Man kann nicht genau erkennen, wer von den beiden Richtung und Tempo angibt, der Einkaufswagen oder doch Pink Man selbst. Quer durch Asien geht es jedenfalls mit Mann und Wagen, von Bangkok bis Bali, an Strände und Straßenkreuzungen, durch Tempel und Baustellen, Pink Man immer da, im Leuchtanzug aus Billigseide, genäht von einem Schneider, bei dem man besser nicht arbeiten lassen sollte. Nicht dass Pink Man immer genau wüsste, wo er gerade ist, es gibt überall viel zu kaufen. Dennoch wirkt er ein wenig ratlos, weil im Licht des rosa Geldes alles irgendwie gleich aussieht. Verkörperung der sanften Gier: Der Fotoserienheld Pink Man geht auf Shopping-Tour BILD

Der thailändische Künstler Manit Sriwanichpoom hat Pink Man vor ein paar Jahren erfunden. Mit dem kleinen rosa Dicken hat Manit eine Reihe von Fotoserien produziert: Pink Man, der all-asiatische Konsumimperialist, der Deplatzierte in den Idealreichen der Natur und des Alten, die Verkörperung einer sanften Gier, die Asien in diesen Jahren zusammenschweißt. Pink Man könnte ein Thai sein, aber genauso gut ein Chinese oder ein Inder. Asien blickt im Augenblick mit großem, Pink-Man-haftem Selbstbewusstsein auf sich. In Asien ist Wachstum und Weltgeschichte, fern gerückt die USA, die sich im Ernstfall nicht einmal mehr selbst helfen können, noch ferner Europa, das verwitterte Technik- und Sozialmuseum.

Manits Sriwanichpooms Fotografien hinterlassen eine feine Bitterkeit, und zwar gleichermaßen bei thailändischen wie bei westlichen Betrachtern. Man erwartet diese Art (Selbst-)Ironie kaum – auch nicht die Thais – in einem Land, das sich hinter entwaffnendem Lächeln versteckt und nur allzu gern seine touristische Schauseite präsentiert. Aus dem Dunkel hinterm Prospekt treten lediglich Tsunami-Leid, Goldenes Dreieck, allenfalls noch die Sexindustrie als Thai-Klischees hervor. Sie zusammen formen das paradoxe Bild Thailands als eines zivilisierten Drittweltlandes.

Michael liebt Bangkok – und er fürchtet die Moral dieser Stadt

Man möchte im Westen so gerne hinter all dem asiatischen Ehrgeiz die immerwährende Sozialapokalypse ausmachen. Aber so einfach ist das nicht. Thailand, die außer Japan und Singapur am weitesten entwickelte Nation Südostasiens, das nie kolonisierte Reich, das aus der Asienkrise von 1997 gestärkt hervorging, hat nicht so sehr mit den Hinterlassenschaften des weißen Mannes samt dessen schlechtem Gewissen zu kämpfen, sondern mit sehr realen Problemen. Wer einen Blick auf zeitgenössische Kunst aus Thailand wirft, stößt sofort auf diese Probleme, sie nehmen sich einigermaßen "westlich" aus, denn sie haben mit der Suche nach Stabilität und nach Identität zu tun, mit Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit, mit dem Recht auf Individualisierung und dem schmerzlichen, aber selbst verschuldeten Abbruch von Traditionen.

"Wenn in Bangkok einer behauptet, er lebe in einem alten Haus, dann meint er einen Apartmentkomplex aus den Achtzigern", sagt Michael Shaowanasai, 1964 als Kind thailändischer Emigranten in Philadelphia geboren, später Kunststudent in Chicago und erst seit gut zehn Jahren in Bangkok lebend. "Das Veränderungstempo ist irrsinnig hoch und die Bereitschaft zum Vergessen entsprechend ausgeprägt." Tatsächlich wirkt Bangkok, wie im fiebrige Wolkenkratzerdelirium, als würden in ihm jede urbane Heimatlichkeit, jedes Bäumchen und jeder Straßenbelag, jede Art von Behausung und jegliche Lebensform dauernd von unten her aufgelöst in einem Säurebad, sodass der Verkehr noch schneller fließen und sich alles heraufflüchten müsse auf eine höhere Ebene der Stadtarchitektur.

Sobald es regnet und die Menschen sich unter die muskulöse Betontrasse des Skytrain flüchten, scheinen sie bei Godzilla Schutz zu suchen. Augenscheinlich existieren nur die Kids im Einkaufszentrum MBK, die nach neuen Handyhüllen suchen, unbekümmert auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. "Es gibt kein Interesse an Geschichte", sagt Michael weiter, "weil es bedeutete, dass man sich einem vieldeutigen und unbequemen Phänomen stellt. Auch die eigene Rolle darin käme dann zur Sprache, und damit möchte sich hier keiner konfrontieren. Schon gar nicht Thailand als Nation. Die dauernde Berufung auf das Althergebrachte ist so verlogen, weil sie mit Geschichte überhaupt nichts zu tun hat. Sie dient nur der Absicherung der Verhältnisse hier und heute."