Bisher konnten Sprachforscher nur sehnsüchtig zusehen, wenn Genetiker und Archäologen tief in die Frühgeschichte der Menschheit vordrangen. Denn mit linguistischen Methoden ließen sich höchstens die jüngsten 10000 Jahre erschließen. Und just vor dieser Datierungsgrenze liegt eine der sprachlich spannendsten Epochen: die ausgehende Altsteinzeit mit ihren großen Völkerwanderungen, in deren Verlauf die Menschheit sich über den Globus verteilte und in immer kleinere Gruppen mit immer mehr Sprachen auffächerte. Bei der Erforschung dieser Zeit musste die Wissenschaft bislang auf den Beistand der Linguisten verzichten.

Dieser Notstand könnte jetzt behoben sein. In Science stellen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen eine neue Methode vor, mit der sich schätzungsweise bis zu 30000 Jahre alte Sprachverwandtschaften aufdecken lassen. "Unser Verfahren stützt sich anders als das herkömmliche nicht auf Wortähnlichkeiten, sondern auf langlebigere grammatische Parallelen", erklärt der Linguist Stephen Levinson.

Bisher wurden Sprachverwandtschaften vor allem durch Vokabelvergleiche ermittelt. Aufgrund von Ähnlichkeiten wie etwa zwischen dem deutschen "Vater", dem englischen father, dem lateinischen pater und dem sanskritischen pítar wurden Deutsch, Englisch sowie alle romanischen, slawischen und keltischen Sprachen mit Hindi und Persisch zum Indoeuropäischen zusammengefasst. Diese Ursprache, so glaubt man heute, ist vor etwa 6000 Jahren in Südosteuropa oder Anatolien entstanden.

Mit solchen Vergleichen ließen sich die 6000 Sprachen unseres Planeten auf 300 Ursprachen zurückführen. Doch zu noch früheren Makro-Ursprachen lassen diese Familien sich per Wortvergleich nicht mehr bündeln. Da sich Sprache stetig ändert, verlieren sich akustische Gleichklänge im Verlauf von etwa 10000 Jahren.

Besonders spektakulär scheiterte die historische Linguistik bisher im polyglotten Neuguinea. Zwischen den dort benutzten 700 Papuasprachen fanden sich praktisch keine Wortähnlichkeiten. Der Schluss lag nahe, dass sie sich vor mehr als 10000 Jahren aufgespalten haben. Genau dieses Rätsel nahmen sich die Nijmegener Linguisten vor. Dabei fanden sie grammatische Gemeinsamkeiten zwischen den Papuasprachen, die diese zugleich von den benachbarten austronesischen Sprachen abgrenzen. Daraus entstand die Idee, auf der Basis der Grammatik einen "Sprachenstammbaum" zu entwerfen.

In Zusammenarbeit mit Anthropologen gingen die Linguisten etwa so vor wie beim Erstellen biologischer Arten-Stammbäume. Sie prüften 125 grammatische Merkmale ab (etwa: "Hat die Sprache Pluralformen?") und speisten die Antworten in ein Computerprogramm, das nach Ähnlichkeitsbeziehungen suchte. Daraus ließ sich ein Diagramm der Verwandtschaftsverhältnisse erstellen. Zunächst testeten die Forscher die Methode an den austronesischen Sprachen, deren Ursprung vor 6000 Jahren auf Taiwan liegt und deren Entwicklungsgeschichte daher gesichert ist. Tatsächlich stimmte das Ergebnis der MPI-Wissenschaftler mit dem bekannten Stammbaum überein. Dann wandten die Linguisten ihr Verfahren auf fünfzehn Papuasprachen von melanesischen Inselgruppen vor der Küste Neuguineas an. Für die zuvor scheinbar isolierten Sprachen ergab sich ein komplexer Stammbaum. Unter anderem zeigt er einen gemeinsamen Ursprung für zahlreiche Sprachen zweier Inseln – und ebendiese Inseln waren vor rund 10000 Jahren wegen eines niedrigeren Wasserstandes miteinander verbunden.

Die neue Methode könnte auch die Suche nach den Wurzeln des Indoeuropäischen vorantreiben, meint Levinson. Mit Hilfe eines Grammatikdiagramms ließe sich die Hypothese prüfen, ob das Indoeuropäische auf denselben Ursprung zurückgeht wie die Sprachfamilien Afro-Asiatisch, Altaisch (zu der Türkisch und Mongolisch gehören) und Uralisch (wozu Finnisch zählt). Linguisten glauben, dass eine allen gemeinsame Ursprache, das "Nostratisch", vor 12000 Jahren in Südwestasien gesprochen wurde. Wie sie klang, lässt sich leider auch mit dem Grammatikstammbaum nicht ermitteln.