklang integriert. Hindemiths freitonale Harmonik schreitet ruhig und spannungsvoll voran. Die Phrasierungen wölben sich auf in großen Bögen. Über einem solchen Orchesterpart lässt es sich wunderbar singen. Vor allem Falk Struckmann in der Rolle des zerquälten Künstlers Mathis nutzt das für seine sinnierenden Monologe: "Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug? Ist, dass du schaffst und bildest, genug?", fragt er im ersten Bild. Und Simone Young gibt ihm aus dem Orchestergraben heraus Halt in seinem verzweifelten Schwanken.

Sie will auch die Konservativen zufrieden stellen

Frei von Patzern im Orchester und Wacklern zwischen Chor und Graben war die Einstandspremiere allerdings nicht. Es passierte so einiges, vor allem in der ersten Hälfte des Abends. Und Simone Young schien manchmal das Vertrauen in den weitschweifig grüblerischen Charakter des Stücks zu verlieren, in den distanzierten dramatischen Gleichmut, mit dem Hindemith sein Künstlerdrama um die historische Figur Mathis, Gothard Nithart alias Matthias Grünewald, den Maler des Isenheimer Altars, entwickelt. Dann konnte ihr plötzlich der Glaubensstreit zwischen den Lutheranern und den Päpstlichen nicht geifernd genug ausfallen und die gewalttätige Stimmung im Bauernkrieg nicht grell genug aufblitzen. Dann dirigiert sie eine Spur zu sehr auf Schmiss und Effekt.