Wenn Politiker von uns allen sprechen, nennen sie uns gern "den Wähler", "den Bürger", "den Menschen" oder "das Elektorat". Es sind, so über die Köpfe weggesprochen, recht ungemütliche Begriffe, von denen man nicht unbedingt gemeint sein möchte. Sie haben so was Erledigendes. Die Masse in Blockform. Stammgast im Arbeitsamt - Lehrer Lukas (Matthias Leja) in Moritz Rinkes "Café Umberto", uraufgeführt in Essen BILD

In der aktuellen Dramatik passiert etwas Ähnliches. Dort wird die langweilige Mehrheit des Volkes neu entdeckt und "Die Mitte" genannt. Am vergangenen Wochenende sind im deutschen Westen zwei Stücke maßgeblicher Dramatiker uraufgeführt worden, Roland Schimmelpfennigs Ambrosia in Essen und Moritz Rinkes Café Umberto in Düsseldorf. Beide handeln nach Aussage ihrer Autoren von der Not "der Mitte". Also von den Gebildeten, im Wohlstand Aufgewachsenen, vor elterlicher Gewalt, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Hunger Verschonten.

In beiden Stücken ist die Mitte erkennbar als eine bedrohte Spezies: Es wird sie wohl nicht mehr lange geben. Belauschen wir die Mitte, wie sie bei Schimmelpfennig spricht:

Rockweiler: Da fehlt eins! Da fehlt ein Dunkles!
Hartung: Moment – wir hatten drei Dunkle –
Die Kellnerin: Drei Dunkle –
Kronberg: Du hattest überhaupt kein Dunkles bestellt!
Kreye: Ich? Aber sicher –
Die Kellnerin: Es waren drei dunkle Bockbier –
Kreye: Ich habe doch ein dunkles Bier bestellt –
Gallasch: Ich hatte einen hellen Bock –
Frau Hartung: Wir waren bei Rot –
Gallasch: Aha –

Es geht noch lange so weiter in Roland Schimmelpfennigs Ambrosia, das zwar nach Götterspeise benannt ist, aber Alkohol meint. Bock, Alt, Dunkles, Pils, Trester, Blauer Portugieser, Silberberger Zögling.

Acht Zecher sitzen, zum Publikum gewandt, am langen Tisch eines Wirtshauses. Sie trinken und bestellen und reden und rauchen, und über der Tafel ballt sich eine Tabakwolke, die langsam in den Theatersaal rollt. Sieben Herren, eine Dame: Sachbearbeiter des Rausches. Sie nehmen ihre Sache ernst; wenn man die leeren Gläser abräumt, ärgern sie sich, denn nun sieht man ihre Trinkleistung nicht mehr. Auch am Hof von König Alkohol definiert sich der Deutsche durch guten Willen. Die Parole lautet: Hau weg!

Schnapsgläser und Bierkrüge und Weinkelche und Cognacschwenker donnern auf die Tafel nieder, Hämmerchen eines Walzwerkes, und nun dämmert dem Zuschauer, was der eigentliche Werkstoff der Trunkenen dort oben ist: Es ist die Zeit, die platt gewalzt, leer gedroschen, eingestampft wird.

Dies hier ist die Mitte der Gesellschaft, wie Schimmelpfennig sie sieht: der tiefe deutsche Brunnen, die Festung der Rauschkugeln.

"Man könnte sagen, Ambrosia ist ein Stück über die Republik und den Stillstand der Republik", sagt Schimmelpfennig im Programmheft. "Und es ist eine Analyse über die tragende Schicht dieser Republik, nämlich den Mittelstand."

Das Ganze hat was den großen Gelagen der Kunst, von Thomas Vinterbergs Fest und von Faust in Auerbachs Keller. Allerdings ist es ein Fest ohne Katharsis und Auerbachs Keller ohne Mephisto und ohne einen Vordergrund, worin der Teufel und sein Begleiter sich aufhalten könnten: Ambrosia ist ein Stück ganz im Mittelgrund. Seine Figuren sind von mittlerer Blödheit, mittlerer Besoffenheit, mittlerer Flachheit. Der neue Essener Intendant Anselm Weber lässt sie nacheinander zu Wort kommen, als hätten sie sich lange vor diesem Abend auf einer Rednerliste eingetragen: Hier tagt die Ortsgruppe der weltweit herrschenden Leber-Partei.